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Marat Guelman: Der Zar der Moskauer Szene

"Die Geschichte der russischen Kunst seit 1990 und die Geschichte meiner Galerie sind identisch", behauptet Marat Guelman - und zwar zu Recht. Ein Porträt des umstrittenen Strippenziehers der neuen russischen Kunst aus Anlass der 2. Moskau-Biennale.

Von Susanne Altmann

Die Website von Russlands wichtigster Galerie für Gegenwartskunst startet mit einem seltsamen Dialog: Gehst du in die Kirche? Nein. Gehst du in die Synagoge? Nein. Bist du Materialist oder Metaphysiker? Mir scheint, ich habe das schon gesagt: Ich bin - Galerist! sagt die virtuelle Stimme des Inhabers Marat Guelman, der seine Identität hier offenbar ganz besonders betonen will.

Guelman ist der bedeutendste russische Händler für Zeitgenössisches. Er begann schon Mitte der achtziger Jahre, Kunst zu sammeln und Ausstellungen zu organisieren Dabei interessierte er sich weniger für den hippen Moskauer Konzeptualismus, sondern entdeckte im Hinterland neue Talente. 1990 gründete der seine eigene Galerie - die erste im zerfallenden Sowjetreich. Seit damals gehören Berühmtheiten wie Witalij Komar & Alexander Melamid oder Walerij Koschljakow zu seinem Stammpersonal. Warum also dieser Wirbel um die Berufsbezeichnung Galerist?

"Galerist ist meine Identität"

Dafür gibt es gewichtige Gründe, denn vielen Russen ist Guelman vor allem als einflussreicher Politstratege geläufig. Er organisierte von 1995 bis 2002 landesweite PR-Kampagnen und Wahlkämpfe; zu seiner Klientel gehörten Boris Jelzin und Präsident Wladimir Putin. 2003 erdachte Guelman gar eine neue Partei, die nationalistische "Heimat" ("Rodina"). Sie hatte nur einen Zweck: Die Zersplitterung der Parteienlandschaft weiter voranzutreiben, um Putin als starken Mann dastehen zu lassen.

Doch dann ging er daran, sein Image zu ändern: Er quittierte seinen Dienst als Vizechef des russischen Ersten Fernseh-Kanals (ORT) und betonte nun bei jeder Gelegenheit: "Galerist ist meine Identität." Diese Kehrtwende erklärt er damit, dass man in der heutigen russischen Politik nichts mehr bewirken könne: "Wenn alles von oben kontrolliert wird, sind Intellektuelle nicht mehr gefragt." Er fördert offensiv gesellschaftskritische Positionen: Im Galerieprogramm umgibt er sich mit Unruhestiftern wie Oleg Kulik, Alexander Brener oder der Gruppe Blue Noses.

Die meisten namhaften Künstler sind Guelman verpflichtet

Ein anderer, gewichtiger Grund für Guelmans Rückzug von der politischen Bühne besteht im funktionierenden Kunstmarkt in Russland: Russische Gegenwartskunst wird nicht mehr nur im Ausland verkauft. Die neuen Reichen des Landes haben Blut geleckt und Guelman versorgt sie mit Ware. Ein zweiter Schauplatz, auf dem sich Marat Guelman unübersehbar tummelt, ist die Kunstmesse Art Moskwa. Er hat das Projekt 1996 mitbegründet. Guelman verdiente allein auf zwei Messen im Jahr 2006 eine halbe Million Dollar.

Und zweifelsfrei ist es auch sein Verdienst, dass große Museen wie die Neue Tretjakow-Galerie oder das Russische Museum in St. Petersburg endlich Gegenwartskunst wahrnehmen. Er behauptet: "Die Geschichte der russischen Kunst seit 1990 und die Geschichte meiner Galerie sind identisch." Die meisten namhaften Gegenwartskünstler des Landes sind ihm ohnehin verpflichtet: So gründete er im März 2006 die "Marat-Guelman-Kunststiftung". Dafür konnte er die Unternehmer und Sammler Viktor Bondarenko und Alexander Smusikow gewinnen.

Hier vereinen die drei Gründer ihre hochkarätigen Kunstsammlungen und bestücken damit Sonderausstellungen zwischen Bilbao und St. Petersburg. Der Fonds unterstützt Künstler des Guelman-Stammpersonals. Außerdem betreibt die Stiftung unter der Adresse www.GiF.Ru die wichtigste Informationsdatenbank zur russischen Gegenwartskunst im Internet.

Der Jude Guelman wird als Feind russischer Neofaschisten geführt

Ganz ohne Neider wächst das ehrgeizige Guelman-Imperium freilich nicht. Im Oktober 2006 drangen zehn Unbekannte in die Galerieräume ein, verwüsteten das Büro und brachen dem Galeristen die Nase. Der Fall wurde bislang nicht aufgeklärt.

Zuvor hatten Zollbeamte auf dem Moskauer Flughafen den Londoner Galeristen Matthew Bown an der Ausreise nach England gehindert und von Guelman geliehene Werke konfisziert. Vermutlich haben sich die Angreifer auf die Galerie von dieser staatlichen Maßnahme ermutigt gefühlt, zusätzlich zu der Tatsache, dass der Jude Guelman ohnehin als Feind auf einer Internetliste russischer Neofaschisten geführt wird. Seinerseits legte er im Web einen Katalog von Rechtsextremisten an - in seinem Online-Tagebuch mit dem Titel galerist.livejournal.com. Auch hier prangert Guelman die Kreml-Politik an, die ein gutes Klima für rechtsradikale Gewalt schaffe. Doch es entspräche nicht seinem Naturell, sich entmutigen zu lassen. So veranstaltet er momentan eine Großausstellung mit dem schmissigen Motto "Kunst oder Tod", sie begleitet die 2. Moskau- Biennale 2007.

Entmutigen lässt sich Guelman nie

Zeitgleich zu Biennale und Ausstellung bezieht Guelman neue Räume auf dem Gelände einer verwaisten Weinabfüllerei namens "Winzavod" (Weinfabrik). Er nimmt seine Kollegen von vier weiteren erfolgreichen Galerien gleich mit. Denn damit die Vision von einer Kunstfabrik funktioniert, gilt es 20000 Quadratmeter zu bespielen. Die Gestaltung des gesamten Komplexes hat der Experimental-Architekt Alexander Brodskij übernommen. Keine Überraschung: Hat er doch bereits die Vorstadtvilla seines Galeristen Guelman entworfen.

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