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Marie-Antoinette-Ausstellung: Hoch erhobenen Hauptes zum Schafott

"Wenn die Armen kein Brot haben, dann sollen sie Kuchen essen." Für diesen Spruch wurde sie berühmt - dabei war er gar nicht von ihr. Eine Pariser Ausstellung widmet sich dem Leben und Sterben der französischen Königin Marie-Antoinette.

Von Tilman Müller

Die Schülerinnen aus den Nobelvororten tragen dunkelblaue Faltenröcke und geben beträchtliche Summen ihres wohl bemessenen Taschengelds aus für all die Medaillons, Anstecknadeln und Postkarten mit dem vornehm blassen Antlitz der Aristokratin, die vor gut 200 Jahren nur ein paar Meter von hier auf dem Schafott endete - kurz vor ihrem 38. Geburtstag.

Wir stehen Schlange im Museumsshop des "Grand Palais". Draußen auf der Champs-Elysées warten unter einem Meer von Regenschirmen mit bewundernswerter Geduld die Fanscharen über Stunden in unendlichen Sla-lomlinien, bis ihnen Einlass gewährt wird zu dieser Retrospektive von Maria Antonia Josepha Johanna von Habsburg-Lothringen, besser bekannt als Marie-Antoinette (1755-1793), die letzte Monarchin des Ancien Régime.

Die Ausstellung, noch bis 30. Juni zu sehen, ist in Paris der neue Publikumsrenner. Das mag an den vielen Filmen liegen, die der glamourösen Thronfolgerin zu aktuellem Nachruhm verhelfen, zuletzt das reizende Kostüm-Epos von Sofia Coppola. Der "Marie-Antoinette-Stil" moderner Fashion-Designer vom Schlage eines John Galliano tut ein Übriges, und ohnehin ist das Interesse am höfischen Leben in Frankreich nicht gerade klein - einem Land, das bis heute von einem Hofstaat regiert wird, einer reichlich abgehobenen Elite, die höchst stilbewusst aus und eingeht im Elysée-Palast, den das einfache Volk kurz "Le Château" nennt, das Schloss.

Seit es dort mit dem neuen Präsidenten Nicolas Sarkozy etwas lockerer zugeht, dürfte sich das Interesse an der höfischen Daseinsform noch einmal verstärkt haben. Zumal, hochaktuell, eine neue Dame dem Hofe vorsteht, eine Italienerin, berühmt für ihre hinreißenden Chansons und Modell-Künste und außerdem schön anzusehen. Und ähnlich wie heute Carla Bruni im Elysée machte vor bald 250 Jahren Marie-Antoinette im Schloss von Versailles viel Furore. Sie konnte zwar nicht singen und war bei ihrer Ankunft in Paris erst 14 Jahre alt, doch mit ihrem blendenden Aussehen und ihren extravaganten Roben betörte damals alle Welt. Und ähnlich wie die heutige "Premiere Dame" mit Sarkozy, hatte die Österreicherin mit ihrem anno 1775 gekrönten Ludwig XVI. einen Gemahl, der nach bei seinen Landsleuten schnell an Populari-tät verlor.

Das Volk nennt sie bald nur noch "Madame Déficit"

Die gut bestückte Ausstellung im Grand Palais zeichnet die Vita der glamourösen wie glücklosen Königin einprägsam nach. Zuerst pastellfarbene Säle, in denen Kindheit und Jugend der pausbäckigen Habsburgerin anhand von Gemälden mit überreich verzierten Goldrahmen aus meist österreichischem Fundus dargeboten werden. Dann in nachtblauem Ambiente die Versailler Glanzzeit, die Marie-Antoinette bevorzugt im Trianon-Schlösschen verbrachte, ihrem höchst prunkvollen Refugium, das - bisweilen an der Grenze zum Kitsch - alles in den Schatten stellte, was die damalige Welt an luxuriösem Dekor zu bieten hatte. Viel edles Porzellan und Gestühl aus den Gemächern ist hier zu sehen, doch bereits im unvergleichlichen Trianon dürften die Signale der Revolution unüberhörbar gewesen sein.

"Madame Déficit", wird die verschwenderische Herrscherin bald im Volk genannt, und im satirischen Blätterwald rauscht es gewaltig. Auf einem Stich eines anonymen Künstlers aus dem Jahre 1780 mit dem Titel "Le triomphe de coquetterie" wird die frivole Machthaberin kräftig durch den Kakao gezogen - da übersteigt ihre Haarpracht die Höhe ihrer Paläste, und die Tiefe ihres Dekolletés könnte moderne Silikon-Architekten inspirieren.

Weiter geht es im "Grand Palais" eine Etage tiefer mit einem übergroßen zerbrochenen Spiegel. Danach ein langer, schlauchartiger, tiefschwarzer Raum, der dem Besucher Marie-Antoinettes Gang zur Guillotine vor Augen führt. Links ihre letzten Worte vor dem Tod, rechts Karikaturen gegen die "aristokratische Hyäne".

Hoch erhobenen Hauptes auf dem Henkerskarren

Es ist der 16. Oktober 1793. Viertel nach 12 Uhr wird sie auf den Place de la Concorde gekarrt. "Vive la République", ruft die Menge, dann fällt gnadenlos das Beil. Vom berühmten Maler Jacques-Louis David, der die Exekution miterlebte, stammt eine kleine letzte Skizze auf cremefarbenem Papier. Sie zeigt Marie-Antoinette mit niedergeschlagener Miene auf dem Henkerskarren, die Hände auf dem Rücken, das Haupt erhoben.

Die Ausstellung "Marie Antoinette" ist täglich (außer Dienstag) von 10 bis 20 Uhr in den Pariser Galeries nationales du Grand Palais zu sehen