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Nach Winnenden: Amok im Theater

Misshandlung, Drogen, Übergewicht: Zu jedem gesellschaftlichen Problem liefert Autor Johannes Galli das passende Theaterstück. Er nennt es Präventionstheater. Sein jüngstes Projekt ist ein Theaterstück über Amokläufe an Schulen.

Von Heidi Beha

Das Bühnenbild ist schlicht in Schwarz und Weiß gehalten, es gibt nur drei Schauspieler: Amokläufer, Engel und schwarzer Mann. Die Musik, die das Stück taktet, ist bekannte Popmusik, wie zum Beispiel das Lied "If God was one of us" von Joan Osbourne. Die Vorführung beginnt mit den letzten Schüssen des Amokläufers und spielt dann in einer Art Zwischenreich, wo sie auch endet. Es geht um Schuld, Wiedergutmachung und Reue. Am Ende entschuldigt sich der Täter. Gegeben wir das Stück "Die andere Seite", das sich mit dem Amoklauf von Winnenden befasst.

Kunst greift häufig Missstände in der Gesellschaft auf. Das beansprucht auch Theatermacher Johannes Galli für sich. Er ist Gründer der Galli-Gruppe Deutschland, die wie ein Franchise-Unternehmen funktioniert. Mehrere Theater, Trainings- und Ausbildungszentren, ein Verlag und das so genannte "Präventionstheater" gehören dazu. Das Präventionstheater soll helfen, gesellschaftliche Ereignisse und Probleme zu verarbeiten, damit sie sich nicht wiederholen, erläutert Galli sein Konzept. "Alle anderen müssen vorsichtig sein, aber ich gehe an die heißen Themen ran, weil ich das als Theatermacher darf", sagt der 58-Jährige.

Der Amoklauf von Winnenden ist nur das jüngste Beispiel für Themen, die er so "bearbeitet". Galli macht Theaterstücke auf Bestellung. Mit besten Referenzen: Im Auftrag der Uno entwickelte er das Stück "Rothäppchen", das über Drogen und Menschenhandel aufklären soll. Für Krankenkassen hat er "Adi und Posi" realisiert, das auf die Probleme Übergewicht und falsche Ernährung aufmerksam macht. Und das Stück "Rauchfrei" hat er für das Bundesministerium für Gesundheit entwickelt. Die Liste ist lang.

Das Stück zum Amoklauf in Winnenden hat Galli in nur zwei Wochen aufführungsreif gemacht. Wobei man es eher Reaktions- denn Präventionstheater nennen müsste. Die Premiere sollte im Backnanger Galli-Theater stattfinden, nur etwa zehn Kilometer von Winnenden entfernt. Es gab Proteste, aufgeführt wurde das Stück dennoch. Galli machte aus der Premiere eine Voraufführung mit geladenen Gästen und belässt es nun bei der einen Vorführung im Backnanger Theater. Laufen tut es nun auf der Freiburger Bühne.

"Frau Koma kommt"

Zunächst hieß das Stück "Frau Koma kommt". Das ist der Wortlaut der Warndurchsage in Schulen, um vor einem Amokläufer zu warnen. (Koma ist Amok rückwärts). Nun wird es jedoch unter dem Titel "Die andere Seite" gespielt, weil Betroffene protestiert hatten. "Die Worte erinneren sie an die schlimme Tat, und darum haben wir Rücksicht genommen", sagt Heidrun Ohnesorge. Die Rücksicht kam aber erst im Nachhinein. Das zeigt, wie unsicher sich Galli offenbar selbst ist, ob das, was er da macht, richtig ist.

Schwarz-Weiß-Malerei

"Dem Stück fehlt es an Tiefe", kritisiert ein Zuschauer die Aufführung in Freiburg. Es würde vereinfachen und dazu verleiten, die Tat von Winnenden in Schwarz-Weiß-Kategorien zu betrachten. "Für mich ist es viel zu stark darauf reduziert, dass geurteilt wird", sagt eine Lehrerin nach der Aufführung. Das schwarz-weiße Bühnenbild und die Engels- und Teufelsfigur geben ihr Recht. Doch decken sich Autorintention und die Aufnahme durch das Publikum nicht. Galli hatte an eine andere Botschaft gedacht, als er das Stück schrieb: "Es geht nicht darum, dass ein Amokläufer verurteilt und ein Gut-Böse-Raster gebildet wird. Dadurch wird nur verdrängt." Man müsse die Dinge ins Bewusstsein heben, nur so könne man Gewalttaten wie Winnenden verhindern, sagt er. Stellt sich die Frage, ob Galli überhaupt gelungen ist, auf die Bühne zu bringen, was er eigentlich sagen möchte.

Nach der Aufführung diskutieren Publikum, Schauspieler und Autor. Das gehört zu Gallis Konzept: "Wir wollen die Dinge beim Namen nennen und das Publikum nicht mit seinen Gedanken allein lassen". Viele der rund 100 Gäste beteiligen sich. "Ich hoffe, dass so etwas nicht noch einmal passiert", sagt ein 12-Jähriger. Eine ältere Frau mutmaßt, der Amokläufer habe durch die Tat endgültig seine Ruhe haben wollen und sich deshalb auch selbst getötet hat. Das Theater ist wie ein großer Stammtisch, jeder kann etwas zum Amoklauf sagen.

"Mir geht der Stoff nicht aus, und ich gebe zu, ich habe den Glauben an eine gute Gesellschaft verloren", sagt der Theatermacher. Galli hat einst als Straßenclown angefangen und war in den 80er Jahren sogar eine kleine Berühmtheit. Die einzige Hoffnung auf eine bessere Welt sehe er heute bei den Kindern, sagt er.

Märchen und Nachrichten

Für die inszeniert er vor allem die Grimm'schen Märchen und Clown-Theaterstücke. Das erste Galli-Theater eröffnete er 1989 in Freiburg. Es war seine erste eigene feste Spielstätte. Bald danach baute Galli das Theaterunternehmen aus und eröffnete neue Standorte. Aufgewachsen ist er in einer bürgerlichen Familie. Der Vater war Metzger. Für den hatte er sein Germanistik-, Philosophie- und Geschichtsstudium in Freiburg zum Abschluss gebracht. Als er das Magisterzeugnis nach Hause brachte, verkündete er jedoch: "Ich werde Straßenclown". ´

Seine rote Nase hat er mittlerweile gegen Hemd und Sakko getauscht. Als Trainer für Körpersprache und Interkulturelle Kommunikation arbeitete er für die Allianz, BP-Oil und Daimler. "Das Kindertheater wird durch die Trainings und über das Business-Theater querfinanziert", sagt Heidrun Ohnesorge, Leiterin des Galli-Theaters Freiburg. Staatliche Gelder bekämen die Galli-Theater nicht. Ab und zu sponserten Unternehmen Schulvorführungen.

"Einfach zu früh"

Vor der Aufführung in Backnang hatte sich die Schulleiterin der Albertville-Realschule, wo zwölf Menschen ermordet wurden, empört, dass zwei Wochen nach dem Amoklauf ein solches Stück aufgeführt werden sollte. Galli hält dagegen: "Ich greife die Themen auf, für die gerade ein Bewusstsein da ist." Doch sieht er mittlerweile ein: "Das war einfach zu früh, und Backnang ist zu nah beim Geschehen."

Auf seiner Website preist Galli das Amok-Stück als Sondervorstellung gegen Gewaltexzesse: "Ein Theaterstück, das die wirklichen Fragen stellt". Das gesellschaftliche Trauma aufzuarbeiten, ist das selbst gesteckte Ziel von Galli. Letztlich steht hinter seinem Idealismus, die Gesellschaft wachzurütteln, aber auch Geschäftssinn. Er hofft, dass Schulen und Einrichtungen sein Stück buchen, und wenn nicht den künstlerischen, dann immerhin den pädagogischen Wert honorieren.

"Das Theater kann einen zusätzlichen Weg bieten, auf psychische Probleme aufmerksam zu machen", sagt Psychologe Jürgen Bengel von der Universität Freiburg. Ein solches Theaterspiel könne aber keine Behandlung von psychisch erkrankten Menschen ersetzen. Wer unter Schlafstörungen leide oder bestimmte Gedanken nicht mehr los werde, den werde auch das Theater nicht therapieren.