National Portrait Gallery London Gesichter der Pop-Art


Die Herbstausstellung der Londoner National Portrait Gallery beschäftigt sich mit einer vergessenen Kunstform des Pop-Art-Zeitalters: dem Portrait. 52 Werke von 28 Künstlern sind vom Kurator Paul Moorhouse zusammengetragen worden, darunter von Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Jasper Johns und Peter Blake.
Von Cornelia Fuchs

Wer an Pop-Art denkt, dem kommt möglicherweise als erstes eine Suppendose in den Sinn. Warhols berühmte Campbells Tomatensuppe wird oft exemplarisch abgebildet, wenn es um Pop-Art geht, die Strömung, die den Zeitgeist der Massenproduktion und des Konsums in die Kunst übertragen hat. Doch in der Ausstellung "PopArtPortraits" steht nicht die kalte Kritik am Massenkonsum im Vordergrund, sondern die Darstellung von Menschen.

Die Ausstellung beginnt mit Bildern, die für den heutigen Betrachter keineswegs außergewöhnlich erscheinen. Sie kreieren aus Magazin-Titeln Collagen und damit neue Gesichter, seltsam entfremdet und verzerrt. In den frühen 50er Jahren waren diese Bilder eine Provokation. Der Kunstmarkt wurde vor allem in den USA vom abstrakten Expressionismus dominiert. Die Darstellung von Realität war verpönt. Wie schwierig es war, sich von diesen Erwartungen zu befreien, zeigt das Bild "Oedipus - Elvis #1" von Ray Johnson - ein Elvis mit blutenden Augen. Johnson hatte dafür rote Farbe über das Portrait des Stars tropfen lassen, hatte symbolisch den Vatermord an seinem Mentor Jackson Pollock vorbereitet, der mit seinen abstrakten Tropf-Bildern weltberühmt wurde.

Menschen werden zu Symbolen

Doch mit den Menschen brachten die Pop-Art-Künstlern nicht die Menschlichkeit in die Kunst zurück. Direkt im nächsten Ausstellungsraum, wenige Meter von Johnsons' blutendem Elvis entfernt, hängt das Bild "In the car" von Roy Lichtenstein. Ein Paar fährt Auto, ein Bild wie aus einem Comic entnommen, und unausgesprochen hängt die Frage in der Luft: Kann die Darstellung fiktiver Figuren ein Portrait sein? Und wenn, was wird hier portraitiert? Der Pop-Art dienen die Menschen als Symbole, portraitiert wird der Stil eines Medienzeitalters, das neue Idole kreiert, hinter denen die wahren Persönlichkeiten verschwinden. Die Pin-Up-Mädchen der frühen Playboy-Generation können so austauschbar wie Eisbecher dargestellt werden, neben denen sie sich räkeln - "Great American Nude" heißt dieses Bild.

Sogar im Selbstporträt überwiegt die Künstlichkeit. Andy Warhol malt sich selbst als Schattenriss, eindimensional, anonymisiert. Die Ausstellungsmacher zitieren ihn mit der Aussage: "Jeder Mensch sollte eine Maschine sein". Die Menschen in Warhols Bildern werden zu Masken.

Warhol würde Maddies Mutter portraitieren

Der britische Künstler Gerald Laing beschreibt seinen Ausflug in die PopArt der frühen 60er Jahren so: "Wir haben an den amerikanischen Traum geglaubt, an das Rennen im Weltall, an ein besseres Zeitalter." Das alles endete mit der Ermordung Kennedys, dem Vietnamkrieg, dem Selbstmord von Marilyn Monroe. Die Hoffnungen zerstoben. Was blieb, waren leere Versprechungen und die Masken der Menschen, die diese Versprechungen verkörpert hatten. Die Portraits der PopArt dokumentieren, wie die Künstler, und damit wir, in einem Zeitalter der Medien leben und aussehen. Oder, wie es die Kritikerin Joanna Pitman in der Zeitung "Times" schreibt: "Wenn Warhol heute noch leben würde, würde er an einem Portrait Kate McCanns arbeiten."


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