Neues Museum Berlin 20.000 Besucher diskutieren beim Richtfest

Baustellengucken ist eine Lieblingsbeschäftigung der Berliner. Rund 20.000 Besucher besuchten an den Tagen der Offenen Tür das Neue Museum auf der Museumsinsel. Sie wollten gucken, wo ihre heiß geliebte Nofretete ab 2009 stehen wird. Und sahen erstmals die aufregenden und umstrittenen Einbauten des Architekten David Chipperfield.
Von Anja Lösel

Es ist ein seltsames Grüppchen, das da auf der Berliner Museumsinsel steht und Flugblätter verteilt. Verbittert scheinen sie, denn die Renovierung des Neuen Museums läuft nicht so, wie sie sich das gewünscht hatten. 60 Jahre lang stand das Haus als Kriegsruine mitten in der Stadt, dann endlich konnte der Londoner Architekt David Chipperfield mit der Wiederherstellung beginnen.

Doch obwohl er sorgsam plante, jede Menge Fachleute zu Rate zog, die Unterstützung von Museumsleuten und Denkmalpflegern erhielt, findet das Häuflein Kritiker von der "Initiative Museumsinsel", dass alles schief gegangen ist. Ein hübsch wieder hergerichtetes Haus hatten sie sich erhofft, mit glatter Putzfassade und einem Treppenhaus im Stil des 19. Jahrhunderts, wie Baumeister August Stüler es einstmals errichtet hatte.

Aber Chipperfield will nicht so wie sie wollen. Er steht auf dem Standpunkt: Was der Krieg zerstört hat, soll man nicht wieder herstellen und so tun, als sei nichts gewesen. Deshalb konserviert er alle Bauteile und Dekorationen, die noch im Original da sind. Aber er pinselt nichts dazu, tüncht nicht über Schadstellen hinweg. Das Ergebnis ist ein aufregendes Gebäude, das man durchläuft wie ein Geschichtsbuch und dem man seine Vergangenheit ansieht.

Vom quadratischen Grundriss zum perfekten Rund

Im Niobidensaal leuchten schon die prächtigen Fresken, die rostroten Wände aber sind noch unfertig und zeigen Spuren von Farbproben. Im Vaterländischen Saal mit den schweren Säulen wurden die Wandbilder mit einer aquarellierenden Retusche vervollständigt. So ist Alt und Neu gut auseinander zu halten. Im fast völlig zerstörten Ägyptischen Hof mit seinen Ziegelwänden stehen nun Stützen, die einen eleganten Hof im Hof bilden. Dem Mythologischen Saal fehlt noch die knallblaue Decke, während die wunderbare neue Südkuppel schon vollendet ist und sich vom quadratischen Grundriss zu einem perfekten Rund emporschwingt.

Begeistertes Besucher-Echo

"Bleibt das jetzt so?" hört man verunsicherte Besucher immer wieder fragen. Zum Glück gibt es Helfer, die erklären und Fragen beantworten. Am Ende finden die meisten das Nebeneinander von Alt und Neu gelungen, sie loben die "wunderbaren Kontraste", und viele finden's "einfach toll". Besonders umstritten ist allerdings das Treppenhaus. Hier war 1943 eine Bombe eingeschlagen und hatte die gesamte Treppenlage samt Wandschmuck zerstört. Chipperfield lehnte es ab, eine Kopie der ursprünglichen, reich verzierten Treppe einzubauen. Stattdessen konstruierte er eine kühl-elegante Treppe aus Betonwerkstein mit Marmorzusätzen - genau nach den Raum-Vorgaben von August Stüler, aber ohne jeglichen Schmuck. An den seitlichen Wänden bleibt das Mauerwerk unverputzt. Oben drüber prangt eine gewaltige, dreidimensionale Holzbalkendecke. Das Ganze wirkt wie eine riesige Skulptur, ein Bauwerk zwischen Kunst und Architektur.

Chipperfield als "Ruinist" bezeichnet

Das Grüppchen vor dem Neuen Museum wird nie begreifen, was daran schön sein soll. Chipperfield, so ereifern die Damen und Herren sich, sei ein "Ruinist". In der Renovierung sehen sie gar "die Fortsetzung des britischen Bombenangriffs von 1943 mit anderen Mitteln". Der Architekt nimmt es gelassen. "Die Leute werden sich daran gewöhnen", glaubt Chipperfield." Und irgendwann werden sie froh sein, dass sie kein Disneyland und kein Las Vegas bekommen haben, sondern ein Neues Museum, dem man seine aufregende Vergangenheit von der Kaiserzeit über Krieg und Zerstörung bis zur Gegenwart noch ansieht, dessen Narben und Wunden nicht zugekleistert und versteckt wurden."


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