Neues Museum in Berlin Schlangestehen vor Nofretetes neuem Heim


Am Tag der Offenen Tür stürmen Tausende von Besuchern das Neue Museum. 60 Jahre lang war es Kriegsruine, nun strahlt es wieder, behutsam restauriert und mutig ergänzt. Es ist Teil des Weltkulturerbes Museumsinsel. Und, ein Wunder, es kostete 33 Millionen Euro weniger als veranschlagt.
Von Anja Lösel

Sie stehen Schlange. Schon seit Stunden. Mittlerweile ringelt sich die Menschenmenge in Dreierreihen quer über die Museumsinsel, durch den gesamten Lustgarten bis hin zum Schlossplatz, rund 500 Meter lang. Halb Berlin will sehen, wo demnächst die Nofretete stehen wird. Und was eigentlich geworden ist aus diesem Neuen Museum, das mehr als 60 Jahre lang als trauriger Schutthaufen mitten in Berlin stand und nun in neuer Pracht wieder auferstanden ist. Das ist offenbar jede Mühe wert. Sogar zwei Stunden Warten im Nieselregen. Drei Tage lang öffnet das leere Neue Museum seine Tore für jedermann: So etwas wird es nie wieder geben. Das wollen sie sehen, alle. Dafür lohnt sich das Warten, hoffen sie.

Von Bomben zerstört, ohne Treppenhaus, ausgebrannt und mit schweren Wunden von Granaten und Einschüssen: Das war der Zustand des Neuen Museums in Berlin, als der Londoner Architekt David Chipperfield es 1994 zum ersten Mal besichtigte. Aus dem Dach wuchsen Bäume, zwischen den Säulen wucherte das Gras. Fast unrettbar sah es aus. Und doch in all seiner Brüchigkeit seltsam schön und würdevoll.

"Die Ruine war von der Geschichte vergessen worden", sagt Chipperfield. Er wollte aus dem Haus wieder ein modernes Museum machen, aber ohne die Spuren der Vergangenheit auszulöschen. Und tatsächlich hat er es gerettet. Hat ihm seine Bedeutung und Eleganz zurückgegeben. Mehr als zehn Jahre lang plante und arbeitete er hier. Nun ist alles vollendet. Und nicht mal den Etat hat er überzogen. 200 Millionen kostete die Restaurierung, 33 Millionen weniger als kalkuliert. "Fast ein Wunder", so Kulturstaatsminister Bernd Neumann.

Verletzungen des Hauses bleiben sichtbar

Es ist ein einzigartiger Bau geworden. Eine grandiose Einheit aus Alt und Neu, wie es sie wohl auf der ganzen Welt kein zweites Mal gibt. Denn Chipperfield hat nicht die Verletzungen des Hauses übertüncht, sondern er ließ sie sichtbar - und entwickelte dennoch ein hoch modernes Museum mit allen technischen Raffinessen. Das allerdings sieht man erst auf den zweiten Blick. Außen gibt es keine glatt verputzte Fassade, sondern hier ein Stückchen Ziegelstein, da ein Fleckchen Putz, dann wieder großflächige Natursteine. Das ist unruhig, zeigt aber auf aufregende Weise die Geschichte des Hauses. Im Krieg musste es mehrere Bombeneinschläge erleiden, die Reste waren Wind und Wetter schutzlos ausgesetzt. Nun hat das Haus Narben, und die trägt es mit Stolz. "Schön", findet das Louise Grossner, die in der Schlange auf Einlass wartet. "Ist doch gut, dass man noch sehen kann, was hier mal passiert ist."

Die Konservierung der Schäden

Einige allerdings sind da ganz anderer Ansicht: "Ruinen hatten wir genug in Berlin, jetzt soll alles wieder schön sein", sagt eine Dame unter ihrem Regenschirm hervor. Vor dem Eingang haben die Mitglieder der "Gesellschaft Historisches Berlin" zwei Stände aufgebaut und fordern mit Fotos vom alten Prunk zur Abstimmung auf: Was würde Ihnen besser gefallen? "Die Wiederherstellung des Originals"? Oder "Die Konservierung der Schäden?" Chipperfields Konzept gefällt ihnen nicht. Der gab in Abstimmung mit Denkmalpflegern und Museumsdirektoren die Devise aus: Alles erhalten, was alt ist. Alles restaurieren, was noch vorhanden ist. Und: Neues deutlich sichtbar machen. So bleiben etwa Fehlstellen in den Wandbildern des 19. Jahrhunderts sichtbar. Die Restauratoren malten nichts hinzu, was verloren gegangen war. Manchem mag das nicht gefallen, weil er lieber makellos schöne Bilder oder Wände ohne Flecken und Löcher hätte. Den meisten Besuchern wird am Tag der offenen Tür jedoch sehr schnell klar, dass gerade dieses Bruchstückhafte, dieses Unfertige, Zerstörte, im Krieg verloren gegangene die ganz große Qualität des Hauses ausmacht. Das Museum ist zugleich alt und neu, beschädigt und repariert. Die Leute mögen das.

Mix aus Alt und Neu mit Bierlasur

Im "Mythologischen Saal", gleich vom Eingang rechts, ist die Decke knallblau mit goldenen Göttergestalten. Darunter prangte mal eine kostbare Tapete mit vielen kleinen, ägyptischen Figürchen. Jetzt ist davon nur noch ein schmaler Streifen zu sehen. Der Grund: Im den 20 Jahren fand man die Bemalung zu kräftig und zu bunt, sie lenkte ab von den Sarkophagen und Mumien, die hier ausgestellt waren. Deshalb zog man eine Decke ein und pinselte den Rest mit weißer Farbe an. Alles was drüber war, blieb erhalten, der Rest ist vernichtet. Kurios auch die Holzverkleidung, die bei näherem Hinsehen gar kein Holz ist, sondern "holzimitierende Bierlasur".

In jedem Saal lassen sich solche Kuriosa entdecken. Mal ist da auf der Wand noch eine verblasste Nilkarte zu sehen, mal ein im 19. Jahrhundert auf die Wand gepinseltes "Ausgang"-Schild. Auf einem Wandbild kann man die Kreidefelsen von Rügen entdecken, auf einem anderen das Forum Romanum oder die Göttergestalten aus der Edda. Überall gibt es was zu entdecken, jeder Raum ist anders. Im "Modernen Saal" etwa stehen kostbare Säulen aus mehrfarbigem Marmor, wunderschön aufpoliert. Noch vor wenigen Jahren klaffte hier ein riesiges Loch, die Säulen waren abgestürzt in den darunter liegenden "Ethnographischen Saal" und lagen dort wild aufgetürmt umher, als seien sie Streichhölzer. Über vier Geschosse konnte man an dieser Stelle des Hauses von unten quer durchs Haus blicken. Es regnete rein und kleine Birken und Eichen wuchsen zwischen den Trümmern. "Wie ein Bild von Piranesi sah das aus", so Chipperfield. "Das Haus ist eine archäologische Kostbarkeit."

Nofretete braucht Drama

Die Nofretete wird in der wunderschönen Südkuppel im ersten Stock stehen, dramatisch ausgeleuchtet und mit blick durch die gesamte Flucht der Säle auf der Ostseite des Hauses. Grandios wird sie hier wirken. "Manche Leute werden ja nur wegen ihr kommen", sagt Chipperfield. Und das, obwohl es noch so viele andere einzigartige Stücke geben wird. "Nofretete braucht ein gewisses Drama, und das bekommt sie." Aber auch Schliemanns Troja-Schätze sollen hier Platz finden, der Neandertaler-Schädel, römische und griechische Statuen und ägyptische Mumien. Und dann gibt es da noch die ganz neuen Teile, die Chipperfield an Stellen einfügte, die völlig weggebombt wurden. Die großartige Südkuppel etwa: ein quadratischer Raum, der sich zu einer runden Wölbung mit einem Loch in der Mitte aufbaut. Kunstvoll gemauert von Handwerkern, die schon beim Bau der Dresdner Frauenkirche dabei waren.

Echte Geschichte statt Disneyland

Vom großen Treppenhaus war nach dem Einschlag einer Brandbombe nichts mehr übrig gewesen. Hier steht nun eine kühle, neue Treppenanlage, die genau dieselben Proportionen hat, wie die alte von Friedrich August Stüler aus dem 19. Jahrhundert. Allerdings ist sie aus einem speziellen Beton, der aus Weißzement und sächsischem Marmor besteht. Weder die Ziergitter und Handläufe, noch die verbrannten Wandfresken oder der Skulpturenschmuck sind wieder hergestellt, alles ist klar, kühl, fast wie eine Skulptur. Darüber thront eine neue, dunkle Holzbalkendecke. Die Wände blieben aus rohem Ziegel, nur ein paar wenige Teile des ursprünglichen Putzes kleben noch drauf. Einige Besucher finden das zu hart, wünschen sich Wanddekoration und Skulpturen zurück. Aber wozu? Es wäre eine Täuschung, eine aufgesetzter Schmuck wie in Disneyland.

"Wir haben kein altes Gebäude erhalten, sondern ein neues gebaut", sagt Chipperfield. Mehr als eine Woche lang hat er nun Abschied genommen vom Museum. Hat Freunde und Weggefährten an einem meterlangen, derben Holztisch empfangen, ihnen Suppe, Wein und Teigtaschen serviert und mit ihnen über das Museum diskutiert. Vom Filmemacher Wim Wenders über den Sammler Heiner Bastian bis hin zur Fotokünstlerin Candida Höfer streiften sie alle durchs Haus, erstaunt. Überrascht, begeistert, gerührt. David Chipperfield und seine Frau Evelyn waren immer da, oft auch eins ihrer drei Kinder. Es war ein Dauerfest, ruhig, intensiv und einzigartig schön. Am Ende, bei der Schlüsselübergabe, stehen Chipperfield, dem bescheidenen und uneitlen Briten, die Tränen in den Augen. "Das alles hat etwas sehr Ergreifendes", sagt Stiftungspräsident Hermann Parzinger. "Es steht ja auch für die gelungene Vereinigung Deutschlands." Für Chipperfield ist es ein schmerzlicher Abschied von einem Ort, den er liebt und kennt wie kein anderer und dem er zur Auferstehung verholfen hat. Diskussionen wird es noch viele geben. Aber nun sollten wir in die Zukunft blicken. Denn die Vollendung des Neuen Museums ist ist auch ein neuer Anfang. Bald zieht die Nofretete um. Und noch in diesem Jahr soll das neue Eingangsgebäude begonnen werden, das die fünf großen Museen auf der Insel verbindet und endlich Raum bietet für großzügige Garderoben, Restaurants und Shops. Architekt: David Chipperfield. Es bleibt aufregend.


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