Star-Architekt Chipperfield Das Haus des Windes


Er hat Büros in London und Shanghei und baut gerade die Berliner Museumsinsel um. Im stern.de-Interview erzählt David Chipperfield, was er an der Arbeit der deutschen Architekten schätzt und warum es leichter ist, ein Boot als ein Haus zu designen.
Von Roberto Lalli delle Malebranche, Valencia

Herr Chipperfield, Sie sind einer der berühmtesten Architekten der Welt und mittlerweile recht wohlhabend. Warum stehen Sie morgens eigentlich immer noch auf und gehen ins Büro?

Na, weil ich zu tun habe! (Lacht) Nein, im Ernst, es ist doch ein großes Privileg, Gebäude zu entwerfen und zu errichten, und ein noch größeres, es ständig tun zu können, also viel Arbeit zu haben. Ich habe heute viel mehr Aufträge als von fünfzehn Jahren und das ist genau das, was ich immer gewollt und angestrebt habe.

Sie sind also gerne Architekt?

Ja, und wie!

Sie haben hier Valencia ein Wahrzeichen geschaffen, das "Veles e Vents", das Haus der Segel und der Winde. Mögen sie den Segelsport?

Oh, ja, ich habe selbst ein Boot.

Aber es gibt doch eigentlich kaum einen größeren Kontrast als dieses verschachtelte Gebäude aus Zement einerseits und die Anmut eines sich im Wind bauschenden Segels andererseits, oder?

Ja, Sie haben Recht. Ein Boot zu designen, das ist natürlich ein Traum, besonders ein Boot der America's Cup-Klasse zu entwerfen. Und möchten Sie wissen, warum? Weil es viel leichter ist als ein Gebäude zu bauen! Beim Boot haben sie ein einziges Ziel, nämlich größtmögliche Geschwindigkeit. Wenn Sie hingegen ein Gebäude errichten, müssen Sie auf eine ganze Reihe von Dingen achten. Es muss funktional sein, es muss ... alles mögliche sein, und zwar immer gleichzeitig.

Das Haus der Segel und der Winde steht im Yachthafen von Valencia, einer Stadt, in der sehr viele Architekturstile nebeneinander zu finden sind, manchmal sogar in derselben Strasse. Eine große Stil-Melange, in der ein Gebäude wie das Ihre eigentlich gar nicht auffällt. Ist es vielleicht zu puristisch geraten?

Wissen Sie, das hier ist ja nicht eigentlich Valencia, der Hafen, das ist eine Kolonie der Stadt, die immer noch wächst und wächst. Es muss gar nicht mit den anderen Gebäuden konkurrieren, es muss vielmehr in den Hafen übergehen, und das tut es, weil wir eine Seite des Gebäudes rampenähnlich angelegt haben, und zwar genau in die Richtung, in die der Hafen in den nächsten Jahren wachsen wird.

Eine Frage zur Architektur bei uns in Deutschland: Prinz Charles hat den britischen Architekten einmal vorgeworfen, sie hätten London mit ihrer Arbeit mehr geschadet als die Bomber im Zweiten Weltkrieg. Gilt das auch für ihre deutschen Kollegen?

Nun, die deutschen Architekten haben in den letzten Jahren deutlich zugelegt. Außerdem verfügen sie seit jeher über besondere Vorzüge, etwa, dass sie bei ihrer Arbeit stets die Sicherheit der Gebäude vor Augen haben, besonders wenn es sich um öffentliche Bauten handelt. Das ist, was mir an den deutschen Architekten schon immer gefallen hat: diese Gründlichkeit.

Sie sind in Deutschland sehr erfolgreich, ihr Büro gewinnt hier eine Ausschreibung nach der anderen. Irgendetwas scheinen sie also besser zu machen als ihrem deutschen Kollegen, oder nicht?

Nun, wir haben ein Büro in Berlin errichtet, siebzig Leute, und das sind alles Deutsche. Also ...

Macht es demnach heute keinen Unterschied mehr, ob sich ein ausländisches Architekten-Team oder ein inländisches um eine Ausschreibung bewirbt?

Oh, nein, es gibt da schon noch Unterschiede. Deutsche Büros gehen sehr stark nach Plan vor, alles ist von Vorneherein genau festgelegt, jede Phase im Voraus angedacht. Das ist bei Spaniern oder Italienern nicht so, hier weiß niemand zu Beginn eines Auftrags, was alles noch zu geschehen hat und wann genau. Das erfordert natürlich ganz andere Fähigkeiten, Flexibilität vor allem, und das ist eine Stärke etwa der Spanier, während sie den Deutschen meistens fehlt. Wir haben vielleicht von beiden etwas, und vielleicht sind wir deshalb so erfolgreich.

Lohnt es sich für sie überhaupt, in Deutschland eine eigene Dependance zu unterhalten?

Ja, natürlich, die Wirtschaft boomt doch in Deutschland gerade ungemein! Ich selbst habe ja ein Appartement in Berlin, und ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr Deutschland und speziell Berlin unterschätzt werden. Berlin hat ein ungeheures Potential, und zwar in jeder Hinsicht.

Eine Frage zum Schluss: Was würden sie deutschen Architekturstudenten raten, worauf sollten sie ein besonderes Augenmerk haben?

Ideen zu verwirklichen und nicht zu viel auf den Stil zu achten. Die deutschen Architekten sind meines Erachtens gegenwärtig noch zu sehr an Stil und Image interessiert.


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