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PopArtPortraits-Ausstellung: Gesichter einer wilden Zeit

Marilyn Monroe oder James Dean, Unfallopfer oder Reklamemädchen - die Pop Art der 60er Jahre suchte sich ihre Motive vor allem in Zeitschriften, in der Werbung und in der Fotografie. Die Stuttgarter Ausstellung "PopArtPortraits" ist eine Reminiszenz an eine rebellische Epoche.

Von Almut F. Kaspar

Ein Mann mit Leoparden-Badehose und Waschbrett-Bauch stemmt auf seinem Arm einen Straßenkreuzer. "BUNK!" steht daneben, "Quatsch!", kann aber auch "Hau ab!" heißen. Das Bild von 1952, eine Collage, die mit Kleber und Bindfäden zusammengehalten wird, ist eines der ältesten Werke der Schau. Und ein Werk von historischer Bedeutung: Denn der Vortrag "Bunk!", den der Urheber der Collage, Eduard Paolozzi, 1952 in London auf der ersten Versammlung der "Independent Group" hielt, gilt heute als Geburtsstunde der Pop-Art.

Auf der Suche nach einer neuen Kunst

Die "Independent Group" war damals eine Runde unabhängiger Maler, Architekten und Schriftsteller, die sich regelmäßig im Institute of Contemporary Art traf und nach einer neuen Kunst suchten. Eine, die urban und modern sein sollte und vor allem: populär. Paolozzis Collagen mit Versatzstücken aus Werbung, Comics und Zeitschriften-Fotos brachten eine Debatte in Gang, die für die Entwicklung der englischen Pop Art von entscheidendem Einfluss war.

Eine erste Ausstellung der jungen Gruppe war "Parallel of Life and Arts" im Jahr 1953. Lawrence Alloway, Co-Direktor des Institutes of Contemporary Art, fragte bei einem Abendessen einer der beteiligten Maler, Peter Blake, was er denn so mache. "Und ich sagte, was ich machte", so Blake in einem Interview. "Er fragte: ,Also so etwas wie Pop Art?' Meiner Ansicht nach tauchte da erstmalig der Begriff auf." Blake war es auch, der später das bahnbrechende Cover des Beatles-Albums "Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club Band" gestaltete.

Swinging London

Zur "Independent Group" gehörte auch Richard Hamilton, der später zu den bekanntesten Vertretern der Pop Art avancierte. Eines seiner bekanntesten Bilder: "Swinging London 67 (a)", wo ein Mann und eine Frau schützend die Hände vor die Augen halten, weil sie offenbar nicht erkannt werden wollen - oder die Blitzlichter der Paparazzi nicht vertragen.

Werke von Eduardo Paolozzi, Peter Blake und Richard Hamilton werden in der gerade eröffneten Ausstellung "PopArtPortraits" gezeigt, die in der Stuttgarter Staatsgalerie bis zum 8. Juni 2008 zu sehen sein wird. Aber nicht nur die britischen Vertreter der Pop Art sind dort vertreten, vor allem natürlich auch die amerikanischen Kollegen: Andy Warhol etwa, Tom Wesselmann, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein oder Mel Ramos.

Wenn Menschen zu öffentlichen Bildern werden

Die Rolle des Porträts in der Pop Art will die Schau beleuchten, die von der Londoner National Portrait Gallery übernommen wurde. Deren Direktor Paul Moorhouse präzisiert: "In dieser Ausstellung sieht man die zunehmende Faszination, die Berühmtheit und Ruhm auf die Leute ausüben. Wie das Bewusstsein dafür wächst, was es heißt, wenn Menschen in den Medien dem Blick von Millionen ausgesetzt sind, wenn Menschen nicht länger privat sein können, sondern zu öffentlichen Bildern werden, verfügbar für jeden." Staatsgalerie-Direktor Sean Rainbird sagte bei der Stuttgarter Präsentation, die Ausstellung rücke die Pop Art in ein neues Licht, weil sie bislang vorrangig als Kunst der Warenwelt betrachtet worden sei.

Natürlich hat Andy Warhol Suppendosen multipliziert, hat Jasper Jones seine Flaggen variiert oder Claes Oldenburg Alltagsgegenstände in Kolossal-Skulpturen verfremdet - aber keine Kunstrichtung in der Moderne hat auch das Menschen-Bild so massiv eingebunden wie die Pop Art. Auch deshalb, weil sie eine historische Antwort auf die vorausgegangene Epoche des abstrakten Expressionismus war. Waren es erst Ausrisse aus Illustrierten und Werbeplakaten, die man zu Collagen verklebte, kamen dann auch die Ikonen des Pop dazu: Porträts der Schauspielerin Marilyn Monroe machen zum Beispiel eine ganze Sektion der Stuttgarter Ausstellung aus. National Portrait Gallery-Direktor Moorhouse: "Marilyn Monroes Leben zählt zu den Dingen, die sehr viele Pop Art-Künstler fasziniert haben: Andy Warhol, Richard Hamilton, Claes Oldenburg. Sie alle versuchen auf ihre Art herauszufinden, was mit Marilyn geschah. Was war es an ihrem Ruhm, das sie letztlich zerstörte?"

Revolutionäre Kunst: Bilder unters Volk bringen

Anfang der sechziger Jahre war die Pop Art-Welle aus England mit voller Wucht in die USA geschwappt und riss Millionen von begeisterten Anhängern in eine schier endlose Pop Art-Euphorie. Jung, witzig und sexy war diese neuartige, provozierende Kunst und passte so genau in die damalige Zeit, in der sich eine ganze Generation über ihre Musik definierte, in der die Studenten von Berkeley, Berlin und Paris auf die Straße gingen und ein Hauch von Revolution in der Luft lag. Eine Kunstrichtung, die unsere vorherrschende Vorstellung von Kunst kräftig auf den Kopf stellte, kam da gerade recht. Die Rebellen der Pop Art wollten ihre Bilder massenhaft unters Volk bringen - und vervielfältigen sie wie beliebige Konsumartikel. Andy Warhol kommentierte seine in immer neuen Farben gedruckte Serigrafien sarkastisch so: "Ich fertige sie gern in allen Farben an - Hauptsache, sie passen zu den Vorhängen."

WG-taugliche Kunst

Die anfängliche Verachtung für das Phänomen Pop Art wurde rasch durch grenzenlose Bewunderung abgelöst und hat bis zum heutigen Tage maßgeblichen Einfluss auf die zeitgenössische Kunst. Jeff Koons etwa orientiert sich in vielerlei Hinsicht ganz unverkennbar an Andy Warhol. Künstler wie Robert Rauschenberg oder Jasper Johns suchten in der Pop Art ihre Befreiung aus der engen Felder-Malerei und trennten sich endgültig vom abstrakten Expressionismus. Das Ergebnis lässt sich in Stuttgart sehen: Friedfertig hängen sie beisammen, die Briten und die Amerikaner.

Mit den effektvollen und gleichwohl fast immer gesellschaftskritischen Grafiken der Pop Art wurden die WG-Zimmer ganzer Generationen dekoriert. Und nach wie vor boomt das Geschäft. Ob in Kaufhäusern, Museumsshops oder Posterläden: industrieller Pop-Nippes bis zum Abwinken.


"PopArtPortraits"
23. Februar bis 8. Juni 2008
Staatsgalerie Stuttgart
Internet: www.staatsgalerie.de