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Reclam-Ausstellung: Das kleine Gelbe

Sie sind klein, gelb, stecken voller Literatur und fehlen in kaum einer Schultasche: Seit Generationen dienen Reclam-Heftchen Schülern zur Lektüre - und als Zeichenpapier. Jetzt gibt es sogar eine Ausstellung über die Heftchen.

Kulikringel oder Bleistiftskizzen auf dem Titel zieren die kleinen Bände. Viel Respekt hatten die ehemaligen Nutzer vor den Werken großer Dichter nicht. "So ein Blödsinn. Was sich Schiller dabei gedacht hat, du meine Güte!", notierte ein geplagter Schüler fein säuberlich auf der Rückseite seines "Wilhelm Tell". "Universal-Bibliothek mit Lebensspuren" nennt amüsiert der Frankfurter Antiquar Georg Ewald Exemplare, die von ihren Lesern mehr oder weniger liebevoll traktiert wurden. In gut 20 Jahren hat Ewald die bundesweit größte Reclam-Sammlung zusammengetragen. Aus ihrem Bestand, der ein großes Zimmer füllt, hat er die Schau bestückt. "Jedes Buch erzählt etwas über seinen Besitzer", sagt Ewald, der die Besucher zur Spurensuche einlädt.

Faust in kleinem Gelb

1867 brachte der Leipziger Verleger Philip Reclam mit Goethes "Faust" den ersten Band der bis heute so genannten Universal- Bibliothek (UB) auf den Markt. Kurz vorher waren die Rechte an den Klassikern frei geworden. "Die Verleger lieferten sich ein Wettrennen um billige Ausgaben", erzählt Ewald. Reclam war der Sieger: Dank moderner Drucktechnik verkaufte er kleine, in die Tasche passende Bücher zu erschwinglichen zwei Silbergroschen. Das trieb die Auflagenzahlen hoch und hielt Konkurrenten klein.

Studentenfutter für den Kopf

Es erschienen billige Einzel- statt teurer Werkausgaben. "Studenten konnten sich eine eigene Bibliothek zusammenstellen", erläutert Verlagssprecherin Judith Krieg. Mit dieser Marketingstrategie erschloss der Gründer des in Ditzingen bei Stuttgart angesiedelten Verlags die bis heute wichtigsten Käufergruppen: Schüler und Studenten. Darüber hinaus erfüllte der liberal eingestellte Reclam mit seiner Auswahl literarischer und antiker Texte sein Anliegen nach Bildung für Viele. Pro Jahr veröffentlichte er an die 140 Bändchen. Inzwischen dürften es weit mehr als 10 000 sein. Genaue Zahlen gibt es ebenso wenig wie Angaben zur Gesamtauflage.

Verkaufsautomaten standen überall

An Bahnhöfen, auf Vergnügungsdampfern, in Hotels und Cafés stellte der Verlag von 1912 an sogar Verkaufsautomaten auf. Dort deckten sich Reisende bequem und billig mit Lektüre ein. Buchhändler platzierten die Automaten vor ihrer Ladentür, um die Bücher außerhalb der Ladenöffnungszeiten unters Volk zu bringen.

Tragbare Feldbücherei für Kriegszeiten

Selbst im Krieg hatte die Lektüre im Oktavheftformat Konjunktur. Während des Ersten Weltkriegs gab es eine "Tragbare Feldbücherei - Eine Auswahl guter Bücher für Schützengraben und Standquartier". Ursprünglich existierten Ewald zufolge "fünf Sortierungen und somit für jeden Geschmack etwas." Obwohl leer, gehört der braune Pappkasten zu den wertvollsten Exponaten der Schau.

Raritäten und Originalausgaben

Während der NS-Zeit nutzten Regimegegner die Popularität von Reclam für ihre Zwecke: Hinter dem harmlos scheinenden Umschlag von "Hermann und Dorothea" in der Ausstellung verbirgt sich die winzige Tarnschrift-Ausgabe eines "Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror". In "Reclams Zimmergärtner" steckt ein Band über den 7. Weltkongress der kommunistischen Internationale. Ewald ist außerdem stolz auf Originalausgaben von Heinrich Mann, B. Traven und Raritäten wie Ernst Ecksteins "Besuch im Carcer", Vorbild der berühmten "Feuerzangenbowle".

Erst seit 1970 in Gelb

Im charakteristischen Gelb erscheint die UB aber erst seit 1970. Mitgeprägt hat das moderne Erscheinungsbild der Schriftkünstler Alfred Finsterer. Bis zur Schließung 1956 leitete er die Schriftgießerei Klingspor. Aus ihr ging in Offenbach das neben Leipzig einzige deutsche Museum für Schriftkunst hervor. Für Reclam gestaltete Alfred Finsterer mehrere hundert Einbände.

1,60 Euro für den Urfaust

Gründerverleger Philip Reclam dachte bei der Umschlaggestaltung ganz kaufmännisch. Die ersten Einbände waren lila, dann fleckig braun, um eventuelle Stockflecken zu kaschieren. Dahinter stand die Überlegung: "Wenn sie verschossen aussehen, verkaufen sie sich schlecht", berichtet Ewald. Eine Vielzahl solcher Bändchen hat er in die Vitrinen gelegt. Das Prinzip der Literatur für wenig Geld hat Reclam beibehalten. Der billigste Titel - Goethes Urfaust - kostet aktuell 1,60 Euro.

Das Offenbacher Klingspor-Museum zeigt bis zum 2. April die Ausstellung "Reclam - Die Kunst der Verbreitung". Es ist die erste umfassende Schau über die kleinen gelben Hefte.

Monika Hillemacher/DPA / DPA
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