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Volksabstimmung gegen Abzocker: Anstand made in Switzerland

Die Schweiz gilt als kapitalistisches Musterland. Trotzdem hat das Volk die Managergehälter rasiert. Warum? Der Schweizer Journalist Tobias Ochsenbein über Sittlichkeit und Plutokraten.

Der Schweizer traute am Montag seinen Ohren kaum. Verwunderter Applaus aus Deutschland - das Ja des Schweizer Volks zur "Abzocker"-Initiative ist beim Nachbarn auf positives Echo gestoßen. Peinlich berührt und erstaunt soll er gar gewesen sein, vernimmt man hierzulande. Dass sich die in den meisten deutschen Medien als eigenbrötlerisch und wirtschaftsgläubig geltende Schweiz bei der Begrenzung der Manager-Gehälter mehr traut als Deutschland - verwirrend. So verwirrend für den Deutschen, dass er für kurze Zeit versucht war zu glauben, es schlagen unter den Sennenhemden des fremdenfeindlichen Bergvölkchens zuweilen gewiss einfühlsame Herzen.

Thomas Minder, Vater der "Abzocker"-Initiative, hat sich nach einem lang anhaltenden Kampf gegen das Schweizer Polit-Establishment am vergangenen Sonntag deutlich durchgesetzt. Minder, parteiloser Ständerat aus Schaffhausen. Chef einer mittelständischen Kosmetikfirma. Ein Mundwasser-Verkäufer, wie ihn seine Gegner verspotteten. Nach zehn Jahren des beharrlichen Kampfes boxte der neue Wilhelm Tell mit einer Zustimmungsrate von 68 Prozent die Initiative nicht nur knapp durch, nein, er watschte seine Gegner richtiggehend ab.

Absurde Managergehälter

Nun sieht die eine Seite der Verlierer den Sündenbock im Wirtschaftsverband Economiesuisse und dessen katastrophalen Abstimmungskampagne; die andere im schamlosen Verhalten von Daniel Vasella, der sich als scheidender Verwaltungsratspräsident des Pharma-Riesen Novartis noch einen Goldenen Fallschirm von 72 Millionen Schweizer Franken verpassen wollte. Beides ist nicht ganz falsch - und greift doch zu kurz. Den 1,6 Millionen Schweizer Stimmbürgern, die ein Ja in die Urne legten, ging es nämlich nicht alleine um eine Stärkung der Aktionärsrechte. Die grundsätzliche Botschaft des Ergebnisses ist eine andere, eine unmissverständliche: Eine neue Plutokratie in der republikanischen Schweiz ist unerwünscht. Denn die Schweizer wollen nicht, dass Firmen-Bosse die Kassen auf Kosten der Gesellschaft plündern. Das Abstimmungsresultat war darum vielmehr ein Schrei nach mehr Anstand und faireren Löhnen.

Dafür muss man folgendes wissen: Die Lohnstruktur in der Schweiz weist zwei Besonderheiten auf. Einerseits ist die Lohnquote, also der Anteil der Löhne am gesamten Volkseinkommen, relativ hoch und überraschend beständig. Und: Im Unterschied zur Entwicklung in den meisten anderen Industriestaaten sind die Erträge von Kapital und Arbeit relativ proportional verteilt geblieben. Auf der anderen Seite wuchsen in der Schweiz die Top-Gehälter der Managerkaste in absurde Höhen: Viel höher noch als in allen anderen europäischen Ländern. Damit hat das oberste Prozent den Rest der Gesellschaft völlig abgehängt. Die Schweiz hat also eine vernünftige Lohnquote, aber maßlose Boni.

Paradies des Mittelstands

Und so empfindet der Schweizer Bürger die hohen Vergütungen der Corporate-Fat-Cats als unanständig hoch. Denn: Die Schweiz ist ein Paradies des Mittelstands. Wir Schweizer profitieren von einem gut ausgebauten Sozialstaat, wir nützen eine hervorragende Infrastruktur und sind Teil eines gut funktionierenden Föderalismus.

Klar, nüchtern betrachtet trifft es zwar zu, dass es pro Einwohner nirgends auf der Welt so viele Superreiche gibt wie in der Schweiz. Und trotzdem: Der Geldadel ist nach wie vor eine unbedeutende Minorität. Auch wenn manche Schweizer dies nicht besonders gerne hören, so darf man behaupten, dass wir Schweizer trotz allem sozialer und näher am skandinavischen Modell sind, als wir es gemeinhin zugeben wollen.

Nahe am skandinavischen Modell

Nun sieht sich aber der Mittelstand durch den technischen Fortschritt und die fortschreitende Globalisierung bedroht: Weltweit entsteht dabei ein Geldadel, der sich auf schnoddrige Art und Weise bereichert, so die Befürchtung. Die übertriebenen, durch Leistung kaum zu entschuldigende Manager-Boni sind der Nachweis dieser Dekadenz. Thomas Minder wollte im Namen der Aktionäre dagegen ankämpfen - und hat gewonnen. Für ihn ist die Annahme der "Abzocker"-Initiative darum auch ein Sieg der Demokratie. Denn die Schweizer wollen gar keinen Klassenkampf. Die Schweizer wollen eine Demokratie. Und so gesellt sich zum anfangs erwähnten Staunen der Deutschen wohl auch Neid. Nicht zu Unrecht heißt es in der "Süddeutschen Zeitung": "Über Abzocker in Nadelstreifen würden auch Deutsche, Franzosen oder Briten liebend gerne mal höchstpersönlich den Daumen senken."