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Sammlung Saatchi: Die Kunstrevolution geht weiter

Bescheiden hat Charles Saatchi sich noch nie gegeben. Der gefeierte Kunstsammler ist nach London zurückgekehrt und hat ein neues, riesiges Museum eröffnet. In Chelsea ist nun chinesische Kunst zu sehen. Erstmal.

Von Cornelia Fuchs

Chelsea ist kein besonders aufregender Stadtteil von London. Die roten Backsteinhäuser liegen in ruhigen Seitenstraßen, an denen große Limousinen vorübergleiten. Am Mittag holen Kindermädchen ihre Schützlinge vom Turnen ab, die Hand stets am teuren Designer-Buggy. Vor dem großen ehemaligen Hauptquartier der Freiwilligen-Armee laufen Grundschüler in rot-brauner Trainingskleidung unwillig über den Leichtathletikplatz.

Gestern war dann aber doch mal was los in Chelsea. Charles Saatchi, Entdecker der Young British Artists von Damien Hirst bis Tracey Emin, dem Enfant Terrible der britischen Kunstszene, hat in dem alten Gemäuer seine neue Galerie eröffnet. Er, der es 1985 wagte, den Profis im Kunstbetrieb mit einer genialen Ausstellung zu zeigen, was wirklich etwas wert ist in Sammlerkreisen.

Nach dem Streit

Charles Saatchi, der sein Geld mit Werbung gemacht hat, war noch nie besonders schüchtern im Anpreisen der eigenen Fähigkeiten. Und so heißt die erste Ausstellung, die er in London präsentiert, seitdem er 2005 nach großem Streit das ehemalige Rathaus am südlichen Themse-Ufer verließ, ganz bescheiden "The Revolution continues" (Die Revolution geht weiter, neue Kunst aus China).

26 Künstler präsentiert er auf 6500 Quadratmetern Ausstellungsfläche, ausgelegt mit matt-weißen Tannenhölzern. Die wird ausgeleuchtet mit riesigen, künstlichen Oberlichtern, die jeden Raum in dem alten Militärquartier des Duke of York aussehen lassen, als holten sie das Licht direkt vom Himmel.

Der Besucher betritt diese hellen, großzügigen Hallen durch klassische, dorische Säulen. Den Weg durch ein Portal vorbei am Leichtathletik-Platz einer Privatschule zeigen sechs große, aber diskret im Mauerwerk eingelassene Leuchttafeln. Es ist der Eintritt in die Saatchi-Welt, die in den kommenden Jahren - nach dem Ausflug nach China - Kunst aus dem Mittleren Osten, Amerika und auch Deutschland zeigen soll.

Doch den Anfang machen eben die Chinesen. Saatchi hat diesmal, anders als in den 80er Jahren, die Künstler nicht selber gefördert. Bilder wie die von Yue Minjun mit ihren manisch grinsenden Männern oder von Zhang Xiogang mit eintönigen Porträts seelenloser Familien-Gruppen erzielten bereits Höchstpreise auf Kunstauktionen. Saatchi sei diesmal nur auf einen bereits mit Volldampf fahrenden Zug aufgesprungen, haben Kritiker bemängelt. Diesmal fehle die Innovation, es gebe wenig Überraschungen.

Zur Ware gestempelt

Dennoch fasziniert die Ausstellung, wenn das Wunder auch mehr von den Skulpturen und Installationen ausgeht als von den Gemälden. Da sind zum Beispiel die menschlichen Gestalten, die nackt von der Decke hängen. Sie scheinen anzukämpfen gegen die Stricke, die ihre Beine fesseln, und gegen die Schwerkraft, die sie nach unten drückt. Und doch hängen sie völlig still da. Jeder Figur ist ein Zeichen eingebrannt, das sie einmalig macht, aber auch zur Ware. Der Künstler Zhang Dali suchte Wanderarbeiter als Modelle. Die Hilflosigkeit der Hängenden wird so zum Symbol für die Lebenssituation der Menschen, die China den Reichtum bringen.

Im zweiten Raum, gleich neben dem Eingang, hängt ein leichter Geruch in der Luft, wie eine ferne Erinnerung. Zhang Huans Selbstbildnis steht auf einem grob gezimmerten Untersatz. Sein halber Kopf steht da, abgeschnitten unter der Nase und zwei Meter hoch, die Augen geschlossen. Das graue Material sieht pudrig aus, weich, als habe der Riesenklotz von Kopf kaum Gewicht. Nur wer nahe herantritt an die Skulptur entdeckt die Struktur des Materials. Es rieselt fast noch, überall stechen kleine Stöcke hervor, die sich als Räucherstäbchen entpuppen. Der ganze Kopf besteht aus der Asche dieser Stäbchen, gesammelt in buddhistischen Tempeln. Man traut sich kaum noch zu atmen, aus Angst, man könne das Riesengebilde einfach hinwegpusten.

Totentanz der alten Männer

Für den Höhepunkt der Ausstellung muss man in den Keller gehen. Hier gibt es eine kleine Zuschauertribüne. Doch richtig sehen kann man die Installation nur, wenn man die Stufen heruntergeht und sich zu den Rollstuhlfahrern stellt, die dort eine Art Totentanz aufführen. Lebensecht sind die Figuren alter Männer gestaltet. Beim einen sieht man das Ohrenschmalz, beim anderen die Haare in der Nase. Alle erscheinen irgendwie seltsam bekannt. Ist der mit dem gescheckten Kopftuch nicht Arafat? Und der mit der olivgrünen Uniform Fidel Castro? Und wer hatte noch mal so runde, schwere Brillengläser auf? Und warum hat der Mann mit der Marineuniform ein Taschentuch in der Hand? Es sind ehemalige Machthaber, Diktatoren und Militärs, die hier ein makabres Ballett aufführen, eine Art Alters-Auto-Scooter. Doch gibt es kein Ziel mehr für die alten Herren und damit auch kein Ende. Es ist ein endloser Reigen der sinnlosen Aggression.

Saatchis neue Ausstellung in der neuen Galerie wurde in Londoner Zeitungen gemischt bewertet. Ein bisschen zu lahm seien die meisten Stücke, schrieb etwa die "Times". Aber gesehen haben sollte man sie trotzdem, diese neuen Hallen für moderne Kunst. Sie sind einfach zu schön geworden. Und für Kunstkenner lohnt sich London in diesem Herbst sowieso: Im Museum Tate Britain hat gerade die neue Francis-Bacon-Ausstellung eröffnet. In der Tate Modern hängen Bilder von Mark Rothko. In der Hayward-Gallerie laufen die besten Filme von Andy Warhol. Und die National Gallery eröffnet nächste Woche die Ausstellung "Renaissance Faces" mit Porträts von Van Eyck bis Titian. Der britische Winter kann also kommen.