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Zum Tod Cy Twomblys: Ritter der abstrakten Kunst

"Und das soll Kunst sein?" - diese Frage hat Cy Twombly wohl oft gehört. Es war Kunst, besonders einflussreiche sogar. Der US-Amerikaner gehörte mit seinen Werken zu den größten Expressionisten der Gegenwart. Jetzt ist er gestorben.

Seine bekanntesten Bilder sehen aus, als hätte jemand gelangweilt beim Telefonieren auf einem Block rumgekritzelt: Immer wieder Striche kreuz und quer, über- und nebeneinander oder sich wiederholende Kreise in Schwarz oder Grau. Twomblys Bilder verdienen den Namen abstrakte Kunst.

Der Maler und Bildhauer, ein langjähriger Freund von Pop-Art-Pionier Robert Rauschenberg, hat sich zu einem der bedeutendsten abstrakten Expressionisten der Gegenwart emporgearbeitet - und hat diese Kunstrichtung auch überschritten. Jetzt starb der US-Amerikaner nach langer Krankheit in seiner Wahlheimat Rom.

Twombly, 1928 im Universitätsstädtchen Lexington im US-Bundesstaat Virginia geboren, hatte das Glück, dass seine Eltern den künstlerischen Neigungen ihres Sohnes nachgaben, ja sie sogar förderten. Das war nicht selbstverständlich in den Südstaaten der 30er Jahre, erst recht nicht für den Sohn eines Profisportlers. Der wurde nach einem anderen Baseballspieler "Cy" genannt, und der Spitzname ging auch auf den Sohn über, der eigentlich Edwin Parker Twombly Jr. hieß. Doch der Name Cy war es, der die Kunstwelt bereicherte.

Langjährige Freundschaft mit Robert Rauschenberg

"Cy" nahm schon als Teenager Kunstunterricht. Im Studium in den 40er Jahren, als alles Deutsche in den USA nicht gerade populär war, befasste er sich intensiv mit dem deutschen Expressionismus und dem Hannoveraner Dadaisten Kurt Schwitters.

Dabei traf er einen anderen jungen Mann aus den Südstaaten, der ihm in der Neugier auf alles Neue glich: Robert Rauschenberg. Beide sollten zusammen studieren, zusammen arbeiten, zusammen erst die USA und dann Europa und Nordafrika bereisen. Rauschenberg führte dann, unter anderem, die Pop Art zu Weltruhm. Twombly ging nach Darstellung der Sammlung Brandhorst in München mit seinen Werken über den abstrakten Expressionismus hinaus.

Wild waren seine Arbeiten, hart und deutlich. Oft waren es nur dunkelgraue Striche auf weißem Grund. Wenn er mit Farben arbeitete, mussten sie leuchtend sein, am besten rot, notfalls auch gelb oder hellgrün. Und wie bei seinen Freunden Rauschenberg und Jackson Pollock mussten die Bilder groß sein. Mehrere Meter. Oder gar ein Dutzend Meter wie im vergangenen Jahr bei seiner Gestaltung des sogenannten Eisernen Vorhangs in der Wiener Staatsoper. Dieser "Bacchus" - wie eine seiner Serien heißt - besteht nur aus gewaltigen roten Kringeln.

Das ist nicht jedermanns Sache, und gerade in seiner Heimat waren "Twomblys" für viele eher Kritzelei als Kunst. Erst in den 80er Jahren stieg in den USA das Interesse. Und 1994 kam dann der Höhepunkt: Das New Yorker Museum of Modern Art feierte ihn in einer Retrospektive - und sorgte so dafür, dass seine Arbeiten plötzlich Millionenpreise erzielten. Es folgten Ausstellungen in Houston, Los Angeles, an der Londoner Tate Modern und auch in Berlin - Twombly war endgültig zum Star geworden.

Ritter der Ehrenlegion in Frankreich

Mag er in Houston auch eine eigene Galerie mit mehr als 30 Arbeiten haben, größere Aufmerksamkeit fand der Amerikaner meist in Europa. Zur Sammlung Udo und Anette Brandhorst in München zählen rund 60 der teils großformatigen Gemälde und Skulpturen des Künstlers - die nach Angaben der Sammlung größte Übersicht seiner Werke in Europa.

In Frankreich wurde Cy Twombly im vergangenen Jahr Ritter der Ehrenlegion und, wohl die größere Ehre, konnte die Decke eines Saals im Louvre ausmalen. Das durften vor ihm nur zwei Gegenwartskünstler, der Deutsche Anselm Kiefer und der Franzose François Morellet. Das gewaltige Gemälde, mehrere hundert Quadratmeter groß, heißt schlicht "The Ceiling" ("Die Decke") und zeigt einen tiefblauen Himmel mit großen Kreisen in Gelb, Ocker, Weiß und Blau. Eine für ihn ungewöhnliche Arbeit, aber wie er selbst sagte, sei das ja keine "Twombly-Malerei", sondern eine Dekoration für den Louvre.

Schon als 30-Jähriger wandte er sich dem Mittelmeerraum zu und setzte sich stark mit Italien auseinander. Cy Twombly ließ sich dann auch in der italienischen Hauptstadt Rom nieder - gerade, als alle Künstler nach New York strömten.

Es zog ihn stets auch an andere Orte, er fuhr als Reisender der Kunst durch die Weltgeschichte und mietete sich immer wieder bei seinem Freund Rauschenberg ein. Doch Rom sollte seine künstlerische Heimat werden. Da ist Cy Twombly auch nach langer Krankheit gestorben. Er wurde 83 Jahre alt.

Chris Melzer, DPA / DPA