VG-Wort Pixel

Teufelsanbetung als Vorwand Die Kritik an Lil Nas X ist nichts anderes als versteckte Homofeindlichkeit

Ein schwarzer Sportschuh mit Nike-Logo auf der Lasche und Pentagram-Anhänger am Schnürsenkel steht auf rotem Untergrund
Sehen Sie im Video: Nike klagt gegen "Satan-Schuhe" von Rapper Lil Nas X.




Der Sportartikelhersteller Nike hat eine Firma in New York verklagt, die offenbar Nike-Schuhe mit einem Tropfen Blut verkauft. Bei den sogenannten "Satan-Schuhen" soll sich um Nike Air Max 97 handeln, die einen Blutstropfen des Rappers Lil Nas X enthalten. Das ganze abgerundet in "Teufelsoptik". Nike beklagt, dass das Projekt ohne ihre Zustimmung durchgeführt werde und verlangte, den Verkauf sofort zu beenden. Dafür könnte es allerdings schon zu spät sein. Nach Medienberichten waren die Schuhe im Internet in weniger als einer Minute ausverkauft. Jedes Paar für rund 1000 US-Dollar.
Mehr
Der homosexuelle Rapper Lil Nas X tanzt in seinem neuen Musikvideo auf dem Schoß des Teufels. Die Empörung darüber ist scheinheilig: Eigentlich haben die Kritiker und Kritikerinnen ein ganz anderes Problem.

Lil Nas X greift die Pole Dance Stange und rutscht daran mit gespreizten Beinen aus dem Himmel direkt hinunter in die Hölle. Er trägt Lackstiefel bis zu den Oberschenkeln, schwarze Boxershorts und feuerrote Braids, dazu Halskettchen. Einige Kameraeinstellungen später läuft der Rapper durch das Tor zur Hölle, setzt sich dem thronenden Teufel auf den Schoß und lässt seine Hüften über dessen Schritt kreisen. Genau das ist für viele Gläubige und Konservative offenbar ein Problem. 

Seit Lil Nas X am Freitag den Song "Montero (Call me by you name)" und das dazugehörige Musikvideo veröffentlichte, wurde letzteres auf Youtube über 53 Millionen Mal angesehen (Stand: Mittwochmittag). Der 21-jährige Lil Nas X – bürgerlich Montero Lamar Hill – ist homosexuell, der Clip eine queere Aneignung biblischer Symboliken rund um Himmel und Hölle, Sünde und Bestrafung. Motto: Ihr droht uns mit der Hölle, doch wir werden selbst den Teufel besiegen. Die Kommentare unter dem Video sind überwiegend positiv. Doch seit Tagen schlägt Hill für seinen Tanz mit dem Teufel auch Kritik entgegen. 

Auf dem US-amerikanischen Sender Fox News empört die vermeintlich satanische Performance vor allem deshalb, weil sie kurz vor Ostern über die Bildschirme flimmert. Die Darbietung sei "verzweifelt und armselig", heißt es. Kristi Noem, die republikanische Gouverneurin South Dakotas, teilte auf Twitter einen von Lil Nas X kreierten Sneaker mit Pentagramm-Anhänger und schrieb dazu: "Wir kämpfen um die Seele unserer Nation." Und: "Wir müssen gewinnen." 

Doch wollen die Konservativen dem Rapper wirklich den Teufel austreiben – oder doch eher seine Homosexualität?

Das Problem an Lil Nas X ist nicht nur sein Teufelstanz

Satanische Symbole und Kirchenkritik sind in der Popkultur keinesfalls eine Seltenheit. Als Madonna 1989 im Musikvideo zu "Like a Prayer" vor brennenden Kreuzen tanzte, wurde der Clip in den USA abgesetzt und boykottiert. Auch die Pet Shop Boys sangen 1987 in "It’s a Sin" von katholisch-konservativer Erziehung und der eigenen Abtrünnigkeit – wenn auch ohne Folgen. Ganz anders Lady Gaga, die 2011 am Ostersonntag den Song "Judas" veröffentlichte: Auch hier erlitt Fox News einen mittleren Nervenzusammenbruch, analysierte die blasphemischen Lyrics und weigerte sich in der Berichterstattung, das Musikvideo einzublenden. 

Bei Lil Nas X ist es aber nicht nur der Teufelsritt, der zu stören scheint. Das Video ist ein Fest der Homoerotik, es zeigt gleichgeschlechtliche Küsse und angedeuteten Oralsex im Garten Eden, Fesseln, nackte Haut, Schläge auf den Hintern. Lil Nas X spielt alle Rollen darin selbst und bricht die Barrieren vergesellschaftlichter Normen und Rollen so graphisch und wuchtig, dass der Shitstorm aus der konservativ-katholischen Ecke keinesfalls überraschend kommt. 

Das Private ist politisch, hieß es bereits in der Frauenbewegung der 70er Jahre. Und so ist es nicht nur die kunstvoll teuflische Inszenierung von Lil Nas X, die Kritiker und Kritikerinnen stört. Es ist seine gesamte Existenz, das Zusammenspiel aus vermeintlich nicht kombinierbaren Kontrasten, das daraus resultierende Unverständnis: So sehen Homosexuelle aus? Ein homosexueller Schwarzer Mann in Boxershorts und Lackstiefeln, ein tätowierter und muskulöser Oberkörper, der sich an einer Pole Dance Stange windet. Der laszive Tanz mit dem Teufel. Die Aggression am Ende, wenn er diesem das Genick bricht und ihn letztendlich besiegt. Ja, so können Homosexuelle auch aussehen.

Der Song ist eine Auseinandersetzung mit Homofeindlichkeit in der Kirche

Die gläubigen Kritiker und Kritikerinnen mögen sich aufrichtig an der satanischen Ästhetik des Videos stören. Wie vehement sie dabei die eigentliche Botschaft von Lil Nas X und dessen Auseinandersetzung mit seiner Homosexualität und christlichen Erziehung ignorieren, zeigt allerdings: Die Kritik ist scheinheilig. Vielmehr noch: ein Sinnbild jener religiös motivierten Homofeindlichkeit, die der Rapper in seiner Kunst überhaupt kritisiert. 

"Ich habe meine gesamte Jugend damit verbracht, mich selbst zu hassen", schreibt Lil Nas X auf seinem Twitter-Account als Reaktion auf die Kritik. Grund seien die Drohungen über Strafen gewesen, die er Predigten zufolge wegen seiner Homosexualität erfahren würde. "Ich hoffe, ihr seid wütend, bleibt wütend und fühlt die gleiche Wut, die wir euren Lehren nach gegenüber uns selbst haben sollten."

In einem anderen Tweet schreibt er in einem Brief an sein 14-jähriges Selbst, er habe sich als Jugendlicher geschworen, seine Homosexualität niemals öffentlich zu machen. Der Song werde nun aber vielen queeren Menschen Türen öffnen, damit sie "einfach existieren" können. Tatsächlich sind die positiven Reaktionen auf das Video voller Bewunderung, Unterstützung und Dankbarkeit.

Man werde ihm vorwerfen, dass er eine Agenda verfolge, schreibt Lil Nas X in seinem Brief weiter. "Die Wahrheit ist, das tue ich. Die Agenda, dass Menschen sich verdammt noch mal aus dem Leben anderer raushalten sollen und ihnen nicht diktieren, wer sie zu sein haben."

Eine Message, die offensichtlich noch immer nicht alle verinnerlicht haben.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker