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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Mir ist soooo langweilig!

... und das könnte der Anfang wunderbarer Abenteuer sein. Doch wir fliehen vor dem Müßiggang panisch in jede sich bietende Zerstreuung.

Beisenherz Langeweile

Langeweile könnte der Anfang wunderbarer Abenteuer sein. Doch wir fliehen vor ihr panisch in jede sich bietende Zerstreuung.

Letzten Sonntag hatte ich einen freien Tag. Dass mir das eine Sondermeldung wert ist, dürfte Sie so überraschen wie mich der Umstand, dass ich ebendiesen hatte. Freie Tage sind bei mir so selten wie eine funktionierende S-Bahn in Berlin.

Und ich hatte auch noch das Glück, genau dort zu sein. Also, in Berlin, nicht in der S-Bahn. Ich flanierte durch den Tiergarten, was bei sonnigem Wetter wunderbar ist. Ich finde 15 Grad zwar zu kalt für diesen Frühsommer, aber bitte, wer's mag.

Was tun am freien Tag?

Nach einer Viertelstunde stellte sich allerdings Ernüchterung ein. Ich musste feststellen, dass ich 15 Minuten so beschäftigt damit war, mich in sozialen Netzwerken als entspannter Spaziergänger zu inszenieren, dass mir eines komplett misslungen war: entspannt spazieren zu gehen.

Mal an nichts denken. Einfach nur gehen. Schauen. Gehen. Schauen. War kaum möglich. Permanent der Griff zum Telefon. Welchen Podcast höre ich jetzt? Oder doch Musik? Was gibt's bei Instagram? Hat Promiflash Neuigkeiten von Cora Schumacher? Was hat Trump sich wieder bei Twitter geleistet? Oder doch noch schnell ein cooles Sonnenbrillenselfie posten, weil: Hey, Sonne! Das hat in Deutschland ja sicher noch gar keiner mitbekommen.

Zeitungen unterm Arm (ich kaufe die "Süddeutsche" immer, um die "Bild" damit zu umwickeln) lassen einen ja distinguiert wirken, sind aber unterm Strich Ausdruck desselben Symptoms: Unsere Gesellschaft hat die Langeweile abgeschafft. So wie Mumps, Windpocken oder Masern. Wobei das dank der Impfgegnerbataillone ja so auch nicht mehr stimmt (was wiederum sicher gegen die Knappheit von Kitaplätzen hilft).

"Fadesse" – klingt toll, scheint aber etwas zu sein, wovor die Menschen sich panisch fürchten. Die Schlange an der Supermarktkasse, und du hast nur Edge-Verbindung auf dem Smartphone – Horror! Eine Zugfahrt mit leerem Handyakku und das Notebook vergessen – wer will denn so reisen? Niemand. Im Gegenteil. Menschen, die in der Bahn oder im Café sitzen und ohne jegliches Device einfach nur dasitzen und herumschauen – ja, da ruft man doch die Polizei! Da stimmt doch etwas nicht!

Ebenso in der Kindererziehung. Der Satz "Mama, mir ist langweilig" wurde früher gern mit dem Angebot entlohnt, im Haushalt zu helfen oder jedenfalls das eigene Zimmer aufzuräumen. Heute springen junge Mütter von der Apfelspaltenmiliz hektisch vom Sofa und schleppen kistenweise Peppa-Wutz-Puzzles, Knete und Lernspiele herbei, während Vati mit dem Herrendutt sämtliche Indoorspielhallen abgoogelt. Als würde das Kind irreversiblen Schaden nehmen, wenn es sich einfach mal: langweilt.

Wissen Kinder noch, wie das ist, die Bahnen von Regentropfen am Fenster zu verfolgen? Diesen Wettlauf an der Scheibe, wer wohl am schnellsten nach unten kommt! Jeder Tropfen ein Renner, eine Person fast. Eine Welt, die aufgeht, ganz aus sich selbst heraus. Wie schade wäre es, würde man diese Welten in sich nicht mehr finden, weil schnelle Ablenkung uns so weit nie kommen lässt.

Langeweile fördert einiges zutage

Langeweile ist eine Förderpumpe, mit der wir Dinge aus uns selbst heraus schaffen. Gedanken. Bilder. Musik. Werden wir womöglich in den nächsten Jahrzehnten die unkreativste Phase seit langen Zeiten erleben, weil diese Generation vor lauter Zerstreuung nicht mehr zu sich selbst findet?

Aber bevor Sie das Smartphone beiseitelegen – dieses Selfie aus dem Berliner Tiergarten, das müssen Sie sich unbedingt noch ansehen!

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