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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Bist du ein Kuschelrassist?

Gestern waren wir alle Boateng, heute teilen wir den neuen Bahn-Werbespot mit dem schwulen Pärchen. Immer schön nach dem Motto: Ich, der tolerante Deutsche! stern-Stimme Micky Beisenherz sagt, warum genau an dieser Stelle schon der Rassismus anfängt. Der Kuschelrassismus.

Alexander Gauland

Alexander Gauland sorgte mit seiner "Nachbar"-Aussage für Aufsehen. Für stern-Stimme Micky Beisenherz ist es ein schmaler Grat zwischen aufrichtiger Toleranz und verklemmtem Kuschel-Rassismus.

Was jetzt kommt, könnte ein kleines bisschen wehtun. Möglicherweise haben Sie aber auch gar nichts damit zu tun, sondern waren Teil dieser Bewegung, die zu Millionen neben Boateng einziehen wollten.

Wollte ich auch. Kostet ja nix. Zumindest das Mitklicken.
Hier wird es auch nicht um die Tour(ette) de Germania gehen, während der die AfD jeden ethnisch verdächtigen deutschen Nationalspieler bis hin zu Erwin Kostedde durchtrumpt.
Auch die "Kanzler Diktatorin" von Renitentner Alexander "das habe ich nie gesagt" Gauland wird hier nicht weiter thematisiert werden.

Wie fertig diese bettflüchtige Parolen-Orgel wirklich ist, ist spätestens seit gestern Abend klar, als man ihm bei Anne Will ein Forum zum Randalieren bot. Das er nutzte, um sich als eine Art Niersbach in Braun zu gerieren, der erst alte NPD-Weisen nachträllert, sich an nix erinnern will und heute vermutlich schon abstreiten wird, jemals in dieser Sendung gesessen zu haben.

"Guck mal an, was ich für ein toleranter Deutscher bin"

Und doch geht es hier um Rassismus.
Den soften (sofern es das überhaupt gibt).
Ich denke dabei an denjenigen, der in einen Flieger einsteigt und einen Mann mit Kaftan und langem Bart ein paar Sitzreihen weiter entdeckt.
Wie schnell überlegt man da nochmal, was genau man im Handgepäck bei sich hat, was sich nicht doch zur Selbstverteidigung eignet.
Gut, okay. Zu billig, oder?

Aber was ist mit denen, die beim türkischen Gemüsehändler um die Ecke einkaufen gehen und beim Verlassen des Geschäftes plötzlich ein diffuses Glücksgefühl empfinden, weil sie sich so nett und angeregt mit dem Ladenbesitzer unterhalten haben.
Na, guck mal an, was ich für ein toleranter Deutscher bin.
Ich kaufe beim Türken – und lache sogar über seine Witze!
"Mit dem Taxifahrer und dem Tankwart von der Shell versteh' ich mich ja auch so gut."

Das sind dieselben, die dem schwarzen Klomann im Stammcafé einen Euro (!) auf den Unterteller legen und später bewusst auf ein zweites Strullern verzichten, um die Wucht des satten "Trink"-Geldes nicht zu, nun ja, verwässern. Vielleicht hat man sogar noch ein paar Worte gewechselt. So in etwa muss sich Albert Schweitzer gefühlt haben.

Nie werde ich diese Party einer ambitionierten CDU-Lokalpolitikerin vergessen. Runder Geburtstag. Der 60. oder so. Mottotische. "Literaturzirkel", "Frauenpower", "Weitblick". Und "Integration". Dort saßen die ganzen Ausländer. Wunderbar integriert. An einem eigenen Tisch. Da, wo man sich selber besser fühlt, weil man so unverkrampft und locker mit anderen Ethnien umgeht, fängt leider der Rassismus schon an.

Der softe. Der Kuschel-Rassismus. Ethnisch. Kulturell. "Der Jacek ist Pole. Aber ein ganz netter."

Gestern sind wir alle Jérôme Boateng. Heute teilen wir im Kollektiv den DB-Spot, in dem ein schwuler Fußballer seinen Freund am Bahnsteig empfängt. Eine Sensation! Ein schwuler Fußballer holt seinen Freund ab! Jetzt lasst uns das alle mal schnell millionenfach teilen, um zu zeigen, wie normal und nicht weiter erwähnenswert Schwulsein heutzutage ist. Möglicherweise wurde der Film auch nur so oft geklickt, weil noch nie vorher jemand gesehen hat, dass eine Bahn pünktlich ankommt. Der Faktor Homosexualität kann es kaum gewesen sein. Die Macher des Filmchens hatten ja nicht mal die Eier, zu zeigen, wie sich die beiden Hauptdarsteller küssen.

Gerade eben hat man sich noch über Frauke Petry echauffiert, plötzlich guckt man aus dem Fenster und fragt sich, was das für fünf dunkle Gestalten sind, die hier bei uns durch die Siedlung schleichen.

Doch, doch, das geht. Natürlich hassen wir die AfD! Unser Kind schicken wir aber trotzdem lieber auf eine Schule, wo der Migrantenanteil jetzt nicht sooooo hoch ist.

Hätte nicht Gauland den folgenschweren Boateng-Nachbar-Satz gesagt, sondern der ideologisch weniger suspekte Serdar Somuncu - wir wären womöglich ernsthaft in uns gegangen, ob da nicht sogar etwas Wahrheit in uns schlummert.
Wäre Boateng mein Nachbar - und nicht gerade Fußballer- würde ich mich nicht fragen, wie SO jemand dazu kommt, einen Mercedes AMG zu fahren? Nein? Wirklich nicht?

Die Tendenz zur moralischen Masturbation

Eine kleine Beobachtung: Ein Straßencafé. Man sitzt draußen und genießt das schöne Wetter. Plötzlich ein Wolkenbruch. Panisch räumen alle die Tische und rennen nach drinnen. Schnell bilden sich bunt gemischte Sitzgruppen von Leuten, die froh sind, noch einen Sitzplatz im Trockenen gekriegt zu haben. Während man um alle anderen Tische dicht gedrängt sitzt, befindet sich an einem lediglich eine Person, neben drei leeren Stühlen. Der junge, gut gekleidete Mann ist schwarz. Zufall? Bestimmt.

Zu ihm gesellen sich drei Männer, die sich angeregt mit ihm unterhalten und sichtbar glücklich sind, nicht zu denen zu gehören, die lediglich wegen der Hautfarbe des potenziellen Sitznachbarn das Stehen bevorzugen. Ja, sie fühlen sich gut. Erhaben. Besser als die anderen in diesem Café. Guckt mal, wie nett wir hier mit dem dunkelhäutigen Mann sitzen, ihr Nazis!

Woher ich das weiß? Weil ich einer dieser drei Männer gewesen bin. Und mich ab und an für die Tendenz zur moralischen Masturbation schäme. Wenigstens das.