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TV-Kritik

Anne Will : Gauland hatte also keine Ahnung

Anne Will diskutierte mit ihren Gästen die Frage, wie rassistisch Deutschland eigentlich sei. Anlass war die Debatte um den AfD-Politiker Alexander Gauland. Der war auch zu Gast, wollte aber nicht gewusst haben, dass Boateng farbig ist.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Der Journalist Eckart Lohse (l.) und der AfD-Politiker Alexander Gauland trafeb bei "Anne Will aufeinander

Widersprüchliche Darstellungen: Der Journalist Eckart Lohse (l.) und der AfD-Politiker Alexander Gauland trafen bei "Anne Will" wieder aufeinander

Gewusst wie: Wieder hat es ein AfD-Politiker geschafft, Thema einer Talksendung zu sein. Dieses Mal trägt er eine Krawatte mit zig currygelben Hunden - und heißt Alexander Gauland. Anne Will hatte den stellvertretenden AfD-Bundessprecher in ihre letzte Sendung vor der Sommerpause eingeladen, um ganz genau zu klären, welche Nachbarn der deutsche Bundesbürger haben will und welche nicht. Warum ausgerechnet Gauland fragen? Weil der seine ganz eigenen Nachforschungen auf diesem Gebiet gemacht hat. Jüngst hatte ihn die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" mit einem Satz über den Nationalspieler Jérôme Boateng zitiert: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben." Bedeutet das Nein zu Boateng auch ein grundsätzliches Nein zu Flüchtlingen? Anne Will machte denn auch gleich dieses Fass auf: "Guter Nachbar, schlechter Nachbar - Wie rassistisch ist Deutschland?"

Man hätte wahrlich nicht auf Gaulandsche Thesen warten müssen, um dieses Thema zu debattieren. Nach einer Erhebung des Bundeskriminalamts gab es im vergangenen Jahr 1005 Attacken auf Asylunterkünfte - fünf Mal mehr als noch im Jahre 2014. Braucht es da etwa noch mehr Argumente? Nun: Gauland also hat gesprochen, und alle haben längst den Braten gerochen. Talkgast Heiko Maas beispielsweise. Der Bundesjustizminister spricht von der "Masche der AfD". Und die sieht, lapidar gesprochen, so aus: Skandalträchtige Sätze rausballern, Leute aufhetzen, dann aber den Rückzug antreten mit einem "Es war nicht so gemeint."

Kein Wunder also, dass auch Gauland das Unschuldslamm gab. Boateng sei "farbig"? "Das habe ich nicht gewusst", so der AfD-Politiker. Boateng sei ein Fußballspieler? Auch da gab sich Gauland blank. Neben ihm ein Journalist der FAZ, Eckart Lohse. Derjenige, der das Zitat veröffentlichte. Nach Ansicht von Gauland der eigentlich Schuldige: "Herr Lohse hat mir den Namen Boateng in den Mund gelegt". Der  "farbige deutsche Christ" sei ihm als Beispiel einfach untergeschoben worden.

Gauland findet NPD-Spruch "einleuchtend und gut"

Er habe, so Gauland weiter, erwartet, dass ein "seriöser Journalist" nachfrage, ob er Boateng überhaupt kenne. Noch dazu hätte Lohse ihm angeblich zugesichert, nur ein Hintergrundgespräch zu führen - Lohse dementierte - aber kein Interview, das später veröffentlicht würde. Sein Fazit kam deshalb verärgert: "Herr Lohse, sie haben mich reingelegt." Ergo sei es "völlig unsinnig" zu behaupten, dass das Zitat rassistisch sei.

Maas verwies später darauf, dass Gauland nicht wisse, was er sage, noch was er tue. Ein anderes Beispiel sei die Parole "Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land". Maas erklärte, dass dieser Satz einem Liedtext einer rechtsextremen Band entstamme. Gauland wieder ahnungslos: Den Satz habe er mal auf einem Plakat gesehen und ihn als "einleuchtend und sehr klug" empfunden. Denn alleine beim Fußball, um bei diesem Beispiel zu bleiben, könne man sehen wie sehr sich Deutschland verändert hätte. Die Namen der Mannschaftsmitglieder von 1954 und 1972 müsse man sich nur anschauen, das seien "ganz andere Namen" als heute. Globalisierung? "Unsinn", so Gauland. Und: "Ich möchte dieses Land behalten, wie von unseren Vätern ererbt."

Warnung vor Gaulands Rhetorik

Die Migrationsforscherin Bilgin Ayata warnte vor Gaulands Rhetorik, sie sei "sehr gefährlich". Ohnehin: "Rassisten bekommen zu viel Raum in den Medien." Ayata verwies außerdem mehrmals darauf, dass Rassismus längst ein "zentrales Problem in Deutschland" sei, deutlich hätten das beispielsweise die NSU-Morde gezeigt. Schließlich stellte sie die Frage: "Wie viel Fremdenfeindlichkeit vertragen wir eigentlich?"

Der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt befand hingegen, dass es um Deutschland gar nicht so schlecht bestellt sei. Studien würden eine "Abnahme des Rassismus" zeigen. Man solle aufhören "von unseren Landsleuten das Schlechteste zu denken". Viele seien ohnehin vom Leben "arg gebeutelt", man solle sich in deren Situation mal hineinversetzen, klar, dass da Ängste da seien. Flüchtlingszuströme müsse eine Bevölkerung eben erstmal verdauen. Und das braucht: Zeit.

Maas räumte ein, die Politik hätte nicht deutlich genug vermittelt, welche Chancen in der Zuwanderung liegen würden. "Wenn wir die Schotten dicht machen, wird das nicht automatisch dazu führen, dass es uns besser geht“, so der SPD-Poltiker weiter.  Ängste und Sorgen würden deshalb nicht genommen. Seine Forderung: ein Einwanderungsgesetz.

"Es ist eine Lebenslüge in Deutschland, so zu tun, als seien wir kein Einwanderungsland", sagte Maas.