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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Das nackte Grauen

Falten sind okay. Aber dieser Helikopter-Landeplatz am Hinterkopf? Der war doch neulich noch nicht da! Und der muss auch wieder weg!

Micky Beisenherz

Mit Allibert begann das Unglück. Dieser teuflische Badezimmerspiegelschrank ist meines Wissens der erste, der es möglich gemacht hat, sich morgens anzusehen, was auf dem Hinterkopf passiert.

Das hätte ich nicht tun sollen. War ich immer darüber besorgt, was oberhalb der Stirn zur Neige geht, habe ich die wahre Krisenregion sträflich vernachlässigt. Auf dem Hinterkopf wird es dünn wie Tütensuppe, und das ist weniger witzig, als ich es hier darzustellen versuche.

Mir wächst ein Ei aus dem Nest

Dass die Geheimratsecken langsam regelrechte Geheimratsviertel werden, das ist ein langsamer, seit Jahren vertrauter Prozess. In welch rasender Geschwindigkeit jedoch das Haupthaar die Sicht auf den Hinterkopf freigibt, ist dramatisch. Das war doch vor ein paar Monaten noch nicht so! Mir wächst ein Ei aus dem Nest, so wie früher die Beulen der Agenten in den "Clever & Smart"-Comics.

Als Teenager habe ich meinen Vater gern amüsiert dabei beobachtet, wie er sich nach dem Duschen den Kopf mit dem Handtuch nicht mehr trocken gerubbelt, sondern lediglich ängstlich abgetupft hat. Jetzt beginne ich langsam zu verstehen, warum.

Ich leide. Ich leide wirklich.

Die Haare dürfen gern grau werden

Es ist nicht so, dass mir das Alter zusetzen würde. Die Falten sind völlig okay. Und die Haare dürfen gern grau werden. Hauptsache, sie bleiben. Tun sie aber nicht. Mein Körper ist ein sinkendes Schiff - und auf dem Oberdeck sind die Ratten. Die feigen Vorboten des Verfalls.

Als Mann hat man sich in der Regel mit Mitte 30 für eine Frisur entschieden - und bleibt dabei. Es sei denn natürlich, der Tonsurbereich epiliert sich selbst. Mein Körper arbeitet gegen meine Schönheit. Zwangstypveränderung. Wie viele Wochen bleiben mir noch, bis ich den Helikopter-Landeplatz zwischen dem Haupthaar mit Sonnenmilch eincreme, um mir nicht den Nordpol zu verbrennen.

Was mache ich denn jetzt?

Einen Sombrero kaufen und allen Freunden und Bekannten erzählen, ich hätte gerade Los Wochos? Für die nächsten dreißig, vierzig Jahre?

So eine Kippa bedeckt auch ganz würdevoll. Aber deswegen gleich zum Judentum konvertieren?

Klar, ich könnte auch dazu stehen und der Natur freien Lauf lassen - allerdings nur, wenn Komparsen für "Der Name der Rose, Teil 2" gebraucht werden.

Rasurglatze funktioniert nur bei Bruce Willis

Auch Rasurglatze wäre theoretisch eine Option. Für Menschen wie Bruce Willis oder Jason Statham funktioniert das. Dummerweise besteht mein Kopf aber zu 80 Prozent aus Ohr. Ich sähe aus wie die ISS. Ist also auch nix.

Dass ich überhaupt in der Lage bin, diesen #Hairxit so munter zu beschreiben, hat damit zu tun, dass es Hoffnung gibt: Ich werde wohl den Weg gehen, den schon Jürgen Klopp und Benedikt Höwedes beschritten haben. Follikelumtopfen. Ein Licht gegen das Lichte.

Von Freunden weiß ich, dass der Kopf Tage nach der Haartransplantation geschwollen ist wie der von Axel Schulz nach dem Kampf gegen ... ja, eigentlich nach jedem Kampf. Die OP kostet auch so viel wie ein gebrauchter Kleinwagen. Dafür ist das Ergebnis würdevoller als alles, was die Natur für mich bereithält. Lediglich den Spott der Leute hätte ich zu ertragen.

Aber ich bin ja nicht so bescheuert, irgendwem von meinen Plänen zu er zählen.

Und morgen hänge ich erst mal den Allibert ab.