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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Die Pfeifen im Walde

Früher nur zum Fürchten gut, ist der Forst heute ein In-Spot für Trendbewusste. Ganz hippe Naturfreunde müssen allerdings gar nicht vor die Tür. 

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Viele Menschen kennen mich als trendaffinen Menschen, dem keine Zeitgeisteskrankheit fremd ist. Dass aber nicht jedes In-Tool etwas für mich ist, war mir spätestens klar, als ich mir mit einem dieser Hoverboards meines Neffen, eine Art Skateboard mit Elektromotor auf nur zwei Rädern, fast mein Steißbein atomisiert hatte. Auch Stand-up-Paddling hatte ich mal ins Auge gefasst, aber bei meiner Ungeschicklichkeit wäre es wohl eher Stand-up-Comedy geworden. Fußgänger rund um die Alster würden vermutlich annehmen, ich sei schiffbrüchig oder ein verwirrter Ruderer.

Betrachtet man den aktuellen Buch- oder Zeitschriftenmarkt, dann ist die Forstlandschaft derzeit der heiße Scheiß.

Warum also nicht mal ein Spaziergang durch die Natur? Das ganze Land ist ja schon eine Weile fast hysterisch auf der Suche nach Ruhe und innerer Einkehr. So hat Hape Kerkeling durch sein Wanderbuch "Ich bin dann mal weg" bereits vor elf Jahren für einen derartigen Run, quasi einen Hype Kerkeling, auf den Jakobsweg gesorgt, dass der heilige Pfad in Richtung Santiago de Compostela voller ist als die Mönckebergstraße kurz vor Weihnachten. Nicht wenige Zeitzeugen berichten davon, dass es dort zugehen muss, als würde man Tinder als eine Art Wanderung durchspielen.

Wo also hin? Natürlich in den Wald. Betrachtet man den aktuellen Buch- oder Zeitschriftenmarkt, dann ist die Forstlandschaft derzeit der heiße Scheiß. Ein Mann namens Peter Wohlleben zum Beispiel plaudert ungeniert über das geheime Leben der Bäume und wird darüber zum Bestsellerautor, eine Art Sibylle Weischenberg für Forstfans.

Früher haben wir höchstens alte Batterien oder die Pornosammlung im Wald vergraben, zu etwas anderem war der nicht nutze. Zwischenzeitlich hat er sogar spektakulär den Sterbenden gemimt, um Autofahrern ein schlechtes Gewissen zu machen. Immer aber war der Wald Heimstätte für Kinderschänder, den Bullermann oder die Blair-Hexe. Man hatte Angst, da durchzuspazieren.

Und jetzt ist das plötzlich ein In-Spot! Bundesdeutsche Wälder sind voll mit Hipstern, Vertrieblern auf Incentive-Reise und Yogalehrerinnen. Die Ersten suchen ihre Ruhe bereits wieder in den Cafés von Berlin-Mitte oder der "Coca-Cola Oase" vom Oberhausener Centro.

Im bereits erwähnten Berlin wiederum äußert sich die Liebe zum Wald auf eine ganz spezielle Art.

Berichte, dass Teile des Teutoburger Waldes planiert und zu einem Parkplatz umgebaut wurden, damit Hamburger Zahnarztgattinnen vor dem Spaziergang durchs Gehölz ihren Range Rover bequem direkt davor parken können, sind zwar noch nicht bestätigt. Wundern würde man sich aber auch darüber nicht mehr.

Im bereits erwähnten Berlin wiederum äußert sich die Liebe zum Wald auf eine ganz spezielle Art: Dort ist die sogenannte Ayahuasca-Wurzel sehr en vogue. Ein Gewächs, aus dem Amazonas-Regenwald stammend, das sich Schauspielerinnen und professionelle Selbstfinder aufkochen, um durch den halluzinogenen Sud neue Bewusstseinsebenen zu erreichen.

Ich weiß von Partnerschaften, die beendet wurden, weil die sinistre Wurzel das während des Trips entschieden hat. Man kann gegen einen anderen Mann verlieren. Oder eine andere Frau. Aber gegen eine Wurzel?

Gut, der Vorteil an dieser Form der Naturliebhaberei ist: Man macht sich die teuren Schuhe nicht dreckig, da man in der Wohnung bleiben kann.

Dafür kann man sich schnell die komplette Bude einsauen. Die Erleuchtungstunke öffnet nämlich nicht nur den Geist, sondern auch so ziemlich alle körperlichen Ausgänge.