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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Auch Echsen unter den Opfern

Ferne Katastrophen bewegen uns nur, wenn wir sie über eine emotionale Eselsbrücke erreichen. Fehlt sie, helfen höchstens noch niedliche Tiere.

Von Micky Beisenherz

Beisenherz Kolumne

Es braucht in Zeiten, in denen die Unfassbarkeiten so zahlreich sind, dass man schon von einer Schreckedemie sprechen darf, gewisse Hebel, um die Dimensionen einer Naturkatastrophe oder eines Vorgangs überhaupt noch begreifen zu können. Wer von uns vermag denn schon zu erfassen, ab welcher Fläche ein Ozonloch schlimm ist? Welche Menge Niederschlag ist besorgniserregend? Ab wie viel Euro Steuerverschwendung sollte ich die Mistgabel aus der Garage holen und Richtung Kanzleramt marschieren? Und wieso habe ich eigentlich eine Mistgabel in der Garage?

Vor ein paar Tagen also las ich einen Artikel über die verheerenden Folgen eines Heuschreckenschwarms in Kenia. Damit sind jetzt ausnahmsweise nicht die Kapitalistenschweine gemeint, sondern die Insekten. Und die haben es in sich, gelang es den Amokgrillen doch laut des Berichtes, eine Fläche "von der Größe des Tessins" zu zerstören.

Das hat mich dann doch erschreckt. Weniger die Zerstörung – auch schlimm, ja – als die Tatsache, dass ich keinerlei Kenntnis von der Größe des Tessins habe. Ich wusste nicht einmal genau, wo das liegt. Was ist denn aus dem guten, alten Saarland geworden? (Das dank AKK derzeit höchstens noch für einen politischen Flurschaden steht.) Was ist mit Niedersachsen? Auch Texas ist eine wunderbare Referenzgröße. Ja, selbst Fußballfelder. Sogar diejenigen, auf denen nur der HSV spielt.

Einen emotionalen Bezug herstellen 

Aber das Tessin? Wer soll denn ehrliches Entsetzen empfinden, wenn man nicht einmal Größe und geografische Lage kennt? Irgendein völlig verantwortungsloser Autor ließ sich bei einem mir gerade nicht mehr erinnerlichen Unglück zu dem Vergleich hinreißen, eine Fläche von der Größe Ostdeutschlands sei betroffen.

Da muss dann schon mal kritisch angemerkt sein, dass so eine Beurteilung nicht nur eine geografische ist, sondern auch eine emotionale. Mit ein bisschen Pech liest jemand die Meldung, dass eine Fläche von der Größe Ostdeutschlands abgebrannt ist, und denkt sich als bekennender Einheitskritiker: "Na, und?" oder gar "Gut so!"

Nein, so geht das nicht. Um den schadensinteressierten Deutschen für die Dramatik einer Sachlage zu, nun ja, entflammen, muss etwas her, das wirklich bewegt.

Warum beim nächsten Brand nicht mal so was wie "betroffen ist eine Fläche so groß wie das Outletcenter in Roermond"? Das fänden garantiert alle schlimm. Oder auch "Die Ochsenfroschplage verwüstete einen Landstrich, dreimal so groß wie El Arenal". Da bebt doch das Teutonenherz im Takt von Willi Herren!

Klar, für FDP-Wähler ist sicher auch mal ein Satz drin wie "Hagelschäden erstreckten sich über eine Fläche von acht Weinbergen".

Echsen hätten weniger Empörung ausgelöst 

Hand aufs Herz, liebe Leser: Ja, wir alle sind uns einig, dass die Brände in Australien schlimm waren, aber: Hätte es Sie auch so berührt, wenn es statt der süßen Koalas nur irgendwelche dumm glotzende Echsen oder hinterhältige Spinnentiere getroffen hätte?

So ein Brandschaden in Australien braucht gar keine Referenzgrößen wie das Tessin oder Hessen – da reichen ein paar süße Beuteltiere, um uns für das Elend zu öffnen.

Falls es Sie interessiert, eine kleine Zusatzinformation: Die Schäden, die die Flammen in Australien angerichtet haben, übersteigen mittlerweile angeblich schon eine halbe Milliarde Euro und sind umgerechnet somit ziemlich genau: ein Andreas Scheuer.

Jetzt habe ich Sie doch noch betrübt in den Tag entlassen, oder?

Micky Beisenherz freut sich auf Sie: Was bewegt Sie? Tauschen Sie sich mit unserem Kolumnisten aus: www.facebook.com/micky.beisenherz