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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Das alte Arschloch Wahrheit

"Sie müssen nur die Leichen wegräumen": Mit dieser Aussage über die Toten im libyschen Bürgerkrieg sorgte der britische Außenminister Boris Johnson für Empörung. Die Mühe allerdings, die tiefe Wahrheit hinter diesen Sätzen sehen zu wollen, machte sich kaum jemand.

Von Micky Beisenherz

Boris Johnson

Der britische Außenminister Boris Johnson sorgte mit einer taktlosen Äußerung über Tote in Libyen für Entsetzen

Zugegeben, meine allererste Empfindung war ebenfalls: Empörung. Empörung ist Volkssport. Wer sich empört ist nie allein.
Davon ab ist Boris Johnson grundsätzlich ein verlässlicher Lieferant, wenn es darum geht, sich über die Aussagen eines anderen aufzuregen. Er liefert. Und wenn "Boris" dransteht, ist nicht selten mit irgendeiner Pleite zu rechnen.

Worum ging es eigentlich?

"Sie müssen nur die Leichen wegräumen"

Beim Parteitag der Tories sprach Johnson über die Schönheit der jüngst befreiten libyschen IS-Hochburg Sirte und deren tolle Strände. "Sie haben die großartige Vorstellung, aus Sirte das nächste Dubai zu machen." Soweit, so visionär. Dann der lachend präsentierte Zusatz. "Sie müssen nur die Leichen wegräumen." Was für ein Satz. Was für eine Vorstellung.

Das Echo fiel in etwa so gemäßigt aus wie seine Frisur. In den sozialen Netzwerken ging man dem Daily Business nach und fiel über ihn her, und selbst im eigenen politischen Lager regte sich Widerstand gegen Worte, so kalt, zynisch und bitter. Die Mühe allerdings, die tiefe Wahrheit hinter diesen Sätzen sehen zu wollen, machte sich kaum jemand.

Hat Johnson nicht sehr schonungslos beschrieben, wie es um unsere Art auf Kosten anderer zu leben bestellt ist? Werden nicht tagtäglich - wörtlich wie bildlich - Leichen weggeräumt, um den reibungslosen Ablauf unseres Amüsierbetriebs zu gewährleisten? Da werden in Spanien oder Griechenland gerade mal zwei Strandspaziergänge weiter Menschen wie Treibgut angespült - aber jetzt erstmal: Cocktails! Was interessiert uns die politische Lage in Tunesien, Ägypten oder Türkei, solange das All Inclusive Paket nicht Knast oder Terror beinhaltet. Hauptsache, billig.

Bin ich besser? Natürlich nicht. Ich bin einer der schlimmsten! Beim 7 zu 1 der Deutschen gegen Brasilien waren mir das arme brasilianische Volk und die von der FIFA wegplanierten kleinen Händler rund um die Stadien scheißegal - ich war im Freudentaumel. Und auch 2022 hängt es stark von der Euphorisierungsbegabung von Kimmich und Co ab, ob ich überhaupt Zeit habe, noch einen Gedanken an die Sklaven vom Stadienbau in Katar zu denken.
Denke ich an die mauretanischen "Wirtschaftsflüchtlinge", wenn ich im Restaurant sitze und Thunfisch bestelle? Natürlich nicht. Die Kohlehydrate beschäftigen mich deutlich mehr. Bitte mehr Brokkoli, keine Kartoffeln. Thema durch.

Ich sitze auch lieber in einer Talkshow und hole mir Szenenapplaus, wenn ich Merkels Erdogan-Deal als schmutzig beklage und die sofortige Aufkündigung desselben fordere! Aber habe ich Lust, mir künftig im Szenecafé den Macchiato vom Anblick junger Nordafrikaner verderben zu lassen?

Lieber das neue iPhone als ein ökiges Fairphone

Bring ich die Tochter besser mal selbst zur Schule. Will ich künftig mit so einem ökigen Fairphone rumlaufen, nur, damit irgendein Chinese, den ich nicht kenne nicht bei Foxconn vom Dach springt oder in kongolesischen Coltan-Minen bessere Arbeitsbedingungen herrschen? Jetzt guck mal. Das neue Smartphone hat zwei Linsen für richtig Tiefenschärfe!

Natürlich ist es leichter, sich über den Boten der Nachricht auszulassen und den Ton zu monieren. Johnson, der "Brexit-Boris" ist ein Trottel, und es kommt auch immer darauf an, wer was gesagt hat. Möglicherweise wäre auch Gaulands "Nachbar"-Satz ein schöner Denkanstoß für eigene Ressentiments gewesen, wäre er beispielsweise von Serdar Sumuncu gekommen.

So aber ist es einfacher, den Boten anzuscheißen und lynchen zu wollen, denn unsere Aufregung hat glücklicherweise keinerlei Konsequenzen zu befürchten. Wir müssen nichts ändern. Ein Wutpost als Ablasshandel für Tastaturhelden und Sofa-Ghandis.

Wir sollten unsere Scheinheiligkeit hinterfragen

Aber sinnvoller wäre es, kurz nachzudenken. So dann und wann. Über unsere Scheinheiligkeit. Die Doppelmoral. Und den Irrglauben, besser zu sein als die anderen. Wir stecken alle mit drin. Und keiner kommt aus dieser Nummer sauber raus. Wir werden halt nur richtig sauer, wenn uns einer dran erinnert. Ist wie bei Massage. Es kann nur dann heilen, wenn wir bereit sind, uns wehtun zu lassen.

Gut, vermutlich wird noch nix besser, nur weil Boris Johnson einen raushaut. Oder Die PARTEI vermeintlich geschmacklose Plakate druckt.

Andererseits ist es schon mal ein guter Anfang, daran erinnert zu werden, wo der Schmerz liegt. Und sei es im Kühlregal vom Supermarkt. Ich kaufe jetzt immer Bio-Huhn. Leiste mir allerdings ansonsten noch genug Scheiße, um jetzt hier groß die Fresse aufzureißen.

Auf einem iPhone getippt.