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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: "Humorbehindert - für barrierefreies Lachen"

In seiner Sendung "Das Lachen der Anderen" besucht Micky Beisenherz mit seinem Freund Oliver Polak heute Abend eine Gruppe von MS-Patienten. Doch darf man über Kranke oder Behinderte Witze machen? Unbedingt!

Micky Beisenherz: Läuft

Darf man Witze über Behinderte machen? Unbedingt, findet Micky Beisenherz

"@MickyBeisenherz beweist grad bei #lanz mal wieder, was für ein behindertenfeindliches Arschloch er ist. Vollpfost!"

Schön, wenn ein Fernsehauftritt so begeistern kann. Aber der Reihe nach.

Zwischenzeitlich dachte ich, ich müsste mir besonders viel Zeit für diesen Text nehmen, auf Zehenspitzen zwischen den eigenen Zeilen her tapsen, doch warum eigentlich?

Nur, weil es hier u.a. um Menschen mit Behinderungen geht? Unsinn. Diese Menschen verdienen es, dass ich diese Kolumne genauso flapsig angehe wie sonst auch.

Um auf die Schmeichelei von oben einzugehen: Es ist noch nicht lange her, da regte mich ein Artikel der Schweizer Weltwoche auf. Deren Verleger, Roger Köppel, ist in seinem Land rechtspopulistisch aktiv und verglich in besagter Ausgabe Flüchtlinge, die sich so gerade noch an den Strand geschleppt haben mit Einbrechern.

Eine abstoßende Haltung.

Das hat mich aufgeregt, und so bezeichnete ich in einem Post diesen berechnend- kaltherzigen Mann als Zweckautisten und als "so angenehm wie zwei Liter geschlucktes Mittelmeer".

Das hätte ich nicht tun sollen. Soziopath wäre doch auch ganz treffend gewesen.

Der "Zweckautist"- in meiner Welt ein Neologismus, der einen Menschen beschreiben sollte, der zum Zwecke der Stimmen- und Auflagengewinnung bewusst seine Empathiefähigkeit abstellt- sollte mir speziell bei Twitter schnell zum Verhängnis werden.

Eine Frau namens Julia Papst* - offensichtlich eine engagierte Artenschützerin - fing an, in oben zitierter Weise mit mir zu flirten, unterstellte mir, etwas gegen Autisten zu haben und - hört, hört - gegen Behinderte generell. Das fand ich ... nun ja... überraschend. Um das eigentliche Thema, die Flüchtlinge ging es in der folgenden Auseinandersetzung übrigens gar nicht mehr.

Wenn der kapillargroße Tunnelblick erst einmal einsetzt, ist das Boot voll.

Emotional gesehen.

Humor lebt von Klischees

War das Benutzen des Begriffes Autist falsch? Es war zumindest das Benutzen eines billigen und gern gebrauchten Klischees. Ein Standard aus dem Werkzeugkasten des Humorklempners: Alle Musicaldarsteller sind schwul, alle Werber koksen, alle Ärzte saufen, Piloten huren rum, Schwarze können alle tanzen,  Ossis sind alle Nazis, Autisten haben keine Gefühle - und Porschefahrer haben alle einen kleinen Pimmel.

Muss nicht stimmen. Ist nicht mal besonders kreativ. Und (wird) gewiss nicht allen Vertretern dieser Gruppe (ge)recht. Als Vorlage für ein einfaches Bild, den kleinsten gemeinsamen humoristischen Nenner aber durchaus zulässig. Und wie soll das eigentlich aussehen, wenn man etwas gegen "Behinderte" generell hat?

"Die Behinderten" gibt es ja nicht.

Aber, nur falls sie fragen: Ich hab auch schon ein paar richtige Idioten mit körperlicher Einschränkung kennen gelernt. Ein Rollstuhl oder eine Armprothese schützt nicht vor Dummheit. Genau wie ein Doktortitel. Oder ein BVB-Trikot.

Im Rahmen der Show "Das Lachen der Anderen" (heute Abend 22.45 Uhr, WDR) haben mein Freund Oliver Polak und ich uns aufgemacht, die Grenzen des Humors auszuloten. Nur, um das gleich vorweg zu nehmen: Die sind sicher nicht dort erreicht, wenn man sich mit Menschen befasst, deren Diagnose Multiple Sklerose heißt.

Wenn Oli einen Gag über Detlef - seit 35 Jahren im Rollstuhl - macht: "Du hast einen riesigen Jesus am Kreuz im Schlafzimmer hängen. Du wolltest dir mal ein Zimmer teilen mit jemandem, der sich noch weniger bewegen kann als du, oder?", dann hat der gelacht. Standing Ovations waren leider nicht drin.

Lustigerweise waren meine größeren Bedenken eher dort, ob wir nicht Detlefs religiöse Gefühle verletzen (auch so ein Thema).

Wo ist die Grenze?

Wenig überraschend, dass praktisch alle MS-Patienten über die Gags lachen konnten. Trotzdem gibt es Menschen wie die bereits erwähnte Helicopter-Mom für Gehandicapte, die das komplett ignorieren und sich darauf versteifen, dass man das nicht tut: Humor auf Kosten von Behinderten. Was nebenbei nicht ganz stimmt. Er geht ja auf Kosten der Behinderungen.

Nun. Wo ist die Grenze? Warum dürfen wir über die Augen von Özil lachen? Die Wampe von Calmund? Dass Pocher nur 1 Meter 13 groß ist. Dass Nino de Angelo säuft.

Wieso sind die körperlichen Malässen von Wolfgang Schäuble tabu? (Er hat wirklich sehr schlechte Zähne.) Weil es ihm weh tut, Gags darüber zu hören?

Hat unser Weltmeister Bock, auf jedem Smartphone diesen kack "Findet Özil!"- Bilderwitz zu sehen, wo aus hunderten Emojis ein glupschäugiger Smiley raus guckt. Gewiss nicht. Leb damit!

Ich geh lieber in einen Club, in dem ich eventuell mal was auf die Fresse kriegen kann, als dass ich immer draußen vor der Kordel stehen muss.

Klar, wenn bestimmte Begriffe fallen, klappen in Fun City gerne mal die Bordsteine hoch. Da wird eine Diskussion, eine humoristische Abhandlung, schnell zum Riverdance auf nem Minenfeld, doch: Was wäre die Alternative? Zurückzucken bei Menschen mit Behinderungen? Einen Unterschied machen? Das wäre schon qua Definition die eigentliche Diskriminierung.

Ich kann doch niemanden in Schutzhaft nehmen, der es gar nicht will.

Menschen mit Behinderung verdienen es, genauso verarscht zu werden wie Glatzköpfe, Dicke, Dünne, Rothaarige, Piloten oder Banker. Denn da beginnt die wahre Inklusion.

Eigentlich ist es mir zuwider, darüber zu schreiben, denn das allzu starke Betonen des Selbstverständlichen ist die gelebte Antithese. (Ähnlich wie ich diese freiwillige Ghettoisierung, einen schwul-lesbischen Weihnachtsmarkt in Köln, nie begriffen habe.)

Comedy muss barrierefrei sein.

Warum eine Grenze ziehen?

Wenn der anderthalbarmige Komiker Martin Fromme einen Clip ins Internet stellt, in dem er Passanten fragt, wo denn der nächste Second Hand Shop ist, dann ist das sehr witzig.

Aber zu glauben, dass nur Behinderte über Behinderte Witze machen dürfen, ist natürlich Unsinn. Über Doofe darf ich mich ja auch amüsieren. Warum eine Grenze ziehen?

Auch wenn meine Freundin Julia, diese Marshmallow-Woman aus 100 Prozent reinem, ungestrecktem Moralin das anders sieht. Was sie mir in einer Fäkalkaskade via Twitter immer wieder deutlich gemacht hat. Übrigens erstaunlich für jemanden, der hauptamtlich für mehr Empathie eintritt.

Humor soll an der richtigen Stelle wehtun, denen ans Bein pissen, die es verdienen, Missstände pointiert aufzeigen. Humor kann aber auch Leichtigkeit sein, Schweres besser erträglich machen. Einen Hauch Normalität dort rein bringen, wo sich manch einer von Samthandschuhen erwürgt fühlt. Für die Wunde ist Humor Salz und Salbe zugleich.

Es gibt Dinge, die Behinderten das Leben nach wie vor unglaublich schwer machen: Fehlende Rampen, Treppenstufen, schlecht geschnittene Räumlichkeiten, Begriffe wie "Invalide" (seit wann sind Menschen ungültig)... mitleidige Blicke.

Gags sind sicher nicht das Problem. Beim Völkerball der Komik sollte jeder aufs Feld dürfen.

Nach einem kurzen Twitter-Scharmützel mit der Jane Goodall für Eingeschränkte wurde ich von einem Freund darauf hingewiesen, dass meine Kontrahentin gehörlos sei.

Und nu? Die Behinderung war das letzte, was ich an ihr nicht mochte. Hätte ich jetzt aufhören sollen?

Das Getweefe ging ungebremst weiter und mündete final in ihrer erstaunlichen Antwort: "Wieso immer Behinderte? Können Sie nicht Witze über normale Menschen machen?"

Normale Menschen?

Das fand ich dann wiederum reichlich behindertenfeindlich von ihr.

 

 P.S.: Letztens wollte ich im Rahmen eines grafischen Gags die emotionsunbegabte Angela Merkel als "the Autist" bezeichnen. Ich habe drauf verzichtet. Nicht wegen Julia Papst*. Die stößt bei mir auf taube Ohren.

Eine sehr nette Frau hat mir eine lange, eindrückliche Mail geschrieben. Über ihre Tochter und über den harten Kampf von Autisten. Darüber, wie schwer es ist, dieses Klischee vom gefühllosen Menschen abzuschütteln. Dieses lange, frustrierende Ringen um Akzeptanz als fühlendes Wesen.

Ich werde künftig andere Metaphern suchen. Diese hier war offenbar schon seit längerer Zeit arg schief. Mein Fehler. Sorry.

 

*Name von der Redaktion verschlampt