HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Die zweite Chance

Wer nicht zufrieden ist mit seinem Geburtsnamen, hofft, dass er einen cooleren Spitznamen bekommt. Meist allerdings zu Unrecht.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

"Das HSV-Spiel gucken wir aber wieder bei Buh, oder?" Buh ist der Onkel meines Kumpels Jonas, 80 Jahre alt, Jäger, eigentlich heißt er Werner. Sein Unique Selling Point war es früher, die Kinder der Familie mit einem lauten "Buh!" zu erschrecken, und das so regelmäßig, dass daraus eine Art Künstlername wurde.

Auch ich selbst bin ein komischer Onkel. Meine Nichte Nia nannte mich jahrelang nur Ala. Schließlich war ich immer wieder Down Under bei den Koalas, und da ihr die Aussprache des Worts Koala schwerfiel, wurde ich halt zum Ala.

Klinsi. Angie. Birne. Wir neigen einfach dazu, Menschen zu verspitznamen. Oft ist der Kosename die liebevolle Reduktion auf ein signifikantes Feature oder die Inselbegabung des Trägers.

Ein Hängebauchschwein namens Bobele

Bobele. Ich kenne ein Hängebauchschwein auf Mallorca, das wegen seines Teints und der rotblonden Borsten nach unserem Wimbledon-Helden benannt wurde. Weitere Parallelen in Gebaren oder Figur werden aus Rücksicht auf den Namensgeber nicht weiter vertieft.

Stichwort "Legenden": Mein Bruder, Typ deutsche Eiche, machte irgendwann mal den Fehler, jemandem vor Publikum anzudrohen, dass er bei Nichtunterlassung eines Fehlverhaltens "die Härte zu spüren kriegt" . Fortan wurde er nur noch "die Härte" genannt. "Wo ist denn die Härte? Bringt er Nudelsalat mit?" Als Handwerksmeister wird er übrigens bei Lehrlingen auch unter dem Zweit-Spitznamen "Saddam" geführt. Was gewiss keiner weiteren Erklärung bedarf.

Der Dorf-Irre mit den Segelohren, der häufig Selbstgespräche führend durch die Straßen meines Heimatörtchens zieht, verdankt seinen Spitznamen weniger der geistigen denn der optischen Auffälligkeit: "Prinz Charles". Er teilt sich dieses Etikett mit einem Unikum, das flächendeckend behangen mit gestrickten Fanutensilien ins Bochumer Stadion geht: "Prinz Schals" eben.

Manch einer gerät gänzlich unverschuldet in eine Umtaufung. So wie der Bettler, der den Fehler machte, just in dem Moment bei meiner Familie zu klingeln, als der Reporter bei einer legendären Langlaufübertragung "Wo ist Behle?" rief. 

Kaum schellte es, sagte mein Onkel Franz auch schon: "Vor der Tür!" Mit der Folge, dass meine Omma den Bettler noch Jahre später mit "Guten Tag, Herr Behle" begrüßte, wenn er mal wieder vor der Tür stand.

Tatjana Gsell wurde zur "Busen-Witwe"

Auch der Boulevard arbeitet gern mit kreativen Pseudonymen. Da wird eine gewissenlose Greisin zur "Herzlos-Oma", Tatjana Gsell wacht als "Busen-Witwe" auf, und ein paar lüsterne Saunaklub-Besucher sind plötzlich "die Fummel-Rentner aus der Duftsauna". Nochübler trifft es missliebige Staatsmänner, die wahlweise als "der Irre von Teheran" , "der Irre aus Nordkorea" oder "der Irre aus Washington" geführt werden.

Da kommen die Nutzgeräte meiner Eltern deutlich besser weg. So wie Franz, der Mähroboter. Der hat seinen Namen daher, dass er einsam seine Kreise über den Rasen zieht, so wie Franz Beckenbauer in jener Nacht in Rom nach dem WM-Gewinn 1990.

Sehen wir es positiv: Meistens sind Spitznamen eine kreative Zuwendung. Wenn man uns schon in eine Schublade steckt, dann wenigstens in eine mit einem schicken Messingschild dran.

Nach dem 0 : 8 des HSV fiel Buhs Spitzname im Wohnzimmer übrigens recht häufig - obwohl keiner die Kinder erschreckt hatte.

Herzlichst, Ihr Ala, der Irre aus Castrop

Ein Baby kuschelt mit einer Katze