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M. Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier" Schwarzbuch Mitmenschen: Die größten Quälgeister


Mitmenschen können einem die Freude am Leben vermiesen. Micky Beisenherz listet alle Plagegeister auf, die seine Lebensqualität mindern.
Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Und am achten Tag endsandte Gott großzügig eine Armada von Menschen, deren Auftrag es war, ihren Mitbürgern gehörig auf die Nüsse zu gehen... Und dass er das wirklich mit präziser Streuung getan hatte, fiel mir gerade eben im Flieger wieder auf: Mit buddhistischer Ruhe, im kurzärmeligen City Hemd und orangenem Jägermeister-Hut stapft der Kerl im Flieger so langsam vor mir her, als hätte John Woo persönlich seinen Marsch durch den Gang inszeniert. Nur, um mit seinem Handgepäck großflächig die Ablage auf Höhe meines Sitzes hermetisch abzuriegeln - und circa 15 Reihen weiter nach hinten zu gehen. Wo sein Sitz ist. Ist später beim Aussteigen viel entspannter so. Also, für ihn. Man selber darf sich dann von der Stewardess anpampen lassen, warum man sein Gepäck so komisch unter den Sitzen verstaut hat.

In meinem alttestamentarischen Zorn, mit pochender Ader auf der Stirn habe ich mal kurz eine rote, gänzlich unvollständige Liste derer gemacht, die uns im Alltag von 100 Prozent Lebensqualität locker auf 40 runterwirtschaften können:

  • -Der Armlehnenvollbesetzer: Im Flieger ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man sich die Armlehnen sanktmartinesque mit seinem Sitznachbarn teilt. Das wird von dieser Spezies aber gerne mal übersehen. Gerne quellen diese Menschen lavalampenartig in ihren Sitz, thronen dort und okkupieren die komplette Armlehne. Man selber klemmt dann ohne Armfreiheit in seinem Sitz und bekommt eine grobe Vorstellung davon, wie sich die Viecher bei Wiesenhof fühlen müssen.
  • -Das Lehnenkatapult: Immer noch Flieger, selbe Spezies. Diese helmutmarkwortigen Menschen, die sich hinter einem mit der Eleganz einer Wasserstoffbombe in ihren Sitz fallen lassen. Allerdings nicht, ohne sich an der Rückenlehne vor ihnen festzuklammern. Also, meiner. Die wird beim Versenken des adipösen Torsos derart gespannt, dass man sich beim Loslassen vorkommt, als sei man gerade Johnny Knoxville in einem mittelalterlichen Katapult. Es sind übrigens exakt diese Menschen, die so schnaufend und rasselnd atmen, dass man irgendwann aus dem Schlaf hochschreckt im Glauben, die Maschine habe einen massiven Triebwerksschaden.
  • -Bahnstampede: Wie es unserer Gesellschaft im Falle einer Apokalypse ergehen wird, lässt sich allein schon daran gut ablesen, wie sich Menschen verhalten, die als amorphe, schwarmdumme Masse bereits panisch in den Zug drängen, während man selber noch nicht ausgestiegen ist. Die Untoten in "World War Z" waren dagegen vergleichsweise zivilisiert und bedächtig.
  • -Die Trekkingruck-Sucker: Schade, dass es "Wetten, dass ..?" nicht mehr gibt. Ich bin mir ziemlich sicher, ich könnte allein in der Bahn vierzig verschiedene Modelle von Trekkingrucksäcken nur mit dem Nasenbein erkennen. So viele von den Dingern hatte ich schon im Gesicht. Wenn ich doch schon durch einen engen Bahnwaggon gehe - warum nehme ich diese Wandergarage nicht ab! Oder höre wenigstens auf, mich mit dem Ding auf dem Rücken zu drehen, bis alle Mitfahrenden aussehen wie Axel Schulz in der... ach, was weiß ich... in jeder Runde!
  • -In dieselbe Kategorie fallen auch die Menschen, die ca. 47 Minuten nach Verlassen des Sattels in der Eisdiele sitzen und immer noch den Fahrradhelm aufhaben. Kommt gemeinhin so rüber, als sei man gerade frisch lobotomisiert und gönnt sich auf die weiche Fontanelle erstmal ein Eis. Okay, streng genommen raubt einem diese Kategorie Mensch keine Lebensqualität. Eine Erwähnung ist sie dennoch wert.
  • -Supermarktkassen-Bloccupy: Rund 37 Dinge passieren im Eiltempo die Kassiererin und warten darauf, möglichst schnell und elegant in Tüten verpackt zu werden. Eine Situation, die für den Großstadtmenschen eines der letzten großen Abenteuer ist. Einkaufstüten-Tetris mit Salatgurke, Eisteedose und 'ner 6er-Packung Fruchtzwerge. Nicht selten wird die Flüssigkeit dieses Vorganges von Menschen blockiert, die als Voreinkäufer aus unerklärlichen Gründen noch an der Warenlade verharren. Um 354 Münzen in ihrem Portmonee zu sortieren, mit der verrückten persischen Freundin (Tautologie) am Smartphone zu diskutieren oder - wie heutzutage üblich einfach stumpf - "the Whatsapping Dead"-mäßig auf ebendieses zu starren.
  • - Die Automaterroristen: Wie kann es zur Hölle sein, dass manche Menschen am Geldautomaten vor einem so unfassbar lange brauchen? Manchmal überlege ich schon zu fragen, ob der Endgegner in Level 8 von Tekken so schwer ist oder sie Hilfe bei "Angry Birds" brauchen. Unfassbar...
  • -Tankstellenthekenflaneure: Früher waren Tankstellen einfach. Man tankt, zahlt, geht. Seitdem sie an Tankstellen aber Brötchen, Cocktails und diverse Impfstoffe verkaufen, hat sich die Wartezeit ins Unermessliche gesteigert. Wann immer man es eilig hat, weiterzukommen, kann man all seine Restnerven darauf verwetten, dass die Person vor einem mit besonderer Begeisterung auf das Backwarenangebot vor ihm zu sprechen kommt, sich jedes Gluten einzeln vorsingen lässt - nur, um am Ende der einzige Mensch weltweit zu sein, der sich tatsächlich live eine Clubsmart-Punktekarte ausstellen lässt. Oft kann man sich nicht einmal ablenken, weil das Smartphone im Verkaufsraum nur Edge Verbindung hat.
  • -Und was sind das eigentlich für Schweine, die einem in einem Betrieb immer wieder zielgenau die eigene, selbstgekaufte Kaffeetasse klauen? So lange, bis man sie dem Ignoranten offiziell schenkt, weil man besser mit dem Gedanken leben kann, selber keine mehr zu besitzen, als dass sie Tag für Tag immer wieder neu gestohlen wird. (Der wahre Grund, warum ich heute nicht mehr fest angestellt bin)

Diese humanoiden Nerven- beziehungsweise Zeitsauger sind nicht neu. Bei Momo damals waren es die Zigarren rauchenden, grauen Herren. So gut gekleidet sind die heute längst nicht mehr. Du sollst sie erkennen an Camp David Hemden, pinkfarbenen Crocs oder "Morbus iPhone", der durchs auf Apple Produkte starren verkrümmten Wirbelsäule. Nicht auszudenken, wieviel kostbare Lebenszeit mir diese Menschen schon gestohlen haben.

Aber was erzähle ich Ihnen das. Sie haben ja sogar offenbar Zeit, diese Kolumne zu lesen.

(weitestgehend erstellt auf einem iPhone an Supermarktkassen und Geldautomaten)


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