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M. Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier" Mallorca - Nutten gucken am Mittelmeer


Unser Kolumnist Micky Beisenherz hat sich in einem Nobelrestaurant auf Mallorca umgesehen. Der gnadenvollen Insel. Dem "Was macht eigentlich?"-Eiland.
Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Ach, wie schön! Ihr geht Nutten gucken!" Die Frau meines Freundes Markus lebt auf der Insel. Ihre Begeisterung für das mallorquinische Szenerestaurant fußt also auf einer gewissen Empirie.

Überhaupt: Mallorca. Iberisches Guilty Pleasure. Niemand von uns Besserlebern fliegt dorthin, ohne der Absichtserklärung nicht noch ein "ja, aber..." hinterherzuschicken.

Dabei ist das unfair. Sie ist wunderschön. Überdies auch äußerst karitativ.

Diese Insel lässt niemanden hinten rüber fallen. Es heißt, wer es in New York schafft, schafft es überall. Alle anderen buchen das Rückflugticket direkt nach Mallorca. So sitzen wir nun in diesem Nobelitaliener im Jachthafen Puerto Portals.

Das Restaurant gehört einem zurecht gut gelaunten albanischen Geschäftsmann. Ein freundlicher Herr, der in den Neunzigern mit seinen Brüdern die Besitzverhältnisse auf der Hamburger Reeperbahn umgekrempelt hat. Es gibt also praktisch nie Beschwerden über das Essen. Das allerdings wirklich sehr gut ist. Genauso wie die Sicht auf die hochengagierten Mittzwanzigerinnen, die sowohl den Rest des Urlaubs als auch der ansehnlichen Jahre auf einem Boot zu verbringen gedenken. Wo Geld ist, kann auch Liebe sein.

Kurz noch das Minikleid mit dem Haarglätteisen aufgebügelt, und los geht es. Die deutschen Frauen schrauben sich gerne High Heels mit 10 cm-Absätzen drunter. Engländerinnen sorgen mit 15 cm für ein großes Hallo. Zumindest, bis die Ukrainerinnen mit 18 Zentimetern wie ein Rudel Goldgräber-Giraffen durch die gastronomische Savanne stöckeln.

Zum Sattessen ist man im Restaurant ganz richtig.

Micky Beisenherz

Ein herrlicher Pheromonsalat

Das Sattsehen erfolgt oben, in der Lounge. Einer netten Bar, in der ein Saxophonspieler live den DJ unterstützt und den Soundtrack zu der Beschlafungsanbahnung zwischen den jungen Damen und den berolexten Bootseignern liefert. Hier will man's wissen. Ein herrlicher Pheromonsalat. Der natürlich nur halb so schön wäre, würde ein solcher Laden nicht auch jegliche Prominenz anlocken, die der deutsche Zelebritätenatlas hergibt.

Wie den deutschen Ex-Nationalspieler, der alle zehn Minuten denselben köstlichen Witz wiederholt: Er greift sich mit gespielter Panik in die Hosentaschen, nur, um Sekunden später erleichtert alle wissen zu lassen, dass er doch noch 5000 Euro in Scheinen dabei hat. Die deutsche Nationalmannschaft wird solche humoristischen Preziosen damals in Südafrika schmerzlich vermisst haben. Ein Ex-Bundespräsident war auch schon da. Er ließ sich partout zu nix einladen. Oder Oliver Pocher. Echte Prominenz also.

Aber zum Beispiel auch Kader Loth. Eine rüstige Unterhaltungsnaturschönheit, die seit der Verkleinerung ihrer Brüste endlich die Sicht auf ihr bezauberndes Gesicht freigibt. In ambitioniertem Deutsch erklärt sie einem Komiker mit einem Faible für Locken und Eskalation die Welt. Der erkennt sofort das Unterhaltungspotenzial der Situation und animiert sie, sich ins Gästebuch der Bar einzutragen. Woraufhin der ansonsten stets bestens draufe Geschäftsführer ein Gesicht macht wie bei einer Vorsorgeuntersuchung. Nach mehreren Versuchen, sie von ihrem Vorhaben abzulenken, rückt er das Buch raus. Als das Unvermeidliche geschieht, ist plötzlich eine Kamera in der Nähe.

Wovon leben die eigentlich?

Was wiederum die gelernte Komponistentochter Giulia Siegel bemerkt und sich muränengleich aus ihrer Sitzecke erhebt, um im Bildhintergrund als fotografischer Beifang aufzutauchen. Nicht sehr souverän. Aber noch allemal besser, als der berufliche Status quo der einstigen Showikone Carsten Spengemann. Dieser ist nur 30 Kilometer entfernt am Ballermann als Azubi eines gewissen Ikke Hüftgold tätig. Ein Sänger, der sich am Ende der Show regelmäßig Bier über den Kopf kippt. Das Spengemann aufwischen muss. Auf dem hopfengetränkten Boden der Tatsachen. In einem Ganzkörperkondom. Ja, ganz recht.

Mehr und mehr beschleicht mich das Gefühl, dieses Paradies am Mittelmeer ist im Grunde genommen die inselgewordene letzte Seite des stern. Das "Was macht eigentlich?"- Eiland. Und immer wieder stellt man sich die Frage: "Wovon leben die eigentlich?" Was machen die beruflich? Fast möchte ich "Bachelor" Paul Jahnke fragen, der in Begleitung eines "TV Maklers" (ein Geschöpf, wie es nur die "Bild" schaffen kann) in einem Camp-David-Anzug aus Aluminium unten an der Promenade entlang flaniert. Aber ich weiß es ja. Der Mann ist DJ. Also Arbeitskollege von Giulia Siegel, Micaela Schäfer oder Georgina Fleur. Menschen, über die andere böse Menschen sagen, ihre fabrikneuen Hirnhälften würden nur notdürftig vom Kopfhörer zusammen gehalten. Was so nicht richtig ist. Vielmehr sind die Kopfhörer Zeugnis einer echten beruflichen Tätigkeit.

Natürlich könnten die Clubbetreiber die gebuchten Prominenz-Imitatoren auch einfach nur als Selfie-Annahmestelle in die Mitte irgendeines Clubs stellen, bis sich die betankte Masse an ihnen abgearbeitet hat. Aber hinter einem Mischpult entsteht zumindest ansatzweise der Eindruck von Beschäftigung. Und nicht etwa von.... Zoo.

Und das ist toll hier. Jeder hat irgendein Auskommen. Für jeden findet sich irgendwas. Oder irgendwer. Oh, Mallorca, Du gnadenvolle Insel. Noch besuche ich Dich nur als Tourist. Aber irgendwann machen wir mal beruflich was zusammen, yesyesyes?

Schließlich fragen sich meine Eltern bis heute: "Wovon lebt der eigentlich?"

Ich besorge mir schon mal das Ganzkörperkondom....


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