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M. Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier": Edathy und der Facemob

stern-Stimme Micky Beisenherz nimmt in seiner neuen Kolumne "Sorry, ich bin privat hier" kein Blatt vor den Mund. Erstes Ziel seiner Verbalattacke: Edathy und der Volkspöbler Jan Leyk.

Von Micky Beisenherz

Okay, reden wir erst mal über das Offensichtliche: Wir alle haben doch das Gefühl, Justitia trägt die Augenbinde nur, um "Shades of grey"- mäßig in Edathys Hobbykeller durchgenommen zu werden.

So weit, so schlimm. Im Namen des Volkes ist halt selten im Sinne des Volkes.

Nicht nur weil wir denken, dass der blinden Dame da 5000 Euro in den Slip gesteckt wurden, sondern auch wegen der - nun ja - etwas unglücklichen Art der Außendarstellung wurde Edathy binnen weniger Stunden in etwa so populär wie Masern - wobei Masern zumindest auch Erwachsenen schaden können. Wenn die Kritik in maßvollem Ton geäußert wird, dann mag das ja noch angehen.

Jetzt aber wird's richtig ekelig.

Denn just in dem Moment, wo sich die Welle des Hasses zu einer stattlichen Dünung auftürmt, schnappt sich einer ein Brett, um die genüsslich abzureiten: Jan Leyk (ja, ich erklär's ja sofort) echauffiert sich wortgewaltig und volksnah im Internet.

Der Mann ist jetzt aber weder Rechtsphilosoph noch Verfassungsrichter, sondern medialer Multijobber und DJ aus Hamburg. Einer breiteren Masse vielleicht noch durch seine Teilnahme an der RTL2-Prollonovela "Berlin Tag & Nacht" bekannt. Und diese Masse hat der Mann offenkundig nicht im Griff. Oder will es gar nicht.

Auf seiner Facebookseite, einer Art digitaler Mega Park, lässt sich der Debilendompteur in einer ellenlangen und - sagen wir mal- seeeeehr volksnahen Suada über den "feigen, widerwertigen Dreckspedo" aus. Am Rande sei bemerkt, dass er mit der deutschen Rechtschreibung offenbar genauso hadert wie mit der deutschen Rechtsprechung. Die Hasspredigt gipfelt darin, dass der Emotionspos(t)er hofft, "dass dieser perverse Bastard an jedem Ort auf diesem Planeten bespuckt und mit Steinen beworfen wird...!!!"

Erfrischend stumpfe Einzelmeinung

Steinigung, soso. Als Einzelmeinung schon erfrischend stumpf. Wenn einer aber 1,2 Millionen Facebook-Fans hat, von denen immerhin 180.000 die Lynchpropaganda bejubeln, wird es finster wie in einem Ken-Follett-Roman.

Edathy löst auch bei mir Gefühle aus wie einer, der am Strand Vögel mit Öl einschmiert. Nur: Den (digitalen) Fackelmob los schicken, im Kollektiv das Mittelalter 3.0. zelebrieren, Fleisch ins Aquarium der Echauffierungspiranhas schmeißen - nur für den Klick für den Augenblick, ist dann fast noch trauriger als der Anlass selbst. Das sollte man wissen, bevor man so etwas vor über einer Million verklappt. Zumal wir in Zeiten angelangt sind, in denen es einem Gutteil der Zornespolonaise zumeist ziemlich egal ist, wofür sie sich in Bewegung setzt: "Nein" zu den gierigen Griechen, Kommentarverbot für Marcel Reif oder jetzt halt eben "Schwanz ab!" für Sebastian Edathy.

Ein Tag Zeit für einen getexteten Rülpser

Mit Feinheiten muss man den virtuellen Abendspaziergängern schon gar nicht kommen. Wir hassen doch grad so schön. Und der Finger mag partout nie in die eigene Richtung zeigen.

Menschen sind wie Goldschmuck. Schön im einzelnen. Je mehr auf einem Haufen, desto schäbiger. Emotionen? Bitte! Spätestens, wenn es in einem Aufruf zur Gewalt mündet, ist die Grenze erreicht. Für seinen getexteten Rülpser hat sich Leyk, der humanoide Selfiestick, nach eigener Aussage einen ganzen Tag Zeit genommen. Wie bitte sehen bei dem dann die Schnellschüsse aus?

Zugegeben, dieser Artikel selbst ist ein Zeugnis, wie ein jeder versucht, diesem sensiblen Thema noch ein paar Klicks abzumelken. Ich für meinen Teil versuche allerdings nicht, dem aufgepeitschten Facemob, wo er gerade schon mal auf meiner Seite ist, noch ein paar Handyhüllen zu verkaufen. "Aus großer Kraft folgt große Verantwortung." Das wusste schon Spidermans Onkel.

Den RTL2-Job war Leyk übrigens damals los wegen juristischer Probleme - Freundin würgen, Einbruchdiebstahl und sowas.

Der also wirft schon mal nicht den ersten Stein.