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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Lazarus oder Ikarus? Über den seltsamen Patienten Donald Trump

Micky Beisenherz über Donald Trumps Corona-Infektion
Donald Trump ist zurück im Weißen Haus und nimmt auf dem Balkon bedeutungsschwanger die Maske ab
© WIN MCNAMEE GETTY IMAGES NORTH AMERICA / AFP
Donald Trump ist zurück im Weißen Haus und inszeniert sich mit einem Filmchen, das vermutlich selbst Michael Bay wegen übertriebenem Pathos abgelehnt hätte, kommentiert Micky Beisenherz.
Von Micky Beisenherz

Er ist wieder da. Streng genommen war er nie wirklich weg, sondern präsentierte sich in der Frühphase der Erkrankung der Öffentlichkeit als tatkräftiger Macher, der sich selbst von Corona nicht davon abbringen ließ, mit einem Sharpie seinen Namen auf einen Zettel zu schreiben.

Donald Trump ist zurück im Weißen Haus

Die Frisur sah zwar maximal nach 50.000 Dollar aus und auch die Video-Grußbotschaft wirkte, als hätte man eine zwischenzeitliche Hustenattacke inklusive Reanimation rausgeschnitten, aber was soll's. Der Mann ist bereits zurück im Weißen Haus. Und wie sich das für ihn gehört, geschieht das nicht mit stoiberschem Pragmatismus, sondern inszeniert mit einem Filmchen, das vermutlich selbst Michael Bay wegen übertriebenem Pathos abgelehnt hätte.

Da setzt ein Helikopter auf dem Rasen auf, der POTUS steigt aus, winkt ein wenig seltsam, marschiert auf die Stufen des Weißen Hauses zu, salutiert – und ist wieder im Dienst für sein Volk. Beziehungsweise für seine Wähler. Fast ein wenig, als ließe man den Abgang von Richard Nixon rückwärts laufen. Seufz. Und natürlich nimmt Trump auf dem Balkon bedeutungsschwanger die Maske ab. Ob er ob der großen Geste vorher tief Luft holen musste oder weil man Corona als fettleibiger Mittziebziger nicht einfach wegtwittern kann, das weiß nur er selbst. Womöglich sind es nur die Steroide, mit denen man ihn im Militärkrankenhaus fit gespritzt hat wie einen überreifen Boxer vor dem großen Kampf.

Die abgelegte Maske ist zum Symbol eines politischen Wettbewerbs geworden

Steroide. Das ist genau das, was diesem amorphen Freak von einem Wahlkampf noch gefehlt hatte. Eine Präsidentschaft, irgendwo zwischen Belarus und Lazarus. Die abgelegte Maske ist zum Symbol eines politischen Wettbewerbs geworden, der längst zum Glaubenskrieg verkommen ist. Wir gegen die. Ihr habt die Maske. Wir die Bibel. Und sollte Trump diese Erkrankung, bei der nicht wenige davon ausgehen, dass er sie nie wirklich hatte, so locker überstehen, dann kann man seiner Botschaft "Lasst es nicht Euer Leben beherrschen. Habt keine Angst davor" argumentativ wenig entgegen setzen.

Corona ist keine Bedrohung – zumindest, wenn du reich und weiß bist und die besten Ärzte der Welt hast. Ein Glück, das den über 200.000 Toten in den USA nicht beschieden war. Und für deren Angehörige diese gesamte Inszenierung blanker Hohn sein dürfte.

Folgen für den Wahlkampf unklar

Es ist unklar, was aus "Orange Bolsonaro" und seinem Wahlkampf wird. Ist er der strahlende Fön-ix, der sich wie ein tapferer Soldat im Dienst für sein Land sogar dieser Krankheit widersetzt, während sein spektakulär blasser Herausforderer sich zumeist in seinem Keller verschanzt? Lenkt die Erkrankung den Fokus auf das katastrophale Pandemie-Management des GröSaZ – größter Superspreader aller Zeiten –, der den halben White-House-Mitarbeiterstab angesteckt hat? Alles hoch spekulativ in einem Land, in dem die Wirklichkeitswahrnehmung längst wichtiger ist als die Realität selbst.

Und alles wie immer: Trump posiert – und alle um ihn herum ächzen. Nicht unrealistisch aber, dass auch die härtesten Medikamente irgendwann nicht mehr helfen. Das bedeutet nicht, dass Trump wie von vielen gefordert gleich tot umfallen soll. Aber so etwas wie ein, nun ja, "lehrreicher Verlauf" wäre womöglich ganz gut. Doch, ach, die Welt ist noch nie gerecht gewesen. Trump wird sich erholen.

Er wird ein frisch von Corona genesener Komiker sein, der es durch Erniedrigung anderer, Mobbing und nach unten treten zu befremdlicher Popularität gebracht hat und nächste Woche zum TV-Duell antritt, wenn es heißt:

"Gefährlich ehrlich". Mit Donald Trump. Dem Phoenix. Aus der Asche der anderen.


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