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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Tod kennt kein Gebot – vom schwierigen Abgang als Prominenter

Eine der großen Tragödien unserer Zeit. Costa Cordalis – er stirbt und niemand kann es posten. Weil ausgerechnet dann Instagram und Facebook down waren. Wie sollen da die Nachkommen von uns erzählen?

Costa Cordalis

Bye bye - Costa Cordalis

DPA

Dafür, dass Sterben etwas sehr Gewöhnliches ist, wird vergleichsweise viel Geschiss drum gemacht. Besonders, wenn es Menschen öffentlichen Interesses erwischt, berührt es ganz besonders, denn: Wenn es selbst die Privilegiertesten betrifft, was bedeutet es dann erst für MICH? Der Mensch möchte etwas gelten, unser Leben soll nicht umsonst gewesen sein, und wenn sie dank dem Zeitgeist schon nicht mehr den Drang verspüren, uns zu pflegen, so sollen unsere Nachkommen wenigstens von uns erzählen.

Heldentaten, vorzugsweise.

Der Celebrity genießt den Vorteil, schon zu Lebzeiten sicher sein zu können, dass, ein Minimalwerk vorausgesetzt, am Tage seines Ablebens seiner gehuldigt wird. So zuletzt geschehen beim hochgeschätzten Journalisten Michael Jürgs.

Oder Costa Cordalis. Ein freundlicher Mann und gradliniger Charakter, dessen Pech es gewesen ist, dass ausgerechnet an seinem Todestage Plattformen wie Instagram oder Facebook down, bzw. Fotos nicht hochzuladen waren. Vielleicht eine der großen Tragödien unserer Zeit: Du stirbst- und niemand kann es posten. Schon morgen stellt Markus Lanz Robert Habeck 'ne blöde Frage – die Trauergemeinde zieht weiter und du musst unvertwittert über den Hades. Schade.

Gut, als verblichene Berühmtheit bist du natürlich oft ohnehin nur ein dankbarer Like-Muli im Neurosengarten Facebook. Die wenigsten haben dich oder dein Werk wirklich verehrt.

Den meisten ist es wichtig, kurz festzuhalten, dass

  1. sie das auch mitbekommen haben
  2. sie so kulturbeflissen sind, dass du in ihren kunstschwangeren Alltag eine echte Lücke reißt oder – viel besser noch! –
  3. dank Fotobeweis belegen können, dich persönlich gekannt zu haben!
  4. Im besten Falle garniert mit einer kleinen Anekdote.

Das soll wie üblich wesentlich mehr über den Trauernden aussagen als über den Trauerfall. Das ist billig. Sättigt aber schnell die gierige Eitelkeit. McRIP. Im Zweifel reicht sogar eine brennende Kirche, dass man mittels Kondolenz-Pic allen zeigen kann: "Guckt mal. In diesem coolen Outfit war ich schon in Paris!" Sternstunden für Cosmoproleten. Jackpot, wer ein Foto von sich und Karl Lagerfeld vorm Notre Dame im Fotospeicher hatte.

Wer nichts davon zu bieten hat, kann jederzeit ein Foto von sich selbst einstellen, auf dem er gedankenschwer in die Ferne blickt und über den jüngst Verblichenen und seine Lehren sinniert. Wer richtig schlau ist, der drängt sich postmortal noch in den Inner Circle des Verstorbenen., um der eigenen Vita ein wenig mehr Glanz zu verleihen. Die toten Höchstleister können sich ja nicht mehr wehren.

So wurde Schauspielerin Veronica Ferres angeblich schon bei Satzanfängen erwischt wie "mein Freund Billy Wilder hat mal gesagt …". Auf diesen Twist wäre nicht einmal der geniale Regisseur selbst gekommen.

Manchmal kann man den Ausstieg selber wählen. Den Serientod zum Beispiel, dessen Zeitpunkt der Schauspieler Joachim Hermann Luger ausgesprochen klug gewählt hatte. Wochenlang wurde nur über das Ende der Figur Vater Beimer gesprochen und geredet, mit viel Tamtam und Orchester schied er dann dahin – nur, um als Zuschauer wenige Wochen später lesen zu müssen, dass die komplette "Lindenstraße" (!) eingestellt werden soll. Man ahnt, wie viele Darsteller am nächsten Tag beim Produzenten auf der Matte standen, um ihrerseits kurz vorher noch einen eigenen spektakulären Tod bekommen zu können.

Mitunter ist Gevatter Tod aber auch eine regelrechte Arschgeige. Der legendäre Kudamm-Sinatra Harald Juhnke zum Beispiel sehnte sich nach nichts so sehr wie auf der Bühne zu sterben. Nicht nur, dass ihm dieses Ende nicht vergönnt war, als er einsam und dement in einem Pflegeheim langsam ausblich, nein: Als sein Dahinscheiden bekannt wurde und die Titelseiten der Zeitungen für ihn, den letzten großen deutschen Entertainer, freigeräumt wurden, starb kurz vor Drucklegung: Papst Johannes Paul II. Juhnke verkam zur (Bar-)Fußnote. Haste Scheiße am Lackschuh, haste Scheiße am Lackschuh.

Diese Pointe allerdings hätte auch meinem guten Freund Loriot gefallen.