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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Haben Sie mal zwei Euro?

Mal dreist, mal demütig - Bettler verfolgen sehr unterschiedliche Strategien. Manchmal aber kann profitieren, wer sich freigebig zeigt.

Von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Micky Beisenherz schreibt alle zwei Wochen im stern - und regelmäßig bei stern.de

Um etwas zu bitten, fällt mir äußerst schwer. Das liegt wohl in der Familie. Meine Omma hat 1947 mal einen Kinderwagen geklaut. Es war ihr schlicht unangenehm, darum bitten zu müssen.

Zu geben ist da schon leichter. Ohne mich als karitativer High Performer inszenieren zu wollen: Ich gebe Obdachlosen wirklich oft und gern Kleingeld - was in Berlin selbst die Beschenkten mit einem abschätzigen Blick quittieren: "Ah, ein Tourist."

Aber warum sitzen die Bettler oft vor Geldautomaten? Zum Automaten geht ja, wer kein Geld hat, und spuckt der Automat dann welches aus, sind es nur Scheine – da bin ich wiederum zu geizig. Und vorm Supermarkt bei mir um die Ecke steht auch immer einer. Der hat die meiste Zeit ein Smartphone am Ohr und hält mit der anderen Hand den Leuten gelangweilt einen Bierbecher hin. Da hab ich dann doch Angst, ihn beim Telefonieren zu stören.

Eine Mark fürs Klappehalten

Gut gefallen hat mir unlängst die Chuzpe dreier Kinder, die mich zielstrebig ansteuerten: "Haben Sie zwei Euro für uns?" Ich war verwundert, dass jetzt schon Mittelstandskinder fremde Leute um Geld anhauen. Und dann gleich um zwei Euro. Entsprechend verdutzt fiel meine Reaktion aus. "Äääh ... Warum?!“ - "Wir wollen uns was zu trinken kaufen." Der Pragmatismus dieser Antwort wiederum leuchtete mir ein.

Ich selbst bekam in den 80er Jahren mal eine D-Mark von meinem Tennistrainer dafür, dass ich eine volle Stunde lang die Klappe gehalten habe. Härter habe ich mein Geld nie wieder verdient.

Generell gibt der Deutsche ja lieber, wenn er dafür Leistung sieht. Etwa von Breakdancern, Pflastermalern oder Pantomimen - wobei man Letzteren Geld gibt, damit sie einen endlich in Ruhe lassen. Ebenso verhält es sich mit diesen Jugendlichen, die Akkordeon spielend durch die S-Bahn marodieren. Eigentlich spielen sie nur ein paar albanisch-ungarische oder sonst welche Volksweisen. Die Art allerdings, wie sie das tun, erschreckt. Kaum zu glauben, wie aggressiv man mit einer Ziehharmonika auf Menschen losgehen kann.

Der Deal muss übrigens nicht zwingend lauten: "Du machst Musik, und ich gebe dir dafür Geld." Unlängst lehnte ich verzweifelt an einem Stromkasten und tippte auf meinem Smartphone herum, als ein Sandler (wollte ich immer schon mal schreiben) des Weges kam. "Wat spielste da? Pokémon?" "Hm? Nee, komm, lass mich mal in Ruhe eben. Ich hab ganz andere Probleme gerade." Meine Drivenow-App klemmte nämlich, und angesichts des digital verriegelten Mietwagens drohte ich einen wichtigen Termin zu verpassen.

Er wiederum, dessen geringstes Problem die Pünktlichkeit bei beruflichen Terminen zu sein schien, führte das Gespräch einseitig entspannt fort und lehnte sich lässig neben mich. Von Weitem sahen wir aus wie zwei Modeblogger im Fachgespräch.

"Was hassudennda? iPhone?" Ich (genervt): "Bitte? Was?" "DasDinghiermussuresetten." Ich (verwirrt): "Hm?" "MussunKnofflangedrüggn. Danngehdasmeiswieder." Ich (verzweifelt): "Ja, komm, scheiß drauf. Okay." Und was soll ich sagen? Er hatte recht! Einmal Reset, und das Ding lief wieder. Karre auf! Die 3,50 Euro, die er mir für "technischen Support" abgeknöpft hat, waren es allemal wert. Ich war pünktlich beim Termin, und er ... wohl auch.

Wir vergessen ja gern mal, dass eine gewisse Verwahrlosung mitunter überwuchert, was in anderen Leuten steckt.
Und wie gut es uns geht.

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