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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Karmageddon!

Micky Beisenherz
© Illustration: Dieter Braun/stern
Was für eine grandiose Enttäuschung: Wer Gutes tut und edel ist, wird gar nicht unbedingt belohnt – manchmal verschwindet einfach nur der Koffer.
Von Micky Beisenherz

Das Leben ist für uns Höchstleister im Zwischenmenschlichen eine permanente Enttäuschung. Man bemüht sich, glänzt ein ums andere Mal im Miteinander – und erhält im Gegenzug nur Frust. So widerfuhr mir jüngst eine nahezu einmalige Ungerechtigkeit. Musste ich doch zügig an einem Montagmorgen von München nach Hamburg und ließ mich auf das Abenteuer ein, mit der Lufthansa zu fliegen. Was ich nicht wusste: wie wörtlich die Formulierung "Gepäck aufgeben" gemeint ist.

Die Ehrlich Brothers & Sisters der Airline jedenfalls boten all ihre Illusionistenkünste auf, um den 20-Kilo-Trolley in einer Stunde zwischen Nord- und Süddeutschland verschwinden zu lassen. Da steht man dann so verloren am Gepäckband wie Mörtel Lugner vor der Berufsschule. Der Hamburger Flughafen ist für Gepäck offenbar so etwas wie das Bermudadreieck, und Verantwortung schiebt man sich hier zwischen Airline und Airport hin und her wie bei einer MPK. Weg. Puff.

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host ("Apokalypse und Filterkaffee"), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.

In dem Koffer war ein halber Technikmarkt, meine gesamte Arbeitsgrundlage, außerdem einige Rollkragenpullover in gewagten Farben und ein karierter Mantel. Um die Kleidungsstücke tut es mir besonders leid, da sie nicht mehr erhältlich sind. Was nebenbei belegt, dass es auch andere Menschen gibt, die sich für derartige Pullover begeistern können. Der Storch bringt die Kinder. Der Kranich lässt die Koffer verschwinden.

Viel schwerer als das Versagen der Beteiligten wiegt aber die Ungerechtigkeit, die mir darob widerfahren ist. War ich auf der Fahrt zum Flughafen nicht noch ausgesprochen großzügig zum Taxifahrer? Hatte ich im Hotel nicht den Zimmermädchen noch etwas zugesteckt? Edle Taten, die mich gegen einen solchen Schicksalsschlag hätten boostern müssen! Wo ist dieses Karma nur wieder? Denn das passiert mir ja andauernd. Auf kleinere gute Taten folgen fast sekündlich Missgeschicke, Ärgernisse, Fremdverschulden.

Gebe ich ein in der Bahn gefundenes Smartphone beim Schaffner ab, verliere ich noch am selben Abend im Taxi meinen iPod. Ich helfe auf der Straße jemandem beim Suchen seiner Katze, patsch, ist die Batterie meines Autos leer. Der Omma von gegenüber freundlich gewinkt, zack, ist bei Ebay einer schneller gewesen.

Gegenwert des verlorenen Koffer-Inhalts: etwa 7000 Euro

Ja, gibt es denn keine übergeordnete Instanz, die mein gottgefälliges Tun betrachtet und mich, wenn schon nicht entlohnt, dann doch wenigstens nicht straft? Ich spende sogar! Da wird man ja ganz neurotisch drüber.

Die Chinesen betreiben erfolgreich das Social Scoring, ein Punktesystem, in dem es mit Minuspunkten bei der Kredit- oder Transportwürdigkeit geahndet wird, wenn man bei Rot über die Straße geht, Hundescheiße nicht wegmacht oder die Eltern nicht besucht. Gut, wenn man nicht nur Kaugummi auf die Straße spuckt, sondern den Präsidenten kritisiert, ist man auch mal 20 Jahre verschwunden. Aber Sie wissen, was ich meine, oder? Womöglich ist Karma nichts Kurzfristiges, sondern eine Art kosmischer Sparklub, der das gute Leben als Langzeitdividende ausschüttet.

Ich mühe mich, gelassen zu bleiben, derweil meine Frau shiningmäßig die zitternden Hotline-Knechte der Airline tyrannisiert, mehr als zwei Wochen nach dem Verlust noch. Gegenwert des verlorenen Inhalts übrigens: etwa 7000 Euro. Immerhin habe ich mir gerade wieder eine Bahncard gekauft. Und hätte ich die auch gleich von München nach Hamburg genutzt, anstatt umweltbelastend durchs Land zu fliegen, ich hätte meinen Koffer noch.

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