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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: In dubio pro Auflage – von ehemaligen Nationalspielern. Und fatalen Fotos.

Anschuldigungen gegen einen ehemaligen Nationalspieler und öffentliche Bilder seiner Mitnahme durch Kriminalbeamte haben zuletzt öffentlich die Runde gemacht. Warum das eigentlich nicht hätte passieren dürfen, erklärt Micky Beisenherz.

Micky Beisenherz plädiert für journalistischen Anstand

Micky Beisenherz plädiert für journalistischen Anstand

Picture Alliance

Seit Tagen beschäftigt Deutschland (und natürlich auch mich) der Fall eines verdienten DFB-Helden und anerkannten Fußballexperten, dem zur Last gelegt wird, via WhatsApp Fotos verbreitet zu haben, die Kindesmissbrauch dokumentieren. Das erstaunt, schockiert, irritiert. Mindestens das. Hat man sich eben noch gelangweilt durch die Meldungen irgendwelcher Sommerhausbesetzer oder Unterhaus-Kapriolen geklickt, bombt sich plötzlich diese Meldung in das Smartphone.

Da holen Kriminalbeamte den doch sonst so sympathischen, gut aussehenden Kerl direkt bei einem Trainerlehrgang ab und nehmen ihn mit.

Bilder, die wir alle gesehen haben. Die es aber eigentlich nicht geben dürfte. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Mann zu kontaktieren, ihn zu bitten, sich an einem bestimmten Ort einzufinden, um dort bei der Aufklärung des Sachverhaltes zu helfen. Warum diese Fotos?

Warum weiß die Presse noch vor der Polizei Bescheid?

Spätestens mit dem effektheischenden Auftritt der Staatsanwaltschaft brechen natürlich alle Dämme. Die üblichen Medien aus der Fachabteilung Erregung spekulieren laut, lang und breit über die Hintergründe, nicht selten garniert mit Fotos, auf denen der eben noch so wohltätige Highperformer mit Kindern lächelt. Da weicht ein zufriedenes "Ach, guck an …" schnell einem "Na, ob der die nicht wohl auch ….?"

Sternstunden der Vorverurteilung. Aber klar, der Stoff ist auch zu gut: Ein ehemaliger Nationalspieler mit Ambitionen auf den DFB-Vorsitz, verstrickt in einen Fall von Kindesmissbrauch? Das ist ja fast noch besser als ein deutsch-türkischer DFB- Hymnenverweigerer, der sich mit Erdogan ablichten lässt!

Besteht ein Verdacht bei einer Person des öffentlichen Interesses und speziell bei jemandem, denen viele ihrer Kinder anvertrauen, ist es logisch, dass die Staatsanwaltschaft umgehend ermittelt. Darüber gibt es nichts zu diskutieren. Fragwürdig allerdings ist es, wenn die Presse noch vor den Kriminalbeamten beim Beschuldigten eintrifft. Ernsthaft: Wie kann das sein? Und warum wendet sich jemand, der Kenntnis von derlei Bildern hat und vorrangiges Interesse an der Aufklärung einer Straftat haben sollte, nicht direkt an die Polizei, sondern zuerst an die Presse?  

Ikonische Bilder machen Unschuldsvermutung zumindest medial und öffentlich zunichte

So oder so erstaunt (neben dem Fall an sich) mich immer wieder, wieso selbst Staatsanwaltschaften und ihre Vertreter nicht davor gefeit sind, jegliche gebotene Diskretion fallen zu lassen, wenn es darum geht, einen "großen Fang" zu präsentieren. Mag die Unschuldsvermutung juristisch noch Bestand haben, ist sie medial und öffentlich spätestens dahin, sobald es ikonische Bilder gibt, die sich einbrennen.

Der gefallene Wettergott mit der komischen Lederjacke und den langen Haaren.

Der ehemalige Postchef im Mantel, eskortiert von Beamten.

Ja, selbst diese leberwurstfarbene Klinkerhölle in Großburgwedel.

Die Grenzen verschwimmen zunehmend.

Worüber wird hier gerade berichtet? Straftat? Oder das Raffaelo-Sommerfest?

Fehlt nur noch die Sponsorenwand und der rote Teppich auf dem Weg zum Justizgebäude.

In dem Moment, wo du nicht mehr weißt, wo die PR-Abteilung der Staatsanwaltschaft endet und "RTL Exclusiv" anfängt, hast du ein Problem. 

Ja, sogar ein ehemaliger "Bachelor" wird öffentlich um eine Einschätzung der Lage gebeten!

Eine Geste journalistischen Anstandes

Es wäre albern, zu verlangen, dass die Ermittlungen über die komplette Dauer im Geheimen stattfinden mögen. Was man aber verlangen darf, ist eine sachlich-nüchterne Berichterstattung, die nicht jeden Winkel des Privatlebens auslotet, kaputt spekuliert und durchsoapt, sodass es möglich ist, im Falle der bewiesenen Unschuld das alte Leben unkontaminiert wieder aufnehmen zu können.

Nebenbei bemerkt eine Geste journalistischen (und auch juristischen) Anstandes, die auch Menschen zuteil werden sollte, die uns persönlich und/oder politisch unsympathisch sind. Schwer, ich weiß.

Je dramatischer die Dokumentation ausfällt, desto schwerer ist es, all das später wieder aus den Klamotten zu kriegen.

Manche hoffen darauf, dass ein Fall abgeschlossen wird - für andere muss er einfach nur tief genug sein.

Aber was ist von einem Zeitgeist zu halten, in dem sogar der Tod von vier Menschen bei einem Verkehrsunfall nicht ausreicht, sondern gleich dazu genutzt wird, das Empörungspotenzial voll abzuschöpfen. Da wird dann der Unfall- zum "Porschefahrer", aber das ist eine andere Geschichte.

Und was macht eigentlich der brasilianische Regenwald?

Interessiert auch keinen mehr, oder.