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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Plötzlich kein Kleinkind mehr: Warum der sechste Geburtstag ein Meilenstein ist

Micky Beisenherz
© Illustration: Dieter Braun/stern
Es ist immer toll, wenn aus Kleinkindern Schulkinder werden. Aber die Jungen und Mädchen, die dieses Jahr sechs werden, sind besonders.
Von Micky Beisenherz

Dass manches Accessoire nicht jedem gleich gut steht, kann man nicht zuletzt an der Papierkrone sehen. Würde beispielsweise Armin Laschet mit einem Diadem aus Pappe bei Markus Lanz sitzen, es würde vermutlich wenig hoheitlich wirken. Ganz anders der Nachbarsjunge neulich: Majestätisch thronte er im Kofferraum des Kombis seines Vaters.

Also bei geöffneter Klappe. So wie wir alle es von alten Fotos kennen, auf denen wir meist mit einer Cousine zu sehen sind auf der Heckladefläche eines alten Ford Granada, irgendwo in Südfrankreich.

Im Toyota saß der Junge, mit dem Schmuck auf dem erhobenen Kopf. Erschöpft und glücklich. Sie kamen gerade von einem Ausflug. Der sechste Geburtstag. Eine Zäsur.

Nun ist im Leben eines Kindes natürlich jedes Lebensjahr und jeder Geburtstag ungeheuer wichtig. Schließlich wird gefühlt mit einem sechsten Geburtstag ein Sechstel des bisherigen Lebens abgeschlossen, während bei einem 44. Geburtstag die Kuchenstücke der Lebensjahre bedeutend kleiner ausfallen.

Aber der sechste Geburtstag ist auch der "kleine 18.". Plötzlich hast du diese Schwelle überwunden. Du bist kein Kleinkind mehr, sondern ein Schulkind.

Die Kleinen werden selbstbewusster, und wie zum Beweis halten es nicht einmal mehr die Zähne für nötig, artig in Reihe zu verharren. Erst gestern zeigte meine Tochter mir gefühlte 83-mal ihre zwei wackeligen Schneidezähne. Beide unten. "Guck mal, Papa." Beherzter Griff an die untere Zahnreihe. Zwei Minuten was anderes. Dann wieder. "Guck mal, Papa." Man macht sich die Bedeutung von so was ja gar nicht klar. Bis man plötzlich auch noch in eine Art Wettbewerb hineingezogen wird. "Deine Zähne sind auch so ein bisschen krumm wie bei mir. Nur dunkler. So gelb." Aha. "Aber das ist ja normal, wenn man alt ist." Ja, danke. Das wird sich in der Geschenkeausschüttung natürlich bitter rächen.

Bald ist es auch bei ihr so weit. Der sechste Geburtstag. Wahnsinn. Gut, da ich manchmal eh das Gefühl habe, mit einem kleinen blonden Schrumpfteenager zusammenzuwohnen, kommt das jetzt alles auch nicht soooo überraschend. Und dann irgendwie doch. Was für eine intensive Zeit das für die Kinder ist! Nur deshalb kein Meilenstein, weil sie ja kaum wissen, was ein Meter ist.

Wackelzähne, Vorschule und das Seepferdchen

Wackelzähne, Vorschule, und dann auch noch das Seepferdchen. Was vermutlich sogar das bedeutendste Ereignis im Leben eines so kleinen Menschen ist: das erste richtige Leistungszertifikat, genäht auf einen Badeanzug mit Arielle-Motiv. Ein kleines Emblem, das ohne die vielen Stunden intensiven Trainings nicht erlangt worden wäre. Der Vorbote folgender Freiheiten. Jetzt ist das Wasser nicht mehr bedrohlich, sondern voller Möglichkeiten.

Ich kann meine Tochter nicht genug dafür loben. Und sei es nur, um ihre strahlenden Augen dabei zu sehen.

Ihr sechster Geburtstag liegt im Juli. Dann ist auch dieses Jahr schon wieder halb rum. Kinder nehmen Zeit anders wahr. In einem Leben voller neuer Erfahrungen und Eindrücke dehnt sie sich.

Für uns Erwachsene sind zu Beginn des Sommers nur weitere, fast vergeudete sechs Monate vorbei. Für meine Tochter ein Zwölftel ihres Lebens. Aufs Ganze gerechnet, hat sie ein Viertel ihres kurzen Daseins in der Pandemie verbracht. Für mich wären das umgerechnet elf Jahre. Elf Jahre Corona.

Ich würde mich lieber freiwillig mit einer Papierkrone öffentlich zum Idioten machen, als mir so etwas antun zu lassen. Aber man hat ja keine Wahl.

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