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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Hätte ich doch, könnte ich doch - über den Tod und das Leben

Was für ein Jahr. So viele Prominente sterben, so viele junge unter ihnen. Wir sollten den Tod ernst nehmen - und das Leben nicht im Konjunktiv führen.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Gott muss promigeil sein. Anders ist 2016 nicht zu erklären. Dieses Jahr hat eine sehr seltsame Dichte an verstorbenen Prominenten. Sollte der Tod tatsächlich, so wie in dem wunderbaren Buch von Thees Uhlmann beschrieben, eine Art Taxifahrer zwischen den Welten sein, der nur die Überfahrt macht, dann dürfte er sich bald mit Burnout abmelden.

Wir können das nicht mehr einfach nur zur Kenntnis nehmen, es ist, als wolle uns jemand etwas einhämmern. Werden die nicht immer jünger? Maja Maranow. Jana Thiel. Miriam Pielhau.

Letztere kannte ich nicht sehr gut, aber wir mochten uns. Ihre Krankheit habe ich nur aus der Distanz verfolgt und, das gebe ich zu, nicht mit dem nötigen Ernst begleitet. Ja, nun, da hat sie halt Krebs, das lässt man bestrahlen, da muss man eine Chemo machen, und dann wird das heutzutage ja wieder. Guck, die sieht doch schon wieder ganz gut aus!

Interviews oder "bewegende Auftritte" zum Thema Krebs habe ich mit einer gewissen zynischen Abgeklärtheit zur Kenntnis genommen. So eine Gala, so ein Interview zur Krankheit, da findet man ja auch mal wieder statt. "Bild", RTL, "Bunte". Und plötzlich ist sie tot. Was für ein Trottel ich doch bin.

Der Tod kommt uns immer zu früh vor

Das Alter spielt im Grunde keine Rolle. Es kommt uns immer zu früh vor, und wenn es einen bekannten Menschen erwischt, machen wir einen Abgleich mit uns selbst. War die nicht auch junge Mutter? Hatte der sich nicht gerade frisch verliebt? Wollte der jetzt nicht kürzertreten, um das Leben zu genießen?

Ein Arbeitskollege von mir hatte das Pech, Lungenkrebs zu kriegen, ohne jemals geraucht zu haben. Mit Mitte vierzig, zwei Kinder. SMS-Kontakt ins Krankenlager daheim: "Christian, alter Fahrensmann, wie geht es Dir?"

"Ach, Micky. Würd gern Gutes berichten. Aber leider hat sich nun noch eine Metastase im Gehirn zum Club gesellt. That's it. Auf metastasierenden Lungenkrebs kriegst Du keinen Kredit mehr. Was würdest Du tun? Mit einem Jahr? Aus der obligatorischen Weltreise wird mangels Geld, Familie und Flugtauglichkeit wohl nix. Also bleibe ich und genieße noch einen Frühling und Sommer. Fuck."

"Scheiße. Aber Kaffee kochen kannste noch, oder?"

"Klar. Komm rum."

Natürlich habe ich es nicht geschafft, ihn zu besuchen, bis mir per SMS mitgeteilt wurde, dass er letzte Nacht friedlich im Kreise seiner Lieben eingeschlafen sei.

Hätte ich mal. Würde ich nur. Sollte ich nicht? Der Konjunktiv ist der Feind des Lebens. Gerade habe ich in einer Art buddhistischem Tourette-Anfall all meine Sachen durchwühlt. Klamotten, Uhren, Bücher. Verschlanken. Aussortieren. Schauen, was ich davon tatsächlich benötige. Gut, ich habe festgestellt, dass ich das alles wirklich brauche. Natürlich.

Erinnerungen sind das beste Invest

2016 lehrt uns gar nichts. Außer vielleicht: so zu leben, dass sich andere gern an uns erinnern. Und so zu leben, dass wir uns selbst gern an uns erinnern. Es anzugehen. Der Tod beeinflusst zum Glück nur die Quantität der Lebensjahre. Das Glück. Wo es liegt? Finden wir es heraus.

Morgen fliegt meine Oma mit Kindern, Enkeln, Urenkeln in den Süden. Mit 91. Noch mal Urlaub. Einen Ramazzotti auf Eis am Meer trinken. Ja, das ist etwas beschwerlich. Aber Erinnerungen sind nun mal das beste und beständigste Investment. Um das zu erkennen, muss man weder 91 werden. Noch krank sein.