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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Shitmarketing zwischen Bohlen und Buchstaben Yolo

Ob "Hoodiegate" von Dieter Bohlen oder die vermeintliche Umbenennung des Brettspiels Scrabble: Missratene Werbung breitet sich aus wie ein Virus. In Misserfolg steckt eben auch Erfolg. Man muss nur aufpassen, dass dabei nicht zuerst die Würde über Bord geht.

Von Micky Beisenherz

Scrabble heißt jetzt Buchstaben Yolo? Alles nur Quatsch!

Scrabble heißt jetzt Buchstaben Yolo? Alles nur Quatsch!

Mensch, da haben wir uns aber die Tage auch mal wieder aufgeregt! Das Abendland stand dieses mal wirklich kurz vor der endgültigen Abwicklung. Das Land der Dichter und Denker übergab seinen Ländercode final an Love Island. Twitter glühte, und der Grund war ein Brettspiel: "Buchstaben Yolo". Euer Ernst?!

Da geisterte ein Spot durchs Internet, in dem eine vermeintlich normale Familie beim Scrabble spielen geradezu feindlich vom Pokemon-Rapper MC Fitti übernommen wurde, der die erstaunten Spießbürger darüber aufklärte, dass Scrabble ab sofort "Buchstaben Yolo" zu heißen habe. Sogleich fingen die kulturromantischen Empörungsfachwirte in den sozialen Netzwerken an, ihre Abscheu über die intellektuelle Erosion und den überdies sehr ungelenk inszenierten Spot kundzutun. In diesem Moment natürlich völlig zurecht. "Buchstaben….Yolo"? Ich meine, come on.

Die Umbenennung war kompletter Blödsinn

Die Folge: Menschen, die den Begriff Scrabble so lange nicht gehört hatten, dass ihnen dazu nur noch irgendwas zwischen Frühstückszerealien oder einer Harry-Potter-Figur einfiel.

Die Online Petition war nur eine Frage von Tagen und dann plötzlich: A-E-T-S-C-H. Alles nur Quatsch. Die Umbenennung war kompletter Blödsinn. Der Spot ein lustvoller Quatsch, um den Begriff Scrabble mal wieder ins Gespräch zu bringen. Niemand hatte die Absicht, ein Buchstaben Yolo zu errichten. Clever. Und ein Trick, der in meiner Wahrnehmung immer beliebter wird. Nicht jede News sind gute News. Und nicht jede News sind gute Promotion. Wer wüsste das besser als der stern.

Irgendwo in der Grauzone tänzelte unlängst mal wieder Dieter Bohlen entlang. Bohlen, für guten Geschmack so bekannt wie Boris Becker für cleveres Wirtschaften, ließ es sich nicht nehmen, sich auf der Social-Media-Plattform Instagram unter dem Label "Dieters Tagesschau" zum Thema Daniel Küblböck zu äußern. Jetzt könnte man ja generell auch einfach mal gar nix sagen. Fällt mir selber schwer genug. Wenn es aber partout kneift, dann sollte man zumindest bei der Kleiderwahl etwas mehr Fingerspitzengefühl beweisen. Nicht so der blondierte Leguan aus Tötensen. Der kommentierte den tragischen Fall um den offenbar auf der Aida von Bord gegangenen Sänger in einem Kapuzenpullover, auf dem der Schriftzug "Be one with the ocean" prangte. Eine unglückliche Wahl. Was folgte, war die übliche öffentliche Erregung.

Ist einer, der sich für so schlau hält, wirklich so doof?

Kurze Zeit später die öffentliche Entschuldigung für die vermeintlich unüberlegte Garderobe. Ist einer, der sich für so schlau hält, wirklich so doof? Sagen wir es mal so: Für jemanden, der sich gerade eine Gefolgschaft bei Instagram aufbaut ist dieses "ich muss den mal abonnieren und schauen, was der da immer so treibt!" gewiss nicht verkehrt gewesen. (Wussten Sie, dass Dieter Bohlen sich generell sehr stark über Zahlen definiert?).

Am Ende war einfach die Alte zu doof, ihm den richtigen Pulli rauszulegen, und in der Welt des emanzipationsscheuen Musikmaschmeyers ist das vermeintliche Versagen zumindest schlüssig zu Ende erzählt. He's still the cruelest monkey in the jungle.

Dieses "Entschuldigung, wenn IHR das missverstanden habt"-Prinzip haben zuletzt ja sogar diverse Parteien für sich genutzt. So sehr, dass "Mausgerutscht" mittlerweile zum geflügelten Wort für die bewusste Grenzverschiebung im Gewand des temporären Versagens wurde. Der (kalkulierte) Lapsus als Bekanntheits-Booster. Wenn das Netz schon jede Sau durchs Dorf treibt - warum nicht vorher wenigstens das eigene Logo auf die Sau malen.

Fotos von Fehlleistungen verwirrter Baristi fluten das Netz

Nehmen wir Starbucks. Immer wieder landen Fotos im Netz von Fehlleistungen verwirrter Baristi: Der Kunde kauft einen Kaffee to go, sagt dem Typen am Tresen seinen Namen - "Andre!" - und auf dem Becher steht später "ADOLF". Also, beispielsweise. Natürlich macht Andre ein Selfie mit dem Becher, um der Welt zu zeigen, wie bescheuert die Mitarbeiter in der Koffeintanke sind. Auf dem Becher aber steht nicht nur Adolf, sondern eben auch immer das Logo der Kaffeebude. Mit dem Teilen hat ja bereits Moses gute Erfahrungen gemacht.

So werden Woche für Woche Hunderttausende Bilder ins Netz gepumpt, in denen sich irgendwelche willigen Bohnenjunkies freiwillig mit den Bechern der heillos überteuerten Koffeinsekte fotografieren. Würde man das einem Amazonas-Stamm erklären, sie würden fassungslos mit dem Kopf schütteln. (Gut, das würden sie auch bei einem BIC-Feuerzeug, aber das ist ein anderes Thema.)

Aber klar: Wer fünf Euro für die verbrannte Plörre zahlt, der hält auch die Becher-Selfies für bestes Entertainment. Wäre ich der Chef des Konzerns, ich würde sogar die Direktive rausgeben, jeden zehnten Becher absichtlich falsch zu beschriften. Je irrer, desto teilenswerter. Wir sind eine mitteilsame Gesellschaft. Das kann man doch auch zu seinem Vorteil nutzen!

Das Album von Vanessa Mai als bundesweiter Mitmachspaß

Noch ein Beispiel? Okay. Unlängst veröffentlichte die Schlagersängerin Vanessa Mai ein neues Album. So weit, so gleich. Schnell allerdings mehrten sich Aussagen, dass auf der ausgekoppelten Single im Refrain das Wort "F***e" zu hören sei. Das war natürlich ein nationaler Spaß. Alle hörten rein, ob dem wirklich so ist. Alle Medien machten mit. Die Sängerin selbst behauptete natürlich, sie habe "Worte" gesungen. Zu hören war das nicht. Ich hab's natürlich auch getestet. Was bleibt, ist ein Album als bundesweiter Mitmachspaß. Was es gekostet hätte, die CD in derselben Intensität zu bewerben - kaum auszurechnen.

Es lohnt sich also, sich mal kräftig zu vertun. Zumindest, wenn man glaubhaft versichern kann, es sei keine böse Absicht dahinter gewesen oder Versagen mit Kalkül. Wer hätte denn jemals Notiz genommen vom Hagebaumarkt Wittstock, hätten sie nicht diesen unsagbar schlechten Spot mit dem Cowboy gedreht. Über eine halbe Million Menschen haben dieses edwoodsche Machwerk gesehen und für teilenswert befunden.

Missratene Werbung als sich ausbreitender Virus: Adpidemie. Würden Sie im Supermarkt bei Seitenbacher stehen bleiben, wenn diese sagenhaft schlechte Reklame sich nicht über Jahre hinweg in unsere Hirnrinde geschwäbelt hätte? Man erinnert sich eben nicht nur an Schönes.

So bleibt am Ende die nüchterne Erkenntnis: Während die einen sich im Netz erregen, gucken die anderen Frauke Ludowig und rufen in die Küche: "Inge, diesen weißen Pullover vom Bohlen - gibtet den wohl auch bei P&C?" In Misserfolg steckt eben auch Erfolg. Man muss nur aufpassen, dass dabei nicht zuerst die Würde über Bord geht.