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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Schon wieder was Neues

Micky Beisenherz
© Illustration: Dieter Braun/stern
Der Mensch muss sich anpassen in diesen Zeiten. Irgendwo zwischen Luca-App und Regenbogenfahne schaffen es einige sogar, authentisch zu bleiben.
Von Micky Beisenherz

Zögerlich schleicht der trekkingsandalte Mittvierziger um die Außengastronomie herum. Ein unsicherer Blick, ein erster scheuer Versuch, sich zu setzen. Mit zittriger Hand nestelt er in der Cargoweste herum, bis er schlussendlich das Smartphone herauszieht, um sich mit der Luca-App einzuchecken. Geschafft. Wir alle finden langsam ins Leben zurück. Einige schneller als andere.

Fogo nennen einige das Phänomen, das es manchen schwerer macht, die neue Freiheit genießen zu können: Fear Of Going Out. Die Angst, wieder unter Leute zu gehen. Der Mensch als scheues Tier, das sich kaum traut, die geöffnete Käfigtür zu passieren. Gut, zugegeben: Wenn man manche Bilder aus deutschen Biergärten oder mallorquinischen Lokalen sieht, käme man nicht darauf, dass es solche Ängste gibt.

Aber die Fähigkeit, sich anzupassen, ist nicht allen gleichermaßen gegeben. Während manch ein Gastronom sich während des ersten Lockdowns noch bitter über sein Schicksal beklagte, verkauften andere online bereits teure Kochboxen. Man konnte als Musiker entweder beschäftigungslos jammern – oder regelmäßig Hauskonzerte spielen, um als Volkspianist der Pandemie wenigstens noch ein Bundesverdienstkreuz abzutrotzen.

Es war immer schon so: In der Natur überleben nur die Anpassungsfähigsten. So ein Brontosaurier würde ja heute in keine Parklücke mehr passen, und aus Platzgründen würde sich auch so schnell keine liebende Familie finden, so ein Vieh aus dem Tierheim zu holen.

Unser Mangel an Adaptionsfähigkeit ist es schlussendlich auch, was der Kanzlerin im letzten Sechzehntel ihrer Amtszeit ein wenig den Nachruf zermerkelt. Plötzlich merken alle: auweia. Wo sind wir hingekommen? Wir sind zu behäbig, denken zu wenig pragmatisch und scheuen Digitalisierung wie Andreas Scheuer einen intelligenten Gedanken.

Sich gravierend zu verändern, fällt nicht leicht

Die Gewohnheit ist eine kuschelige Couch. Und plötzlich schreckst du auf und merkst: Der Lauf der Zeit hat bereits dein Wohnzimmer umdekoriert, und du findest dich nicht mehr zurecht.

Sich gravierend zu verändern, das ist natürlich auch nicht so leicht. Im Wahlkampf reicht es ja manchmal schon, diese Transformation nur anzutäuschen. Markus Söder zum Beispiel ist als Formwandler das beste Beispiel dafür, dass man sich auch immer dahingehend anpassen kann, wo der Zeitgeist die größten Mehrheiten verspricht. Gerade eben noch ein bisschen AfD-Karaoke gespielt, gab er mit Blick auf die Umfragen plötzlich den Baumkuschler und dann den Corona-Kümmerer.

Viele von uns finden das gut. Wir lieben es, wenn jemand zeigt: Seht her, ich weiß, wo es langgeht. So hat ebendieser Söder von der orbánkumpeligen CSU sich gerade noch mit Regenbogenmaske in einem Stadion präsentiert, als wäre er Harvey Milk persönlich. Kaum wurde ruchbar, dass es progressiv rüberkommt, sein Firmenlogo in Regenbogenfarben zu tauchen, waren ja plötzlich alle dabei.

Inzwischen sind die Farben längst wieder abgedreht, in Zeiten einer gravierenden Symbolik-Inflation bleiben die meisten Auftritte eben bloße Absichtserklärungen. Echte Veränderung ist schwer, echte Anpassung macht Mühe.

Würde die reine Antäuschung davon schon reichen, wäre Markus Söder jetzt auf dem besten Weg, Kanzler zu werden. Und weil auch mir es gelegentlich schwerfällt, mich elegant mit moderner Technik zurechtzufinden, bin ich dank der Luca-App seit 22 Stunden in einem Café eingeloggt.

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