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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: yet another #Terroranschlag – zwischen Rache und Routine

Erneut erschüttert ein Terroranschlag Europa. Dieses Mal trifft es Barcelona. Orte, die früher Eckpfeiler leidenschaftlicher Interregio-Stories waren, werden zusehends zu einem Postkartenstapel aus der Hölle.

Von Micky Beisenherz

Eigentlich habe ich keinen Bock.

Einzig die preußische Disziplin und Regelmäßigkeit einer Kolumne zwingt mich dazu. Sogar der Geltungsdrang ist einigermaßen im Zaum. Da es aber zum Wesen einer Kolumne gehört, sein Innerstes nach Außen zu kehren, schreibe ich kurz nieder, was mich umtreibt.

Hätte ich auch bei Facebook tun können, aber ich bin wirklich müde davon und glaube auch, dass es nix bringt. Außer vielleicht, sich noch kurz selber ins Gespräch zu bringen. Für eine Kolumne werde ich wenigstens bezahlt. Ich kann also mit Fug und Recht behaupten, dass zumindest irgendwo beim stern jemand auf meine Meinung Wert legt.

Reaktion auf Anschläge: Wahrnehmungsforscher: Darum stumpfen wir gegen den Terror ab


Gestern also Barcelona. Auch noch Barcelona.
Paris. Nizza. Barcelona.
Orte, die früher Eckpfeiler leidenschaftlicher Interregio-Stories waren, - "im Hostel XY habe ich die gevögelt, auf der Rambla habe ich einen Breakdance-Battle gegen die gewonnen" - werden zusehends zu einem Postkartenstapel aus der Hölle. Wieder ein Sehnsuchtsort, wieder ein großes KFZ, wieder eine Menschenmasse. Irgendwann kam einer auf die Idee, dass ein Sprengstoffgürtel viel zu schwer zu basteln und an einen LKW viel leichter zu kommen ist.

Und wie ein Werther-Effekt für Massenmörder rasen sie jetzt halt permanent in Menschenmengen. Toll, dass sozial Isolierte sich heute nicht mehr einfach nur selbst umbringen müssen - man dient einer höheren Sache.

Vermutlich ist man einfach nur ein jämmerliches Arschloch.

Und dieses schleichende Gift der Gewöhnung, dieses gar nicht mehr so mikroskopisch kleine Zucken der Schulter, diese Banalisierung der Eilmeldung.

Waren früher die Timelines tagelang voll davon, so ist das neu gekaufte Paar Sneakers schnell wieder Top-Thema.

Und es ist nicht einmal schlimm. Ganz im Gegenteil. Ich lese einen Tweet von Lena, die sich darüber freut, dass ihre Kollektionen binnen 2,5 Stunden ausverkauft sei, und es ist fast das Angenehmste, das ich seit Stunden lesen darf.

Mir selber fällt kurz nach dem Anschlag nix Besseres ein, als öffentlich festzustellen, dass "Gewöhnung Schande und Chance zugleich" sei. Das halte ich im Kern zwar nach wie vor für eine richtige These. Nur, wenn man dem Terror mit stoischer Ruhe begegnet, verliert er seine Wirkung.

Aber kann das gelingen?

Und wen interessiert das eigentlich?

Warum muss ich überhaupt etwas dazu schreiben?

Braucht irgendwer mein Resümee?

Braucht irgendwer überhaupt ein Resümee?

Sind es nicht immer dieselben Phrasen?

Das hat nix mit dem Islam zu tun.

Alle Moscheen dicht machen.

Liebe ist die Antwort.

Grenzen dicht machen und alle abschieben ist die Antwort.

Frau Merkel ist sehr bestürzt, wir sind in Gedanken bei unseren Freunden in Spanien und überhaupt stehen wir jetzt noch fester zusammen.

Ich sag Euch jetzt mal, was zu tun ist!

Was ist das nur für eine Welt.

"Hat sich in Barcelona in Sicherheit markiert" (Hey, Leute, ich bin in Barcelona!)

Die AfD sind miese Schweine, damit Wahlkampf zu machen!

"Warum postest Du auch noch Videos von den Opfern?"

"Warum nicht."

Persönlichkeitsrechte. Juristische Feinheiten. Grundsatzdiskussionen. Moralisches Fingerhakeln.

Sich gegenseitig ans Bein pissen. Gegen den Hass.

Mein Freund Markus postet ein Bild und schreibt, dass er mit seiner Frau noch 90 Minuten vorher an der Rambla entlang geradelt ist. Das geht mir nahe. Näher muss ich nicht heran. Gott sei Dank.

Okay, streichen wir Gott. Lassen wir die Religion da raus. Tut auch mal gut.

Jesuis. Estoy. United. Und irgendwer hat ganz schnell das passende Logo dazu entworfen.

Ein Glück.

Und was ist eigentlich mit Afghanistan, Mali, Nigeria!

Hat dieser Text irgendetwas neues beizusteuern?

Null. Hab ich alles auch schon mal geschrieben.

Geändert hat sich nix.

Ich denke kurz an die Opfer. An ihre Familien. Dann drücke ich im Geiste die Stopp-Taste und switche in meinem inneren Netflix auf irgendein Comedy-Programm.

Wer Glück hat, kurvt wie bei Super-Mario-Kart ein Leben lang um die ganze Scheiße herum.

Wir werden alle ein bisschen Tel Aviv.

Das Leben ist ein Münzwurf.

Morgen scheint die Sonne.

Oder ich kauf mir ein paar neue Sneakers.

Lena postet ein schönes Bild von sich.

Schön für sie.

Und gleich kommt ja auch wieder Erdogan.