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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: Juhuu! Der hässliche Deutsche ist zurück

Im Internet sind erste Fotos des neuen DFB-Auswärtstrikots aufgetaucht. Es spiegelt die Lage der Nation wider, meint unser Kolumnist Micky Beisenherz. Ein Loblied auf die Farben Grün-Grau-Gelb - und irgendwie gestreift.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Das neue Auswärtstrikot und Micky Beisenherz

"Dieses Shirt ist ein derartiges Scheusal- nur Commander Ripley kann es töten." "Endlich! Inklusion zum Anziehen!" Wenn ich so etwas lese, werde ich richtig wütend. Immer nur negativ. Typisch Internet!

Richtig aber ist, dass das neue Auswärts-Trikot der Nationalmannschaft zur EM 2016 sehr kontrovers aufgenommen wird: Prominente von Andrea Bocelli bis Corinna May zeigen sich begeistert über das schicke Design. Auch der Zentralrat der Testbildvermisser jubelt, während sich 95 Prozent aller Deutschen die Minions auf dem Trikot wünschen. Oder zumindest den vom Hautton her verwandten Dieter Bohlen.

Unbestätigten Gerüchten zufolge hat sich bereits CSU-Generalsekretär Scheuer aus dem Rektum von Horst Seehofer gemeldet, mit der Absicht, 1000 dieser Hemden zu bestellen, um sie zur Abschreckung von Flüchtlingen an der bayerischen Landesgrenze aufzuhängen.

Wir sind wieder offen schäbig

Sicher ist: Es ist ein mutiges Trikot. Ein wichtiges. Ein Leibchen, das wie kein zweites die Lage der Nation widerspiegelt und einen förmlich anbrüllt: Der hässliche Deutsche ist zurück!

Ich finde es wunderbar, dass der DFB um Wolfgang Niersbach nach der erfolgreichen Zerschlagung des korrupten Systems Fifa wieder ein heißes Eisen anpackt und das Deutschland des Jahres 2015 Textil werden lässt. Die Zeit der Mimikri ist vorbei. Wir sind wieder offen schäbig.

Noch in Brasilien haben wir für die Welt eine Rolle gespielt, trugen rot-schwarze Auswärtstrikots im Design des beliebten Clubs Flamengo Rio de Janeiro. Ein billiger Trick, um die Brasilianer in Sicherheit zu wiegen, die dann auch prompt in Freundschaft untergingen. 

Das weiße WM-Heimtrikot mit rotem Brustblitz sollte vermutlich an ein Superheldenkostüm erinnern, um die "Avengers"- affine Zielgruppe abzufischen. Junge, beeinflussbare Menschen fielen natürlich darauf rein, so dass der 13-jährige Mario Götze dann auch gleich völlig irritiert das Siegtor schoss. 

In der Tradition von Katsche Schwarzenbeck

Eine Zeit lang haben wir das Ausland nachhaltig verwirrt. Mit jungen, gut gecremten und schön frisierten Männern in schicken Trikots. Dabei standen wir traditionell immer für etwas anderes. Was oben aus dem Kragen schaute, hatte gefälligst das Fürchten zu lehren: Katsche Schwarzenbeck. Hans Peter Briegel. Die schönsten Torwarttrikots hatten dem Gesicht von Oliver Kahn nichts entgegen zu setzen. 

Aber wer sich dieses Land derzeit ansieht, muss zugeben: So schön sind wir nicht. Endlich können wir mit dem EM-Auswärtsdress wieder an die Tradition leidenschaftlicher Hässlichkeit anknüpfen. Böse Zungen behaupten, es sei so hässlich, dass es wohl schon für die WM in Russland designt wurde. 

Ich wiederum finde, hier räumt die Nationalmannschaft nebenbei ganz elegant mit dem billigen Gerücht auf, dass Homosexuelle grundsätzlich nur schicke Kleidung tragen. Da muss man auch mal kritisch fragen, was den anderen Nationen ihre stylischen Outfits denn gebracht haben? Was ist denn seitdem passiert? 

Der Franzose? Fährt zum Bumsen mit der Vespa durch die Nacht und baut Autos mit Plastikschonern. Der Grieche? Lässt sich als Arno Dübel Europas von der EU gängeln, und der Ami? Wird beim plumpen Spitzeln erwischt und ist bei der Terroristenhatz so erfolglos, dass er demnächst Zahnärzte los schickt, um den IS zu erledigen.

Umso schöner die entwaffnende, selbstreferenzielle Ehrlichkeit des DFB-Dress, den die deutschen Fans in Scharen von den Ständern reißen werden. Interessant sind die Farben, die hier ganz klar Deutschland 2015 repräsentieren: Grün wie Erbsensuppe. Das beliebte Nationalgericht (manch einer meint, Grün wie der Neid. Aber es wäre hässlich, das zu schreiben. Und dafür stehe ich nicht). Grau wie die Autobahn. Eine wunderbare Errungenschaft. Weil, damals war ja nicht alles schlecht. An der Seite Längsstreifen in Freitalweiß. 

Und diese feinen Applikationen in Gelb. Wie der Fleck vorne auf der Jogginghose, die optisch zu diesem Oberteil passt wie die Faust aufs Flüchtlingsauge. In diesem Look lässt sich doch vortrefflich vorm Asylantenheim demonstrieren! Falls das Teil wider Erwarten doch kein Hit werden sollte - einfach Camp David draufdrucken und unten bei P&C reinhängen. Dann wird's ein Megaseller.

Was unsere Nationalspieler angeht: In diesem Trikot werden sie garantiert bis an die Leistungsgrenze gehen - auf die Unterstützung von den Rängen sollten sie in dem Look nicht hoffen.

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