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"Lioness: Hidden Treasures": Amys Erbe - solider Soul, aber nicht überragend

Versteckte Schätze sollen es sein - die musikalischen Hinterlassenschaften der Amy Winehouse, die pünktlich zum Fest auf einem neuen Album erscheinen. Nicht einmal sechs Monate nach dem Tod der Sängerin bietet das Album Altes, Neues und den typischen Amy-Sound.

Von Rebecca Brockmeier

Es musste ja so kommen: Noch nicht einmal ein halbes Jahr ist seit dem plötzlichen Tod von Amy Winehouse vergangen, da schlachtet Universal Music den musikalischen Nachlass der Skandal-Sängerin aus und veröffentlicht, pünktlich zum Weihnachtsgeschäft, das Album "Lioness: Hidden Treasures". Der Titel ist geschickt gewählt, lässt er doch unbekannte musikalische Kleinode erwarten, die beim ein oder anderen das Kaufinteresse bestimmt noch einmal steigern dürften. Jetzt kommt es auf den Markt.

Zwar schießt der vollmundige Albumtitel übers Ziel hinaus - musikalische Ausschussware ist aber zum Glück auch nicht dabei. Insgesamt ist die CD mit einem Dutzend Aufnahmen aus den Jahren 2002 bis 2011 eine recht solide Retrospektive geworden, die der Plattenfirma eine gute Verkaufsbilanz und Amy-Fans ein paar weitere Bonustracks bescheren wird. Dabei ist es besonders die Stimme von Winehouse, die Zeugnis ablegt: von ihrer Entwicklung als Sängerin und ihrem privaten Desaster, durch das ihr besungener Weltschmerz so authentisch klingt. Am 23. Juli war die als musikalisches Ausnahmetalent gefeierte Sängerin, die seit Jahren mit ihrer Drogen- und Alkoholsucht kämpfte, an einer Alkoholvergiftung in ihrer Londoner Wohnung gestorben.

Zu hören sind auf der CD unter anderem bekannte Songs, wie "Valerie" oder "Tears Dry" aus dem Erfolgsalbum "Back to Black" - beide kommen als neue, ruhigere Versionen daher. Auch Cover-Songs, wie "A Song for you" als Hommage an ihren Lieblingskünstler Donny Hathaway haben die Produzenten, darunter Mark Ronson und Salaam Remi, aus den Archiven hervorgekramt. Ganz anders klingt dagegen der Bossa-Nova-Song "The Girl from Ipanema": Jugendlich und unbeschwert klingt der Klassiker, den die damals 18-Jährige Soulsängerin 2002 mit Remi in Miami aufnahm – es war ihr erstes Stück. Ihren eigenen Stil hatte die Frau mit der Turmfrisur da schon gefunden. Ihre Stimme aber war noch nicht von Alkohol, Drogen gezeichnet.

Winehouse-Sound und wenig Neues

Aus dem Rahmen fällt auch der bisher unveröffentlichte Song "Between the Cheats": Während die Aufnahme von 2008 im Stil der 50er und 60er Jahre dahinswingt, besingt die Soulikone als Kontrastprogramm die Eskapaden ihres drogenabhängigen Ex-Ehemannes Blake Fielder-Civil. Ebenfalls neu ist das Gemeinschaftsprodukt von Winehouse und dem Rapper Nas "Like Smoke", wobei sich trefflich darüber streiten ließe, ob die Mischung aus Soul und Nas' Rap-Parts eine glückliche Kombination abgibt. Weniger ungewöhnlich, dafür umso schöner ist "Half time", das mit chilligem Beat und eingängigem Refrain punktet. Einen Endpunkt setzt die letzte Studioaufnahme der Verstorbenen, das Duett "Body & Soul" mit Tony Bennett, das seit September auf dem Markt ist: Bereits ein wenig brüchig ist die Stimme der 27-Jährigen da, die sich jedoch ohne Probleme mit der des 17-fachen Grammygewinners messen kann.

Abgesehen von diesen Ausnahmen bietet "Lioness: Hidden Treasures" wenig Neues oder Innovatives. An ihre großen Hits wie "Rehab" oder "Back to Black" reichen die zwölf Titel nicht heran. Ihre Fans wird's trotzdem freuen. Die Frage, die - wie bei allen nach dem Tod herausgebrachten Alben - am Ende bleibt, ist natürlich, ob die Veröffentlichung im Sinne der Soulsängerin gewesen wäre. Dagegen wehren kann sie sich nicht mehr.