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Abba und die Mode der 70er: Glam: Von Bowie bis Bolan

Abba war nicht allein: eine Hommage an die Ikonen des Glitter-Rock.

Von Dirk van Versendaal

Nein, Abba waren nicht die Einzigen, die in Karnevalskostümen und Zirkuskleidern auf die Bühnen traten. Anfang der Siebziger war in England eine neue Musikrichtung aufgekommen. Sie elektrisierte eine Generation von Teenagern, die sich von den Hippies ebenso gelangweilt fühlte wie vom inhaltsschweren Ernst und der politischen Kultur der 68er- Bewegung.

Die Jugendlichen begeisterten sich für Knalleffekte und schrille Selbstinszenierung, sie lebten für Tanzparty statt Diskurs, sie hörten Bonbon-Pop statt Kunstrock à la Yes oder Pink Floyd. Und die frühen Hauptdarsteller glitzernder Künstlichkeit - Glam nannte es damals noch niemand - kleideten sich, als wollten sie zum Faschingsball.

Marc Bolan, Sänger einer Band, die sich T. Rex nannte und 1971 mit "Hot Love" den ersten Hit des Glam lieferte, war ein früher Meister der theatralischen Maskerade. Er legte himmelblaues Augen-Make-up auf und klebte sich Sternchen ins Gesicht, er trug Pailletten-Smokings, Federboas und hochhackige Schlangenlederstiefel. "Die Mädchen sind hinter ihm her, obwohl er manchmal selbst aussieht wie ein Mädchen", stellte die "Bravo" verblüfft fest.

Zu Bolans Freundeskreis und Bewunderern gehörte der gleichaltrige David Bowie. Vielleicht war es der Konkurrenzdruck, der ihn 1972 in die Rolle des androgynen Außerirdischen Ziggy Stardust schlüpfen ließ, einer schrillen Kunstfigur, mit der Bowie seine Bühnenkleidung zu textilen Kunstwerken erhob. Er war fasziniert von der Londoner Travestieszene, liebte es, in Frauenkleidern zu posieren, und seine Verkleidungswut brachte ihm den Spitznamen "The Chameleon-King" ein.

Bowies Ehefrau Angela Barnett ermunterte ihn, sie ergänzte ihn: Je weiblicher er auftrat, desto maskuliner gab sie sich. Zeitgleich zu Bowie guckten sich in den USA die New York Dolls ihre modischen Ideen von den Transvestiten des Times Square und den Strichern von der Third Avenue ab. Auf der Bühne gaben sich die jungen heterosexuellen Männer anschließend als nuttige Drag-Queen-Versionen mit Lippenstift, Mascara und toupierten Haaren.

In kaum ein europäisches Land schwappte der Glam so schnell über wie nach Schweden. Dort war die deutsche Leitkultur nach dem Zweiten Weltkrieg von der angelsächsischen restlos abgelöst worden. Was Anfang der Siebziger aus Großbritannien kam, wurde beseelt aufgenommen: Das Herz der schwedischen Jugend schlug in London. Im April 1974 wurden Abba zu den Pionieren des Glitter-Looks auf dem europäischen Kontinent.

Es war vor allem Anni-Frid "Frida" Lyngstad, die sich für Kleider und Kostümierungen begeisterte. Das Nähen hatte sie von ihrer Großmutter gelernt und später eine Modeschule besucht. Schon 1973 hatte sie sich um das Bühnenoutfit gekümmert. Sie hatte die Umstandsmode für die hochschwangere Agnetha genäht und Björn und Benny in Smokings gesteckt, als die Gruppe erstmals bei einer Vorausscheidung zum Eurovisions-Wettbewerb im Fernsehen auftrat.

Als die Band ein Jahr später endlich mit "Waterloo" nach Brighton wollte, entschloss sie sich zu einem Auftritt im Stil der britischen Glam-Stars. Björn: "Wir dachten, mit solchen Bühnenoutfits würden sich die Leute an uns erinnern, auch wenn wir nur auf Platz neun landeten."

Einer leiht beim anderen

Den Anstoß für das visuelle Spektakel gab eine, wie Frida später sagte, "tolle Jacke voller Metallkettchen", die sie in der Stockholmer Boutique "Green Clouds and Blue Grass" entdeckt hatte. Deren Besitzerin hieß Inger Svenneke, und sie nähte der Band die Kleider für ihren später siegreichen "Waterloo"-Auftritt zusammen. Doch der Beginn der internationalen Karriere von Abba war das Ende ihrer bisher eher amateurhaften Ausstattung. "Wir wurden als Band professioneller, da hatte ich keine Zeit mehr, mich um die Kostüme zu kümmern", erzählt Frida. Anregungen gab sie aber nach wie vor.

Es war Owe Sandström, der in den kommenden Jahren die wichtigsten und auffälligsten Bühnenkostüme von Abba entwarf. Sandström war eigentlich Biologielehrer, eines seiner Hobbys waren Reptilien. Seine Leidenschaft aber waren Kostüme. Der Schwede hatte 15 Jahre lang mit Tanztruppen gearbeitet und beherrschte den Einsatz von Stretch und Trikotanzügen. Er wusste Fridas Ideen umzusetzen, und die sollten "Glam-rockig" sein, wie er sich heute erinnert.

Fortan saß Sandström in seinem Atelier und verwandelte Fridas Skizzen an seiner Husqvarna-Nähmaschine in Träume aus Spitze, Perlen, Pailletten und leuchtenden Stoffen. Oft kamen die Bandmitglieder zu ihren Anproben bei ihm vorbei. "Agnetha und Frida wussten genau, wie sie ihre Körper präsentieren wollten. Auch Björn hatte ein Gefühl dafür. Ansonsten war den beiden Jungs ziemlich egal, was ich ihnen anbot. Sie betrachteten es als ein Spiel."

Auch in steuerlicher Hinsicht war das Spiel mit verrückten Ideen von Vorteil: Laut schwedischem Gesetz durften Künstler den Kauf von Kleidung von der Steuer absetzen - solange die Kleidungsstücke im Alltag nicht tragbar waren. Tatsächlich wurde kein Abba-Mitglied jemals abseits von Bühne und Kamera in einem der Fantasie-Outfits angetroffen.

Der Look, den Frida Lyngstad und Owe Sandström Abba verpassten, war natürlich abgeguckt. "Alle liehen sich ihre Ideen bei allen anderen", sagt Owe Sandström. Auch die britischen Glam-Stars ließen sich voneinander inspirieren. Sie bedienten sich beim Musical, in der Zirkuswelt, bei Flamenco-Tänzern. Rein optisch hätten Benny und Björn auch bei The Sweet aufspielen können. Die Band um Sänger Brian Connolly stieg auf turmhohe Plateaustiefel und in knallbunte Outfits. Sie war die in Deutschland erfolgreichste Glam-Band. Neben Slade, Elton John und Gary Glitter taten sich vor allem Roxy Music um Sänger Bryan Ferry hervor. Dessen Kollege am Synthesizer, Brian Eno, trug mit Vorliebe Bolerojäckchen, wie auch Benny und Björn sie von Owe Sandström umgehängt bekamen.

Die einzige Frau in der von Männern dominierten Glam-Domäne war Suzi Quatro. Kaum größer als ihre Bassgitarre, meist in sexy Lederminis oder Lederhosen gekleidet, war sie zwar nicht en détail ein Vorbild gewesen, dafür aber doch eine ganzheitliche Ermunterung für Agnetha und Frida, es auf der Bühne krachen zu lassen. So erzählt es Ingmarie Halling, während der Australien-Tournee für Haare und Make-up der Band zuständig und heute Kuratorin des Stockholmer Abba-Museums.

Ab 1980 endete die Zusammenarbeit zwischen Abba und Owe Sandström. Die Musik des Quartetts war erwachsener geworden, die Texte waren reifer, ernster und handelten von Abschiedsschmerz und privaten Problemen. Im Fernsehen und in den Videos trugen Agnetha und Frida, Björn und Benny fortan ihre eigene Kleidung.

Auch die Pioniere des Glams hatten sich musikalisch weiterentwickelt, abgedankt oder waren, wie Marc Bolan, zu Tode gekommen. Aber sie hatten die Wege geebnet für Alice Cooper und Kiss, für die "Rocky Horror Picture Show" und den Style des Disco-Booms. Der einzige Ort, an dem Glam und seine Kostümierungen sich bis heute hemmungslos und in größter Nähe zu den Originalen entfalten dürfen, ist: der Eurovision Song Contest.