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Annett Louisan "Ob zwei Gläser Prosecco oder 20: Wenn ich es krachen lasse, dann so richtig"

Sängerin Annett Louisan
Sängerin Annett Louisan
© Britta Pedersen / Picture Alliance
Annett Louisan wurde 2004 als deutsche Chanson-Sängerin bekannt. Inzwischen ist sie 43 Jahre alt und Mutter einer Tochter. Nun erscheint mit "Kitsch" ihr neues Album.

Frau Louisan, für viele ist "Kitsch" ein eher negativ belastetes Wort. Warum haben Sie diesen Titel für Ihr neues Album gewählt?

Ich verbinde mit Kitsch eigentlich nur positive Gefühle. Meist wird der Begriff "kitschig" doch dann benutzt, wenn zum Beispiel ein Sonnenuntergang ganz besonders schön oder eine Liebesszene in einem Film extrem sentimental wird. Aber das ist doch wunderbar. Mir kann es oft gar nicht schön oder sentimental genug sein! Vor allem in der Zeit des Corona-Lockdowns habe ich diese Form von Balsam für die Seele noch mehr gebraucht als sonst. 

Nervt es Sie, dass Sie aufgrund Ihres Aussehen und Ihrer Stimme immer wieder in die gleiche Schublade gesteckt werden?

Daran habe ich mich vor langer Zeit gewöhnt. Die Menschen lieben nun mal Schubladen. Und sie möchten, dass alles so bleibt, wie es ist – auch wenn die Welt um sie herum sich stark verändert. In mir löst ein Satz wie "Bleib genau so, wie du bist!" eher ungute Gefühle aus. Das Leben bedeutet permanente Veränderung. Wir alle verändern uns doch ständig und entwickeln uns weiter. Niemand bleibt deshalb so, wie er ist.

Haben Sie schon mal über einen radikalen Imagewechsel nachgedacht, um dem Schubladen-Denken zu entkommen?

Ich glaube fest daran, dass ein Imagewechsel auf Zwang niemals funktionieren kann. Und bei mir wäre es auf Zwang, denn ich fühle mich in meiner musikalischen Nische und mit meinem Repertoire sehr wohl. Ich bin sehr stolz auf das, was ich in meiner Karriere erreicht habe. Wobei ich auch immer darauf achte, dass die Nische nicht zur Besenkammer wird oder ein zu eng geschnürtes Korsett, in dem ich nicht mehr atmen kann. Und was mein Aussehen betrifft: Ich bin sehr gerne die Frau, die ich bin! Ich bin sehr gerne weiblich und liebe es, verspielte Kleidchen und High-Heels anzuziehen.

Wären Sie auch gerne mal Diva?

Dafür habe ich grundsätzlich ein Faible, aber ich habe oft das Gefühl, dass in Deutschland weibliche Stars am Besten auch immer das nette, freundliche Mädchen von nebenan sein sollten. Es gibt bei uns keine Kate Moss oder Catherine Deneuve. Frauen sollten lieber keine divenhaften Züge zeigen, dafür wird man hierzulande nicht so gemocht.

Können Sie heute ganz klar Nein sagen und Menschen in Schranken weisen, wenn sie rote Linien übertreten?

Früher viel mir das oft recht schwer – aber spätestens mit der Geburt meiner Tochter habe ich gelernt, nein zu sagen. Durch meinen Mutter-Instinkt weiß ich heute ganz genau, wer mir nicht zu nahe kommen darf und wer eine klare Ansage braucht. Je älter ich werde, desto egaler wird es mir auch, was andere Leute über mich denken. Früher war ich viel kontrollierter und habe sehr darauf geachtet, was ich von meiner Persönlichkeit preisgebe. Außerdem musste ich es über die Jahre lernen, mich als Frau in einer immer noch männerdominierten Musikbranche durchzusetzen.

Ist Ihr zartes Aussehen nicht oft dabei hinderlich, um autoritär aufzutreten und wirklich ernst genommen zu werden?

Absolut! Und in diesem Zusammenhang musste ich immer wieder erleben, dass mich Menschen, die mich noch nicht gut kennen, aufgrund meines grundsätzlich friedfertigen Wesens und meines Aussehens, gnadenlos unterschätzen. Diese Tatsache hat aber auch einen interessanten und positiven Aspekt.

Welchen?

Wenn Leute dich nicht mit vorsichtiger Zurückhaltung betrachten, dann zeigen sie viel schneller ihr wahres Ich – also auch ihre negativen Charakterzüge viel schneller. Dadurch kann ich Menschen viel schneller durchschauen bzw. richtig einschätzen und mir die Leute sorgfältig aussuchen, denen ich wirklich mein Vertrauen schenke. Grundsätzlich nervt es mich aber ganz schön, dass so viele Leute denken, dass ich permanent die Liebe und Süße bin. Das bin ich definitiv nicht!

Sie haben also auch dunkle Seiten?

Natürlich! Alle Menschen haben dunkle Seiten – auch wenn diese Tatsache gerne verdrängt wird. Und gerade bei Leuten, die meist extrem freundlich und positiv durchs Leben gehen, kommt diese andere Seite dann meist ganz besonders scharf und gebündelt zum Vorschein. Die gehen dann auf einmal ab wie eine Rakete, wenn bei ihnen das Fass übergelaufen ist.

Können Sie richtig böse und laut werden?

Grundsätzlich bin ich an sich ein sehr harmoniebedürftiger Mensch. Ich liebe es, höflich, rücksichtsvoll und unkompliziert aufzutreten. Sehr schade ist dabei nur, dass diese Wesensart von manchen Menschen oft mit Dummheit oder Einfältigkeit, Naivität gleichgesetzt und somit auch ausgenutzt wird. Frei nach der Devise: Mit der kann man ja alles machen! Das musste ich immer wieder am eigenen Leib erfahren. Wenn ich richtig wütend werde, dann kann ich sehr verletzend werden. Vor allem dann, wenn ich weiß, wo bei meinem Gegenüber der wunde Punkt liegt. Allerdings tut mir das im Nachhinein auch schnell wieder leid und ich fühle mich schlecht.

Was bringt Sie so sehr auf die Palme, dass Sie von lieb auf laut umschalten?

Ich verzweifle sehr schnell an impertinenter Dummheit. Wenn ich solchen Menschen total hilflos gegenüberstehe, weil ich merke, dass es einfach keine Argumente mehr gibt, dann könnte ich nur noch schreien. Das macht mich genauso wütend, wie wenn man mich kleinmachen und in meiner Freiheit einschränken will. Dann zieht man bei mir das rote Tuch.

Haben Sie auch eine wilde und hemmungslose Seite?

Aber sowas von! Ich will das Leben am liebsten immer so intensiv wie nur irgendwie möglich spüren. Und deshalb muss ich auch immer gut auf mich aufpassen.

LaFee war ein beliebter Teenie-Star, heute ist sie als Schauspielerin tätig.

Inwiefern?

Ich genieße es sehr, komplett in den Moment einzutauchen und kontrollierten Kontrollverlust zu erleben. Wenn ich es mal krachen lasse, dann so richtig! Ob zwei Gläser Prosecco oder 20, spielt an solchen Abenden keine Rolle mehr. Die Kleinsten sind oft die Wildesten und Schlimmsten. Ich bin auf jeder Party die Letzte, die man von der Tanzfläche fegen muss. Feiern ist wunderschön, wenn es wirklich etwas zu feiern gibt. Passiert es aus reinem Selbstzweck, dann wird es allerdings schnell dunkel. Das ist ein schmaler Grat und definitiv eine der Schattenseiten von meinem Beruf.

Was für Schattenseiten gibt es noch?

Man kann süchtig werden nach Adrenalin, Anerkennung und dem Applaus – immer im ständigen Wechsel mit Unsicherheit und Selbstzweifeln; der immer wieder auftretenden Frage, ob du wirklich gut genug bist. Es kann in diesem Business auch mal düster um dich herum werden. Auch ich hatte mal Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging. Ich bin eine Frau, die auch sehr melancholisch sein und sich auch an den Abgrund stellen kann, die letztendlich aber niemals springt! Ich gehe immer wieder zum Licht. Am Ende wird bei mir immer wieder alles gut. So gesehen ist mein Leben in einer Art also auch kitschig.

Interview: Alexander Nebe

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