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Carpendales Comeback-Tour: Howie ist tot - es lebe Howie

Was haben ein Gottesdienst ohne Schlüpfer, ein harter Arbeitstag im Büro und das Bühnencomeback von Howard Carpendale gemeinsam? Ist alles das Gleiche. stern.de hat sich den großen Tag des Mannes, der in diesem Land 25 Millionen Tonträger verkauft hat, aus nächster Nähe angesehen.

Von Sophie Albers

Howard Carpendale ist schwer genervt. Zumindest sieht er gerade so aus, als würde er gleich jemandem eine reinhauen. Der Kiefer mahlt, seine rechte Hand lässt aggressiv die Bügel einer Sonnenbrille schnappen, das Gesicht ist eine mattierte Maske, die hellblauen Augen wirken tiefgefroren. Doch die quirlige TV-Reporterin lässt nicht locker: "Ich habe gehört, Sie haben eine Diät gemacht?", "Ich habe gelesen, Sie haben sich ein Muttermal weglasern lassen?", "Sie sind 62, wie haben Sie sich eigentlich wieder fit gekriegt?". Sie grinst von Ohr zu Ohr, und weil Carpendale sehr genau weiß, dass das Grinsen der Boulevardmedien aus Stahlbeton ist, schont er seine Fäuste. "Ich möchte über meine Konzerte reden", sagt er kalt, bestimmt und umsonst. "Aber eine Frage habe ich noch", quietscht es: "Wie eitel sind Sie?" Es ist das erste Interview von sechs auf der Bühne der BigBox in Kempten im Allgäu, wo einer der erfolgreichsten Langzeitkünstler Deutschlands in ein paar Stunden das erste Konzert seiner so gut wie ausverkauften Comeback-Tournee geben wird.

Selbst Schuld, könnte man sagen. Nachdem er vor knapp fünf Jahren mit großer Geste und Anteilnahme das Ende seiner Karriere verkündet und gefeiert hat, ist Carpendale nun zurückgekehrt, mit neuem Album, neuer Tour und größerem Erfolg denn je. Die einen sagen, ihm sei das Golfen in Florida langweilig geworden, er selbst sagt, er habe die Bühne vermisst. Ob er sich das Comeback so vorgestellt hat? "Herr Carpendale, sind Sie eigentlich aufgeregt?" Was für eine bescheuerte Frage an jemanden, der 45 Jahre Bühnenerfahrung hat, brüllt sein Blick: "Einer, der jeden Tag ins Büro geht, macht seine Arbeit, ich gehe auf die Bühne und mache meine Arbeit", sagt der Mann mit dem weichen "sch" dann trocken. Und vor dem geistigen Auge sieht man ihn Aktenordner sortieren. Dann kommt wieder die Frage nach der Diät. Ihm fällt die Brille runter. Er zuckt mit keiner Wimper, bis ein TV-Mensch sie aufhebt.

Der Blick von Carpendales Barhocker

Seit drei Wochen laufen die Proben für eine Show, "wie sie das deutsche Entertainment bisher nicht kannte", so die vollmundige Ankündigung. Vier Trucks sind für die 15 Termine unterwegs, allein die Design-Bühne wiegt zehn Tonnen, dazu kommen riesige, bewegliche Leinwände, neuartige Scheinwerfer, Videoprojektionen. Wenn man auf der Bühne der BigBox steht und in den Saal schaut, wo am Abend 4000 Fans die Wiedergeburt ihres Idols feiern wollen, sehen die leeren Stuhlreihen fast ein bisschen bedrohlich aus. Carpendales weißer Barhocker ist aber ganz bequem.

Seit drei Tagen stehe er mit seinen zwölf Musikern von morgens zehn bis abends zehn da oben und probe, sagt der Künstler, der in seiner bisherigen Karriere mehr als 25 Millionen Tonträger verkauft hat. "Wir sind so fertig nach den letzten Tagen. Ich bin froh, wenn ich heute Abend sagen kann, die Vorbereitungen sind durch, ich kann jetzt auf die Bühne." Doch das nächste Gesicht mit Kamera wartet schon: "Herr Carpendale, sind Sie eigentlich aufgeregt?": "Um fünf gehe ich in meine Badewanne und entspanne mich." Hat er etwa kurz gelächelt?

"Sind Sie eigentlich aufgeregt?

Zwei Interviews noch: "Herr Carpendale, sind Sie eigentlich aufgeregt?": "Es ist die erste Show, und ich frage mich, ob es wohl so wird, wie wir uns das vorgestellt haben." Und die Diät? "Ich denke nicht an Diät, ich denke an die Show." Vier Minuten können sehr lang sein. Doch was ist das?: "Herr Carpendale, konnten Sie nicht loslassen?" Da blitzt es kurz in den berühmten hellen Augen: "Ich unterhalte mich lieber mit 10.000 Menschen als mit einem." Und falls es irgendjemand noch immer nicht verstanden haben sollte, setzt er nach: "Die Bühne ist mein Zuhause, hier fühle ich mich sicher." Noch zwei Stunden, dann gehen die Türen auf. Abgang Carpendale durchs Blitzlichtgewitter, der Ankündigung nach in Richtung Badewanne.

Gegen sieben kommt er zurück, um etwas zu essen, spricht mit Musikern, macht sich einen schwarzen Tee mit einem Schuss Milch. Das Gesicht ist noch immer zu, er wirkt konzentriert, vielleicht auch ein bisschen stoisch. "Ich rede jetzt nicht so viel", entschuldigt er sich. Schon okay, Herr Carpendale. Um halb acht ist die Halle voll, doch macht im Catering-Raum niemand von der Crew Anstalten, sich umzuziehen oder aufgeregt zu sein. So wie Handwerker eben, die ihre Pause bis zum Ende genießen. Um Viertel vor acht sind die Tische allerdings schlagartig leer. Pünktliche 25 Minuten später, wie auf dem neuen Album besungen um 20 Uhr 10, wird Carpendale auf der Bühne stehen.

"Howiiiie! Dankeeee!

Die Show beginnt mit einer Überraschung: Blaues Lichtgewitter und Ambient-Töne lassen völlig offen, wer da nun gleich kommen wird. Selbst Massive Attack wären möglich. Nur das rhythmische Klatschen der Fans lässt auf anderes schließen. Ein Videoeinspieler zum Titel "20 Uhr 10" stellt es klar.

Gellende Schreie nehmen Carpendale in Empfang, der im weißen Anzug auf der Bühne erscheint und sich erst einmal einfach nur über die Standing Ovations freut. Sein Publikum hat es ihm definitiv nicht übel genommen, dass er das Versprechen des endgültigen Abschieds gebrochen hat. "Howiiiiiiiiie", schrillt es immer wieder, "Howie! Dankeeeeee!". Er lächelt, auch wenn er immer wieder betont hat, dass er dieses "Howie" zum Kotzen findet. Nur singen kann er gerade nicht, denn ihm fehlt das Mikrofon. Was für eine grandiose Panne für den Neuanfang. Er nimmt es gelassen: "Ich glaub', ich hör wieder auf", sagt er und lacht herzlich.

Gottesdienst ohne Schlüpfer

Dann beginnt das, was man getrost als Gottesdienst beschreiben kann: Der Prediger da vorne und seine Gemeinde widmen sich in höchster Konzentration einem Ritual mit festen Regeln. Die Frauen - ja, größtenteils um die 50 und etwas zu stark geschminkt, aber auch viele jüngere sind dabei - wissen, dass beim Refrain der Smokie-Coverversion "Tür an Tür mit Alice" "Who the fuck is Alice"-Rufe dazugehören, dass es Rosen und nicht Schlüpfer regnen muss, wann die Feuerzeuge dran sind, und dass bei "Hello again" alle nach vorne rennen müssen. Vor allem aber kennen sie die Texte blind. Bei langsameren Stücken, den Blick auf Pater Carpendale genagelt, bewegen sich ihre Lippen mal zum lauten, mal zum leisen Gebet. Mit entrücktem Gesicht wird die Messe zelebriert. Viele sitzen da wie Schulmädchen, mit gestreckten Rücken auf der Stuhlkante, andere stehen, mit vor der Brust verschränkten Händen.

Und was kriegen sie dafür? Diesen blitzblauen Blick von unten mit leicht gesenktem Kopf und das Versprechen, dass er in diesem Augenblick mit "Ti amo" tatsächlich nur ganz allein diese Frau da meint, in ihrer gestreiften Bluse und dem Lippenstift, den sie extra für das Konzert gekauft hat. Er gibt ihr jedenfalls das Gefühl, der Kauf habe sich gelohnt. Und während sie in der einen Sekunde noch dankbar Party macht, schunkelt und klatscht, reicht in der nächsten eine Handbewegung vom Meister aus, um tausende Einzelfrauen, mit denen er gerade ein intimes Date hat, zum Schweigen zu bringen. Das ist gespenstisch, wenn man nicht zur Gemeinde gehört.

"Let me entertain you"

Vielleicht, weil man eh schon an Robbie Williams denken muss - mit dem Carpendale sich übrigens den Tonmann teilt - geht das Programm nach der Pause mit "Let me entertain you" weiter. Nicht wirklich überzeugend von diesem kompakten Mann im nun hellblauen Jackett mit Schal und einer Möchte-gern-Boyband. Aber bevor ihm der Vergleich mit Robbie im Lederoutfit schaden kann, singt Carpendale vor einem digitalen Sternenhimmel "Astronaut", und der Song liefert all das in Perfektion, was man von Carpendale erwartet: Gefühl, Wärme, Kitsch, der große Blick auf die Dinge sowie der kleine. Die Gemeinde scheint nicht mal mehr zu atmen. Eine Frau, die aussieht wie Karin Stoiber, wischt sich die Augen.

Nach zweieinhalb Stunden alter und neuer Carpendale-Songs kommt das Schlussgebet. Pater Howard hat erklärt, warum er so lange weg war und nun wieder da ist, die Gemeinde nickt wie mit einem Kopf. Sie sind aufgetankt mit Liebe, Hoffnung und der Zuversicht, dass der Mann da oben sie nie wieder verlassen wird. Halleluja. Sogar die gar nicht so wenigen Männer im Publikum lächeln selig beim Rausgehen in die verschneite Kemptener Nacht.

"Es gibt noch viel zu tun"

Eine halbe Stunde später ist Carpendales Gesicht wieder wie zugemauert. Er sitzt vier Stockwerke über den letzten, noch ausharrenden Fans, die gerade noch ein "Hello Again"-T-Shirt ergattern und gibt eine Nach-dem-ersten-Konzert-Konferenz, zieht Bilanz, blickt zurück auf das, was er und sein Team da zusammengezimmert haben. Während Manager und Organisator zufrieden bis begeistert loben, zieht Carpendale alle ein bisschen runter: Es gebe noch viel zu tun, sagt er. Dieses erste Konzert sei eben so etwas wie eine Probe für ihn. "Herr Carpendale, waren Sie sehr aufgeregt?": "Ich bin nie nervös", sagt er, und diesmal klingt es etwas entspannter.

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