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Clueso: Vom Jammerossi zum Jung-Liedermacher

Erst von der Schule geflogen, dann die Lehre hingeschmissen: Der Erfurter Liedermacher Clueso setzt auf Fanta 4 statt Hartz IV. Gerade ist sein Album "Weit weg" erschienen.

Von Alexander Kempf

Die Abendsonne taucht den alten Erfurter Güterbahnhof in ein rotes Licht. Clueso steht am offenen Fenster. Von Verladegeräuschen oder rumpelnden Zügen ist nichts zu hören. Sein Blick streift verlassene Laderampen und ausrangierte Güterwaggons. "Das Klima in Erfurt wird keiner Landeshauptstadt gerecht", sagt Clueso und legt eine CD ein. "Es gibt hier keine Jugendclubs. Alles was man machen will, kostet Geld und ein Trip ist billiger als ein Kinobesuch." Es ist das Lamento eines "Jammerossis", der den letzten Zug in die alten Bundesländer verpasst zu haben scheint. Doch dann läuft die CD an.

"Bleib einfach hier", singt eine Stimme, "lern dich umzusehen." Es ist Clueso. Von Jammern keine Spur. "Ich finde es nicht schlimm, wenn man seinen Weg geht", sagt der Jungmusiker, "mich stört nur, dass viele weglaufen und anschließend ständig kotzen, dass im Osten nichts geht." Clueso hat mit 26 Jahren etwas erreicht, das wenige Leute in seinem Alter schaffen: ein Album aufzunehmen, das wirklich überrascht. Gesellschaftliche Probleme wie die Landflucht im Osten übersetzt der Erfurter auf "Weit weg" in musikalische Geschichten, näher an der Wahrheit als jede Abwanderungsstatistik.

Lieder gegen Lethargie

"Weit weg" ist das dritte Album von einem, der auszog, etwas gegen Lethargie und Selbstaufgabe zu tun. Die Studenten haben Cluesos Potential schon erkannt. Sie katapultierten die Single "Chicago" auf Platz 3 der deutschlandweiten Campuscharts.

Mehr Reiser als Rap

Am Anfang seiner Karriere war Clueso ein rappender Hip-Hopper - später entdeckte er den Liedermacher in sich. Ob Jazz, Hip-Hop oder Rock - seit dem zweiten Album "Gute Musik" kümmern ihn keine Konventionen mehr. Heute erinnern seine melancholischen Texte an Rio Reiser. Mit Hip-Hoppern wie Samy Deluxe hat er nichts mehr gemein. Thomas D von den Fantastischen Vier bietet ihm auf dem Label Four Music eine musikalische Heimat: "Clueso verfügt über riesiges Potential."

Er lebte von Pizzarändern und Leitungswasser

Vom Leben als Nachwuchs-Künstler hat sich Clueso zum Berufsmusiker gemausert. Vorbei die Zeit, in der er sich als Wohnzimmer-Hip-Hopper durchschlug, auf Matratzen pennte und von Pizzarändern und Leitungswasser lebte. Seit 2000 hat er seinen Plattenvertrag. Doch erst das zweite Album "Gute Musik" brachte den jungen Erfurter vier Jahre später auf die Erfolgspur. Zunächst Vorprogramm der Fantastischen Vier, dann Auftritte bei TV Total. Seichte Massenveranstaltungen nutzte Clueso als Bühne - trotz der melancholischen Schwere von "Gute Musik". "In den letzten zwei Jahren habe ich so viel Menschen getroffen und eine rasende Zeit gehabt", sagt er. Lange Touren, kurze Nächte, Szenepartys - ganz anders als die Zeit in Erfurt.

Heimatgefühl treibt ihn zurück gen Osten

Abschiede und flüchtige Begegnungen sind der Stoff aus dem Clueso seine Lieder entstehen lässt. Viele seiner Freunde aus Kindheitstagen haben Thüringen längst den Rücken gekehrt. Auch der Nachwuchs-Musiker suchte sein Glück drei Jahre im fernen Köln. Heimisch gefühlt hat er sich dort nicht. "Während meiner Zeit in Köln bin ich oft nach Hause gefahren, um mit Freunden in Erfurt zu musizieren", sagt er. Als die Musikbranche kriselt, sucht Clueso nach einem günstigeren Domizil. Er entscheidet sich für seine Heimatstadt Erfurt. "Mir hat dieses Heimatgefühl gefehlt."

Gründung einer Künstlerkolonie

Ärmelloses T-Shirt, Trainingshose, Drei-Tage-Bart. Trotz Abendsonne wirkt der Erfurter wie frisch aufgestanden. Elan versprüht er dennoch. "Wenn alle abhauen hast du keine Möglichkeit etwas zu bewegen. Die Substanz, die weggeht braucht es hier!" Weise Worte eines Mitzwanzigers ohne Kind und Verpflichtungen.

Doch Clueso lebt Lösungen vor. Mit einer Hand voll Jugendfreunden hat er vor vier Jahren den "Zughafen" gegründet. Ein altes Eisenbahnerhaus haben die Jungen zur Künstlerkommune ausgebaut. Den Großteil der Handwerkerarbeiten hat man selbst erledigt. In dem Klinkerbau haben sich mittlerweile ein Dutzend Studios, eine Graphikfirma und ein Online-Versand angesiedelt. Diese Strukturen fehlen im Osten. "Hier bekommst du keinen Plattenvertrag. Talente werden nicht gefördert und Trends verschlafen", sagt Clueso.

Volle Konzerthalle in Essen wie in Erfurt

Trotz aller Kritik an der Situation im Osten - Clueso hängt an seiner Heimat. Vielleicht klingen seine Songs deshalb wie musikalische "Heimatschachteln". "Es fällt mir wirklich schwer, das zu fühlen, was ich seh", singt er so manchem antriebslosen Jugendlichen aus dem Herzen. Das kommt an. Clueso füllt Clubs in Essen wie in Erfurt. "Das Publikum kennt die Texte sowohl im Westen als im Osten", sagt er.

Die Generationen lebten heute aneinander vorbei, glaubt der 26-Jährige. Als tragisches Beispiel führt er den Amoklauf von Robert Steinhäuser an. 2002 tötet dieser in Erfurt 16 Menschen und nimmt sich anschließend selbst das Leben. "Ein so großer Hilferuf passt in diese Zeit." Clueso hat seinen Eltern Jahre lang erklären müssen, dass er vielleicht nie Erfolg mit seiner Musik haben wird. Der Vater ist Abteilungsleiter in einer Sicherheitsfirma, die Mutter arbeitete viele Jahre als Sekretärin. In eine Künstlerfamilie geboren wurde Clueso nicht. Er hat keinen Namen geerbt.

Politische Texte in Keimzeit-Tradition

Die Erfolgsaussichten des Erfurters sind gut, obwohl er in keine Genre- und Marketingschubladen passt. Die Schwere seiner Texte passt in die Zeit. Die Single "Chicago" etwa hat so viele Interpretationen wie Hörer. In der Geschichte eines drogenabhängigen Mädchens stecken Fernweh und Lethargie, Aufbruchsstimmung und Depression.

Doch der Jung-Liedermacher hebt keine Zeigefinger. Wolf Biermann oder Konstantin Wecker beerben? Clueso vertont Gefühle, keine politischen Ansagen. Seine Texte erinnern an Gruppen wie Keimzeit. In der DDR haben Künstler gelernt, Kritik am System nett zu verpacken. Diese Tradition führt Clueso fort. "Meine Songs sind viel politischer als die Leute glauben."

Kreativer Macho

Ein selbstloser Weltverbesserer ist Clueso jedoch nicht. Mit Freundeskreis-Frontmann Max Herre besingt er auf "Da wohnt so’n Typ" den "Pimp" in sich. Ein bisschen Macho steckt in jedem jungen Mann. "Ich werde damit nicht kokettieren", sagt Clueso und lächelt verschmitzt. Er ist jung, kreativ und lebt in einer Kommune. Wie hält er es mit Drogen und Sex? "Ich habe in meinem Leben öfter nein als ja gesagt." Er wolle nie die Kontrolle über sein Leben verlieren. "Ich hasse es, wenn man eine geile Idee verkifft!"

Vom Friseur zum Pink Panther

Das klingt wieder sehr erwachsen für einen, der von der Schule geflogen ist und seine Friseurlehre hingeschmissen hat. Den Künstlernamen Clueso haben Thomas Hübner gute Freunde in Anlehnung an den tollpatschigen Inspektor Clouseau der Pink-Panther-Filme verpasst. Eigentlich als Nebenfigur angedacht entwickelte sich der Inspektor dank des Schauspielers Peter Sellers schnell zum Publikumsliebling. Mit seinem neuen Album spielt auch Clueso nicht mehr im Vorprogramm. Er ist nun sein eigener Headliner.