Deutschlandtour Nick Cave, der Wüste lebt


In Hamburg startet Nick Cave seine Tour zum neuen Album "Push The Sky Away" und 5000 Besucher beweisen, dass der ehemalige Punk-Prediger als Rock-Messias breites Gehör findet. Ein großartiger Auftakt.
Von Alf Burchardt

Lang soll der Abend werden, hat der Gast aus England gehört. "Hoffentlich nicht zu lang", sagt er. Seine Gesichtszüge können nicht verbergen, dass er schon einiges erlebt hat; er wird auch schon viel gehört haben. Und er schätzt kurze, kräftige Auftritte, denn aus dem Norden Englands ist er für ein Wochenende nach Hamburg gekommen, um an zwei Abenden den Soul-Punker Vic Godard in einer Kneipe zu erleben. Nick Cave? Den nimmt er am Sonntagabend eben auch noch mit.

Wenn der einst wilde Australier, der heute gutbürgerlich in England lebt, in der Vergangenheit mit seiner Band Bad Seeds in Hamburg aufgetreten ist, reichten ihm Clubs, in denen er zu gut 1000 Fans predigen konnte. An diesem Abend sorgen 5000 Menschen dafür, dass eine große Sporthalle ausverkauft ist. Etwas muss passiert sein, aber was? Ein Besucher, der schon vor dem Konzert ein T-Shirt kauft, es schnell überstreift und sich dann in die Menge stellt - das war früher bei Nick Cave kaum vorstellbar.

30 Jahre Bad Seeds

Im Verlaufe von mittlerweile 30 Jahren Bad Seeds ist ihr Vorsteher auch in der Hochkultur angekommen, auf Bühne, Leinwand und im Bücherregal. Doch woher die neue, ganz große Zuneigung kommt, weiß wohl auch er nicht, obwohl er, als das Saallicht erloschen, nur noch die Bühne spärlich beleuchtet ist und die Band sich aufgestellt hat, den Abend eröffnet mit "We No Who U R", dem ersten Stück des aktuellen, großartigen Werks der Bad Seeds.

Auch die nächste Nummer, "Jubilee Street", stammt von "Push The Sky Away". Am Bühnenrand legt Cave ein erstes Tänzchen hin, die Musiker spielen sparsam, aber intensiv auf, so wie auf dem gesamten Album. Viel Gestrichenes, viel Gezupftes findet sich dort. Das Lärmen im Studio scheint der Meister seinem - inzwischen beerdigten - Nebenprojekt Grinderman überlassen zu haben. Der schratige Warren Ellis, langjähriger Weggefährte und heute musikalischer Direktor der Bad Seeds, tritt zunächst nur mit Geige oder Querflöte an.

Favoriten für die Langzeitfans

Ein schlichtes Wort wie Hit scheint fehl am Platz bei einem wie Nick Cave, aber natürlich haben seine langjährigen Fans ihre Favoriten, Songs, bei denen irgendwann die Hölle losbricht, Songs, die Cave seinem Publikum nicht vorenthalten kann und will. Und als er nach einer halben Stunde mit "Tupelo" noch einmal die Nacht beschwört, in der Elvis Presley geboren wurde, ist das Inferno wieder da. Jetzt hat auch Ellis eine Gitarre umhängen.

Ein einleitender Gitarren- oder Pianoakkord, und das Publikum freut sich auf Epochales aus 30 Jahren Bad Seeds: "From Here to Eternity" und "God Is In The House", "Stagger Lee" und "West Country Girl". Der 56-jährige Nick Cave ist in exzellenter Form wie auch seine Band, kein Ton zu viel, kein Ton zu wenig und jeder sitzt. Das müssen die besten Bad Seeds aller Zeiten sein.

Als die Musiker nach gut anderteinhalb Stunden durch "The Mercy Seat" toben, verlassen die ersten Besucher die Halle. Viele von denen, die bleiben, singen und tanzen mit. Cave und seine Band nehmen noch einmal das Tempo raus für einen der Höhepunkte vom neuen Werk: "Higgs Boson Blues", eine fiebrige Fantasie, in der er den Teufel und Miley Cyrus, den Bluesmann Robert Johnson und Hanna Hannah Montana zusammenbringt.

Genau richtig: großartig

Nach zwei Stunden geht die Deckenbeleuchtung wieder an. Was sagt der Gast aus England - zu lang? "Nein, nein, das war genau richtig." Es heißt, Nick Cave und die Bad Seeds planten ein Livealbum, eine Sparte, in der meist Überflüssiges erscheint. Doch der Versuch, die Magie und die Intensität eines solchen Auftritts einzufangen und abzupacken - verständlich. Ein großer, ein ganz großer Abend.

Weitere Termine:


12.11., Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle
Mi., 13.11. Offenbach, Stadthalle
Do., 21.11. München, Zenith
So., 24.11. Wien, Gasometer


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