Dixie Chicks Achtung, Mr. President

Den eigenen Präsidenten zu beleidigen, und das auch noch öffentlich, kann in Amerika den Genickbruch bedeuten. Vor drei Jahren begingen die Dixie Chicks diesen folgenschweren Fehler. Doch die Countryband berappelte sich - und schlägt zurück.
Von Frauke Hansen

Es gibt Momente im Leben, die verändern alles. Von einer zur anderen Sekunde ist nichts mehr wie vorher. Freundschaften enden, Anhänger wenden sich ab, Karrieren zerbrechen. Als die Texanerin Natalie Maines, Leadsängerin der Dixie Chicks, bei einem Konzert in London verkündete, dass es eine Schande sei, dass Präsident George W. Bush aus ihrem Bundesstaat komme - da war dies so ein Moment. "Skandal!" skandierten Presse, Politik und Fans. Die Countryband landete fortan auf dem Index, Radio- und Fernsehsender boykottierten Songs und Videos der drei Frauen, Fanartikel wurden öffentlich verbrannt, Todesdrohungen ausgestoßen.

Vor diesem verhängnisvollen Moment legten die Dixie Chicks eine Karriere wie aus dem Bilderbuch hin: Sechs Alben hatte die Country-Pop-Band bis zu diesem Zeitpunkt auf den Markt gebracht, mit dem vierten Werk "Wide Open Spaces" schafften Natalie Maines, Emily Robison und Martie Maguire 1998 den entgültigen Durchbruch in den USA. Die Musikerinnen haben im Verlauf ihrer Karriere mehr Platten verkauft als jede andere "All Female"-Popband in der Musikgeschichte. Mittlerweile zieren sieben der renommierten Grammys die Regale der Band, die Frauen konnten 100 Millionen Dollar für Konzerttickets umsetzen. 2003 war die Band auf ihrem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen und ging voller Vorfreude auf ihre "Top of the World"-Tour - und bugsierte sich durch diesen einen kritischen Satz selbst vom Pop-Olymp in die Versenkung.

Abrechnung mit Bush

Drei Jahre und eine Präsidentschaftswahl sind seitdem vergangen - und ja, die Zeiten haben sich geändert. Zwar ist George W. Bush immer noch Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, aber die Dixie Chicks sind mit ihrer Meinung nicht mehr alleine. Viele Künstler bestärkten die Frauen in ihrem politischen Engagement, öffentliche Kritik am Präsidenten ist nicht mehr verpönt. Weil es den Texanerinnen in der Versenkung nicht sonderlich gut gefiel, gingen sie wieder ins Studio und nahmen ihr siebtes Album auf.

"Taking the long way" ist vor allem eins: eine Abrechung mit Bush. Schon die Zeilen der ersten Singleauskopplung "Not ready to make nice" - die in einem Balladengewand daherkommt - nehmen klaren Bezug auf die Vorkommnisse des alles verändernden Moments. Der Zorn auf Bush kommt unverholen zum Ausdruck: "I've paid a price, and i'll keep paying / I'm not ready to make nice / I'm not ready to back down / I'm still mad as hell / It's too late to make it right / I probably wouldn't if I could / Cause I'm mad as hell". Und die Kritik an der Politik des Präsidenten geht noch weiter: Das bedeutungsschwere "I hope" nimmt ein weiteres schwarzes Thema der jüngeren amerikanischen Geschichte auf. Mit dem Song soll den Opfern des Hurrikan "Katrina" Mut gemacht werden, die vergebens auf Hilfe ihres Staatsoberhauptes warteten. Während vor allem in New Orleans Tausende starben und Abertausende ihr Obdach verloren, zog Bush es vor, noch ein wenig im Urlaub zu verweilen. Achtung, Mr. President, diese Chicks sind bissig wie nie. "Es gibt einen roten Faden, eine Grundhaltung, die sich durch das ganze Album zieht - wir sind dreist, zielstrebig und riskieren etwas", sagt Emily Robison. Kommerziell scheint sich dieses Risiko gelohnt zu haben - in den USA schoss die Platte nach Erscheinen sofort an die Spitze der Charts.

Sind lebensverändernde Momente positiv?

Schon früher hatten die Dixie Chicks klar Position bezogen - zum Beispiel mit dem Song "Goodbye, Earl", in dem sich zwei Freundinnen von ihren gewalttätigen Ehemännern befreien. In "Taking the long way" greifen die Musikerinnen pop-untypische Themen wie Alzheimer und Unfruchtbarkeit auf und setzen neben den politischen auch vermehrt auf private Inhalte. Denn die Dixie Chicks sind keine kleinen Mädchen mehr, sondern sind in der Zwangpause alle Mutter geworden. Das zärtlich gehauchte "Lullaby" bezeichnen die drei als ein "Geschenk an unsere Kinder". "Diesmal war alles intimer", sagt Maines. "Die neuen Stücke haben viel mehr Tiefgang, sind reifer und erwachsener als das, was wir früher gemacht haben."

Dieser Tiefgang ist nicht nur thematisch unüberhörbar. "Taking the long way" besteht bis auf wenige Ausnahmen nur aus Balladen oder Midtempo-Nummern. Nach dem letzten Live-Album haben die Texanerinnen zudem die Akustik-Gitarre für sich entdeckt, ohne die fast kein Stück des neuen Albums auskommt. Allerdings - und das ist der einzige Minuspunkt für diese sonst durchweg gelungene Platte -, bei den Mädels scheinen ihre musikalischen Ursprünge ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Überzeugten die Vorgänger wie "Wide Open Spaces" und "Home" noch durch eine unkonventionelle Mischung von Pop- und Country-Elementen, sucht man letztere auf "Taking the long way" vergebens. Trotzdem kommen die Dixie Chicks entspannt und positiv entspannt herüber, der Einfluss von klassischen Rockbands ist nicht zu leugnen.

Und so fällt das Fazit eindeutig aus: Manchmal können lebensverändernde Momente wertvoll sein. Vor allem, wenn etwas so Positives wie "Taking the long way" dabei herauskommt.

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