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TV-Kritik

2. Halbfinale Eurovision Song Contest: Dick und Doof auf Speed und in Farbe

Während die Schweden mit viel Geld ein Riesensolarium auf die ESC-Bühne stellen, verzaubern die vergleichsweise armen Moldawier die Europäer mit einer überdrehten Slapstick-Nummer. Fantastischer Trash, den man einfach lieben muss.

Von Lars Peters

In blauen oder roten Anzügen und gelben Kleidern stehen die sechs Mitglieder von DoReDos aus Moldawien auf der ESC-Bühne

DoReDos aus Moldawien legten - inklusive Doppelgänger - einen Auftritt hin, der in Erinnerung bleiben wird

DPA

Welche Pillen die Moldawier auch immer genommen haben - die will ich auch! Oder macht das arme Land einfach nur aus der Not eine Tugend? Was immer es ist: Am Donnerstagabend waren die drei moldawischen DoReDos-Mitglieder und ihre Doppelgänger beim zweiten Halbfinale des Eurovision Song Contest (ESC) ohne Zweifel die Sieger der europäischen Herzen. Was für eine Show!

Während das Lied "My Lucky Day" einfachste Uptempo-Popware mit Ethno-Klängen ist, ist der Text für jeden, der nur ein paar Brocken Englisch versteht, die blanke Zumutung. Und trotzdem: Es funktioniert. Im Mittelpunkt der Nummer steht eine weiße Wand, an der sich Türen und Fenstern öffnen lassen. Für jedes der drei Bandmitglieder – zwei Männer und eine Frau – gibt es einen Doppelgänger. Zusammen spielen sie eine Nummer, die jedes professionelle Volkstheater-Ensemble neidisch werden lässt. Dick und Doof auf Speed und in Farbe. Perfekt umgesetzt.

Sympathie-Sieger Moldawien

Perfekt umgesetzt und ein wahrer Hingucker war auch der schwedische Beitrag des 20-jährigen Benjamin Ingrosso. Nur dürfte sein Auftritt ein Vielfaches des moldawischen gekostet haben. Denn der Sänger tanzte auf einem übergroßen Solarium mit diversen Neonröhren, die einzeln angesteuert werden können. Das gibt zwar großartige visuelle Effekte, wirkt aber eher wie ein steriler Videoclip als wie ein lebendiger Live-Auftritt. Wie bei den Moldawiern ist auch das schwedische Lied "Dance You Off" eher schwach. Es wurde aber in den USA so auf Hochglanz poliert, dass es problemlos in jeder Radiostation der Welt laufen könnte.

Super-Rekord für Norwegen möglich

Irgendwo zwischen diesen beiden Extremen lag der Auftritt des dritten großen Favoriten des Halbfinals. Der Norweger Alexander Rybak legte mit seiner abwechslungsreichen Show den Grundstein, um am Samstag zum zweiten Mal den ESC zu gewinnen. Das hat bisher nur der Ire Johnny Logan geschafft, der sich 1980 mit "What’s Another Year" und 1987 mit "Hold Me Now" jeweils den Sieg holte. Kann Rybak mit ihm gleichziehen? Die Buchmacher sehen für seinen Beitrag "That's How You Write a Song" durchaus gute Chancen.

ESC 2018


Und Ryback weiß, wie er mit der Kamera flirtet und die Zuschauer begeistert. Das gelang ihm schon beim ESC 2009 als er mit seiner Geige, fröhlichem Tanz und dem eingängigen Song "Fairytale" einen erdrutschartigen Sieg einfuhr. Auch in Deutschland schaffte er es mit dem Lied bis auf Platz 4 der Charts. Dann wurde es ruhig um ihn – bis er wieder mit seiner Geige, fröhlichem Tanz und einem neuen eingängigen Song zum diesjährigen ESC fuhr. Inhaltlich hat das aktuelle Lied allerdings nicht viel zu bieten und manche musikalischen Elemente erinnern stark an die 90er Jahre. Aber mit seiner penetranten Hauptmelodie, die sich schneller in den Gehörgängen festsetzt als der Telekom-Jingle, seinem unveränderten Lausbubencharme und seiner Geige überzeugt Rybak nach wie vor. Er kann am Samstag in Lissabon im Finale das Doppel perfekt machen.

Russland und Rumänien erstmals nicht im Finale des ESC

Nachdem 2004 beim ESC erst eins und später zwei Halbfinale eingeführt wurden, um der vielen am Wettbewerb interessierten Länder Herr zu werden, haben sich mehrere Staaten immer fürs Finale qualifiziert. Dazu gehörten bis Donnerstagabend auch Russland und Rumänien. Dank oft guter Beiträge und vieler Landsleute, die aus unterschiedlichen (Nachbar-)Staaten für das Mutterland anrufen können, waren sie immer im Finale dabei, wenn es nicht vorher andere Gründe für eine Nichtteilnahme gab.


Das war etwa letztes Jahr für Russland der Fall, als der schwerkranken russischen Sängerin Julia Samoylova von den ukrainischen Behörden die Einreise ins Land zum ESC verweigert wurde, weil sie zuvor auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim aufgetreten war. Das russische Fernsehen nominierte die Rollstuhlfahrerin dieses Jahr erneut. Mit ihrem zähen und über weite Strecken schlecht gesungen Lied "I Won’t Break" blieb sie im Halbfinale hängen. So erging es auch der rumänischen Band The Humans, deren Song einfach zum Einschlafen war.

Ungarischer Schlager-Hardrock zündet

Wirklich jeder Zuschauer des Halbfinals war dahingegen schon bei den ersten Tönen des ungarischen Beitrags "Viszlát Nyár" wieder hellwach. In Landessprache beschrie der Sänger der Band AWS den "Abschied vom Sommer". Musikalischer Krach mit Schlagerstruktur, viel Pyro und einem Bassisten, der sich rücklings ins Publikum wirft - auch so kommt man im Jahr 2018 ins ESC-Finale.

Dort treffen die Ungarn am Samstag auf serbische Folklore, ein dänisches Wikinger-Imitat, klassischen Rock aus den Niederlanden, fröhlichen Pop aus Australien, einen stakkatoartigen Dance-Song aus Slowenien und eine dynamische, ansonsten aber undefinierbare Musikmatsche aus der Ukraine. Auch diese Beiträge qualifizierten sich am Donnerstagabend.

Überraschungserfolg für Deutschland?

Fest gesetzt für das ESC-Finale war von Anfang an der deutsche Vertreter Michael Schulte mit seinem Titel "You Let Me Walk Alone". Bei seinem Auftritt bei den Proben, von denen ein Teil auch in der Sendung am Donnerstagabend gezeigt wurde, hat er geliefert. Die Bühnenshow mit vielen emotionalen Effekten im Hintergrund passt, und Schultes Stimme sitzt sowieso. Mit dieser Mischung stürmt er seit gestern bei den Wettbüros deutlich nach vorn. Zeitweise hatte er bei den Wetten auf Sieg die siebtbeste Quote – ein gutes Omen für eine Top-10-Platzierung. Wenn es dazu käme, wäre es das erste Mal seit Roman Lobs 8. Rang mit "Standing Still" im Jahr 2012, dass Deutschland sich beim ESC wieder so hoch platzieren könnte. Das hatten die wenigsten Beobachter vor Schultes Reise nach Lissabon gedacht. Aber wie sang Katja Ebstein beim ESC 1970 schon so passend? Genau: Wunder gibt es immer wieder.

Sehen Sie im Video: "Schrille Outfits, kraftvolle Stimme: Das ist die Favoritin des diesjährigen ESC" 

Netta:
tkr