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ESC im Krisenland: Kein Bock auf Kiew

Viele Fans des Eurovision Song Contest reisen in diesem Jahr aus Angst nicht ins Gastgeberland Ukraine. Dabei wäre ihre Unterstützung wichtig, vor allem für die Schwulen und Lesben in Kiew.

Von Jens Maier, Kiew

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"Celebrate Diversity" heißt das Motto des diesjährigen Eurovision Song Contest in Kiew: Feiere die Vielfalt. Um zu beweisen, dass diese Worte nicht nur eine hohle Phrase sind, plante die Stadtverwaltung die Umgestaltung eines alten Sowjetdenkmals. Der Arka druschby narodiw, der Bogen der Völkerfreundschaft, oberhalb des Flusses Dnepr sollte weithin sichtbar in den Farben des Regenbogens erstrahlen. Künstler Gennadiy Kurochka begann, den Bogen mit bunter Folie zu bekleben. Doch vollenden konnte er sein Kunstwerk nicht. "Das ist versteckte LGBT-Propaganda", tönten militante Rechte, da der Regenbogen auch ein Symbol für Schwule und Lesben ist. Unter Androhung von Gewalt sorgten sie dafür, dass Kurochka seine Arbeit einstellen musste.

Es sind Meldungen wie diese, die viele Fans des Eurovision Song Contest vor einer Reise nach Kiew abhalten. "Kiew? Nein, danke", sagen selbst eingefleischte ESC-Anhänger. Schlagzeilen über Homophobie und die brisante politische Situation in der Ukraine haben viele verunsichert. Im Osten des Landes kommt es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen, sieben Prozent des Staatsgebietes werden nicht von der Regierung kontrolliert. Selbst im Wettbewerb eskalierte der Streit zwischen Russland und der Ukraine: Die russische Sängerin durfte nicht einreisen, es kam zum Eklat. Keine gute Werbung für ein Land, das sich vielfältig und offen präsentieren möchte.

Denkmal der Völkerfreundschaft in Kiew

Arbeiter streichen in Kiew das Denkmal der Völkerfreundschaft in Regenbogenfarben


Starke Sicherheitskontrollen zum ESC in Kiew

Dabei zeigt sich der Wunsch nach Freiheit und westlichem Lebensstil überall in der Stadt. "Freedom is our Religion" steht auf einem riesigen Plakat auf dem Majdan. Es ist der Platz, auf dem im November 2013 tausende Menschen für ihre Freiheit und eine Anbindung an Europa kämpften. Hier, im Mittelpunkt der Stadt, ist der Krieg im Osten des Landes weit weg. Am Majdan treffen sich Studenten zum Feiern, gehen Familien mit Eiscreme in der Hand spazieren. Kiew wirkt nicht wie die Hauptstadt eines Krisenlandes. Wären da nicht die Militärfahrzeuge am Rande des Platzes.

"Überall ist jetzt Polizei", sagt Sergej. Der 35-Jährige, der früher bei einer Computerfirma gearbeitet hat, seinen Job verlor und inzwischen Taxi fährt, zeigt auf einen Streifenwagen. "Die halten jeden an, der ein Kennzeichen aus Donezk hat", erklärt er. Die Regierung habe die Sicherheitskontrollen während des Eurovision Song Contest verschärft. 

Francesco Gabbani, der italienische Kandidat beim ESC in Kiew

Auch vor der Messehalle, wo am 13. Mai das Finale ausgetragen wird, ist das sichtbar. Polizei und Militär riegeln das Gelände hermetisch ab. Busse werden mit Spürhunden nach Sprengstoff durchsucht und der Boden mit Spiegeln kontrolliert. Wer rein will, muss wie am Flughafen Metalldetektoren passieren. Die Maßnahmen mögen erschreckend aussehen, doch auch beim ESC in Wien 2015 oder im vergangenen Jahr in Stockholm waren die Sicherheitsvorkehrungen ähnlich hoch.

Schwule in Kiew haben Angst vor Diskriminierung

"Habt keine Angst, hierher zu kommen", sagt LGBT-Aktivistin Kate Osadchenko an alle homosexuellen ESC-Fans gerichtet. Zwar sei die Situation für Schwule und Lesben in der Ukraine nicht einfach: Viele trauten sich aus Angst vor Diskriminierung nicht, sich vor ihren Familie, Freunden oder im Beruf zu outen. "Wer sich in der Öffentlichkeit küsst, wird angefeindet. Das habe ich selbst erlebt", erzählt sie. Aber Kiew sei nicht im Mittelalter gefangen. Es gebe drei Schwulenbars in der Stadt, "gemessen an der Einwohnerzahl von drei Millionen ist das zwar zu wenig, aber wir machen Fortschritte", sagt die offen bisexuell lebende Osadchenko. Der Eurovision Song Contest könne helfen, die Dinge zu beschleunigen. "Kommt her, teilt Eure Erfahrungen mit uns, unterstützt uns."

Der Regenbogen am Bogen der Völkerfreundschaft wird unvollendet bleiben. "Wir lassen es jetzt so, wie es ist”, schreibt Initiator Gennadiy Kurochka auf Facebook. Die blanken Stellen in der Mitte könnten so als Symbol interpretiert werden: Für die Probleme Kiews auf dem Weg zu einer toleranten und vielfältigen Metropole.

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