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Eurovision Song Contest: Herzschmerz unterm Halbmond

Einmal mehr möchte die Türkei zeigen, dass sie zu Europa gehört. In Istanbul findet der diesjährige Eurovision Song Contest statt, dem nicht nur die Fans vom Bosporus entgegen fiebern.

Rot ist die dominierende Farbe, ein rotes Herz mit Stern und Halbmond, rot wie die türkische Nationalflagge. Von oben bis unten in Rot gehüllt sind auch die massiven Betonsäulen der Abdi-Ipekci-Sporthalle in Istanbul, in der die Türkei in dieser Woche zum Eurovision Song Contest 2004 lädt. "No boundaries" heißt die gerade auch in Europa erschienene CD der türkischen Vorjahressiegerin Sertab Erener, die damit den Wettbewerb in die Türkei holte. "Keine Grenzen" könnte auch das Motto des Musikmarathons in Istanbul lauten, mit dem die Türkei einmal mehr unterstreichen will, dass sie trotz ihrer europäischen Randlage die Herzen in Europa für sich einzunehmen vermag.

Vorhang auf für die Profis: Nachdem in den vergangenen Tagen Hunderte von Arbeitern und Technikern Bühnendekor, Licht- und Toninstallationen in die 10 000 Zuschauer fassende Sportarena eingepasst haben, fiebern die eingefleischten Fans der ersten Ausgabe des neuen Konzepts des früheren Grand Prix d’Eurovision de la Chanson entgegen, bei der Stefan-Raab-Schützling Max ("Can’t Wait Until Tonight") aus Deutschland und seine Kontrahenten aus 35 Ländern für Glamour, Herz und Schmerz zuständig sind.

Max ist gesetzt

Der immer größer werdenden Schar der Teilnehmerländer ist es zu verdanken, dass Vergnügen und Spannung auf der Eurovisions-Bühne dieses Jahr noch länger dauern. Während dem Abiturienten Max als einem der 14 "gesetzten" Kandidaten - Deutschland, Frankreich Großbritannien, Spanien sowie die zehn Besten des Vorjahres - der Platz im Finale am 15. Mai bereits sicher ist, wetteifern beim Halbfinale am 12. Mai zunächst 22 Kandidaten um die restlichen 10 der 24 Final-Plätze.

Für größtes Herzklopfen bei allen Beteiligten dürfte indes ohne Zweifel wieder die traditionelle Punktevergabe ("twelve points, douze points") sorgen - das unverzichtbare Markenzeichen, ohne das der Eurovisions-Wettbewerb auch in seinem 49. Jahr undenkbar scheint. Für die voller Elan in die gerade erst auf 25 Staaten erweiterte Europäische Union strebende Türkei könnte der Zeitpunkt für die Ausrichtung des Wettbewerbs kaum günstiger ausfallen. Mehr noch als mit Höchstpunkten für den eigenen Kandidaten - die Ska-Pop-Gruppe Athena und ihren Wettbewerbstitel "For Real" - zu glänzen, eröffnet sich für das Land am Bosporus die Gelegenheit, sein Talent als Veranstalter eines dermaßen aufwendigen Mega-Events unter Beweis zu stellen.

In atemberaubender Weise Sympathiepunkte eingeheimst

Zudem hat die Türkei in jüngster Zeit bereits in der öffentlichen Meinung Europas auf politischem Feld in nahezu atemberaubender Weise Sympathiepunkte eingeheimst. Anfängliche Überlegungen und Bestrebungen, den Sangeswettstreit in Antalya am Mittelmeer oder im antiken Theater von Efes (Ephesus) zu veranstalten, um damit dem touristischen Image der Türkei einen zusätzlichen Schub zu verleihen, waren schnell vom Tisch. Praktische Erwägungen gaben den Ausschlag für die Abdi-Ipekci-Halle, in der sonst vornehmlich die Basketballer Körbe werfen. Auf halbem Wege zwischen dem Istanbuler Flughafen und dem historischen Stadtzentrum direkt vor den gewaltigen Überresten der einstigen byzantinischen Landmauer gelegen, bietet der "Betonklotz" nicht nur gute Verkehrsanbindungen, sondern durch seine Umgebung auch einen Hauch von Geschichte.

Ingo Bierschwale, DPA / DPA