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Finale des Eurovision Song Contest 2012: Loreen und Anke - die Heldinnen von Baku

Sie haben den 57. Eurovision Song Contest gerettet: Die schwedische Siegerin Loreen und Anke Engelke, die sich bei der deutschen Punktevergabe politisch äußerte.

Von Jens Maier, Baku

Es ist totenstill in der Kristallhalle von Baku, als Anke Engelke die magischen Worte sagt: "Es ist gut, abstimmen zu können und gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf dem weiteren Weg, Aserbaidschan. Europa wird dich dabei beobachten." So leitet sie die deutsche Punktevergabe live von der Hamburger Reeperbahn ein. Während die Aserbaidschaner wie erstarrt in die Runde schauen, brandet bei einigen deutschen Fans in der Arena Jubel aus. Mit "Bravo, Bravo"-Rufen unterstützen sie das Statement für die Freiheit. Anke Engelke hat mit ihrem Mut verhindert, dass der Eurovision Song Contest (ESC) 2012 zu einer Jubelveranstaltung des autoritären Regimes in Aserbaidschan wird. Sie ist eine der Heldinnen von Baku. Die andere ist die schwedische Sängerin Loreen.

Mit haushohem Vorsprung hat Loreen am Samstagabend mit ihrem Song "Euphoria" den 57. Eurovision Song Contest in Baku gewonnen. Aus 18 Ländern, darunter auch aus Deutschland, erhielt sie die Höchstnote von zwölf Punkten, außerdem etliche Zehn- und Acht-Punktewertungen. Italien war das einzige Land, das gar keine Punkte an Schweden vergab. Ganze 372 Zähler standen am Ende auf dem Konto der 28-Jährigen. Das ist nach Alexander Rybaks Sieg 2009 die zweithöchste Wertung aller Zeiten. Auf dem zweiten Platz (259 Punkte) landete Russlands omatöse Girl-Group Buranowkije Babuschki mit dem Gute-Laune-Song "Party for everybody", auf dem dritten der serbische Teilnehmer Željko Joksimović mit seiner Ballade "Nije Ljubav Stvar". Für Loreen war es beinahe ein Start-Ziel-Sieg. Schon nach vier Wertungen lag die Schwedin in Führung - und sollte sie bis zum Ende nicht mehr hergeben. Dabei darf ihr Auftritt durchaus als bizarr bezeichnet werden.

Zuschauer stimmen lauthals ein

Mit einem Beschwörungstanz hat die barfüßige Loreen Europa betört. Die dunklen Fransenhaare wehen ihr wild ins Gesicht, die Bühne ist in düsteres Licht gehüllt. Nur Loreen wird mystisch vom Scheinwerferlicht angestrahlt. Wie beim Hexentanz geht sie mit dem linken Bein in die Knie, spreizt das rechte zur Seite ab und bewegt die Hände zur magischen Acht, um dann ein lautes "Feeling up-up-up-up-up" auszustoßen. In den Refrain stimmen die 16.000 Zuschauer in der Kristallhalle lauthals ein, ehe dann sogar Kunstschnee auf die Schwedin nieder rieselt. Beim Juryfinale am Freitagabend hatte sie sich an einer Flocke verschluckt. Doch trotz ihres "Feeling up-up-up-hust-up", den die Jurys zu sehen bekamen, war ihr der Sieg nicht zu nehmen. Grandioser Abschluss des Spektakels ist Loreens Pina-Bausch-Sprung auf ihren Tänzer. Kaum einen der Zuschauer hält es jetzt noch auf den Sitzen. Loreen ist nicht nur der Liebling Europas, sondern auch der Kristallhalle.

Dabei hat sie während ihres Aufenthalts in Baku für einige Kontroversen gesorgt. Nachdem sie sich in der vergangenen Woche mit mehreren Menschenrechtlern in der aserbaidschanischen Hauptstadt getroffen hatte, wurde hinterher sogar der schwedische Botschafter ins Außenministerium einbestellt. Loreen möge sich doch bitte auf ihre Musik konzentrieren und nicht in innere Angelegenheiten des Landes einmischen, lautete die Forderung der autoritären Führung Aserbaidschans. Doch Loreen ließ sich nicht den Mund verbieten. Auch auf der Pressekonferenz nach ihrem Sieg wagte sie sich aus dem Fenster. Danach gefragt, was ihr eigenwilliger Tanz ausdrücken soll, antwortete sie kurz: "Der Tanz demonstriert Freiheit." Bravo!

Eurovision Song Contest vor Schande bewahrt

Es sind solche Sätze, die den Eurovision Song Contest 2012 vor einer Schande bewahrt haben. Immer wieder hatte die Europäische Rundfunkunion EBU zuvor erklärt, dass der Grand Prix ein unpolitisches Event sei und damit überhaupt erst die Begründung geliefert, warum das Musikspektakel in einem Land stattfinden kann, in dem Menschenrechte, Presse- und Redefreiheit und das Recht auf freie Wahlen eingeschränkt sind. Ausgerechnet in dieser unpolitischen Show waren am Samstagabend aber etliche politische Anspielungen der Gastgeber zu sehen.

Da waren die Einspielfilme, mit denen der nächste Teilnehmer vorgestellt wurde. Sie zeigten meist gestellte Szenen aus Baku. Videosequenzen von schönen Fassaden und bunt angeleuchteten Häusern. Ziemlich einfallslos das ganze, tat aber auch niemandem weh. Aber da war auch die Postkarte vor dem Auftritt des Gastgeberlandes Aserbaidschan. "Karabach" war darauf zu lesen und zeigte die von Armenien besetzte und völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehörende Region. Ein politischer Affront gegen den Nachbarn, der das Finale live ausstrahlen musste. Als dann auch noch ausgerechnet der Schwiegersohn des Präsidenten, Sänger Emin Agalarov, im Pausenakt auftrat (für ihn wurden die vergangenen Eurovisionsgewinner Niki und Ell, Lena, Alexander Rybak, Dima Bilan und Marija Šerifović ins Semifinale verbannt) und theatralisch eine überdimensionale aserbaidschanische Fahne küsste, war für viele angereiste Fans die Grenze des guten Geschmacks erreicht.

"Es geht auch um Völkerverständigung"

"Patriotismus in allen Ehren", sagt Bernd Ochs, der als deutscher Fan die Show in der Arena mitverfolgt hat. "Ich stehe hier auch im Deutschlandtrikot und wedele mit der deutschen Fahne, um Roman Lob zu unterstützen." Aber der Grand Prix lebe davon, dass kein Land sich über ein anderes stelle. "Es geht nicht nur um Musik, sondern auch um Freundschaft und Völkerverständigung." In Düsseldorf seien selbstverständlich die Flaggen aller Teilnehmerländer auf der Bühne zu sehen gewesen. Wie Aserbaidschan sich am Samstagabend präsentiert habe, sei teilweise "arrogant" und "widerlich" gewesen. "Ich bin heilfroh, dass der ESC im nächsten Jahr in einem freien Land stattfinden wird und freue mich auch über die gute Platzierung von Roman Lob."

Lob hat mit seinem Jamie-Cullum-Song "Standing Still" den achten Platz belegt. Sein reduzierter Auftritt ohne Pyrotechnik und Windmaschine schien Europa gefallen zu haben. Mit Mütze und im Schlabbershirt eroberte er die Herzen der Fernsehzuschauer. Dabei sah es lange Zeit gar nicht gut für den 21-Jährigen aus. Nach der Hälfte der Abstimmung lag er abgeschlagen hinten. "Ich war ganz schön nervös", sagte Lob hinterher zu stern.de. "Ich saß da und hab' gesehen, wie Deutschland einen Punkt bekommen hat und dann sechs Länder lang gar nichts. Da hab ich mich schon gefragt: Was hast du falsch gemacht?" Doch anscheinend gar nichts. Neben der spanischen Teilnehmerin Pastora Soler lieferte Lob einen der stimmlich perfektesten Auftritte und startete eine famose Aufholjagd. Aus 20 Ländern erhielt der Mann mit den braunen Rehaugen schließlich Punkte, darunter jeweils zehn aus Irland, Ungarn, Estland, Dänemark und Portugal. Insgesamt kam er damit auf 110 Zähler und somit mehr als Lena Meyer-Landrut bei ihrer zweiten Teilnahme im vergangenen Jahr in Düsseldorf (10. Platz, 107 Punkte). "Super glücklich" sei er über sein Abschneiden "Top zehn wollte ich, supergeil. Achter Platz, was will man mehr? Das war mein Wunsch und ich bin stolz darauf, das erreicht zu haben."

ESC endet versöhnlich

"Stockholm, Stockholm, wir fahren nach Stockholm", skandieren einige deutschen Fans am frühen Morgen vor dem Pressezentrum. So endet der 57. Eurovision Song Contest im umstrittenen Austragungsort Aserbaidschan versöhnlich. Nicht nur wegen des famosen Siegs der Schwedin, sondern weil es dem autoritären Regime zum Glück nicht gelungen ist, Singspiele für einen Diktator aus dem Musikwettbewerb zu machen. Zu verdanken ist dies allerdings nicht der EBU, die sich feige aus ihrer Verantwortung gestohlen hat, sondern all denjenigen, die nicht geschwiegen haben. So wie Anke Engelke und Siegerin Loreen.

Nachtrag: Auch bei der schwedischen und finnischen Punktevergabe gab es eine Anspielung auf die Menschenrechtssituation in Baku. Beide Länder haben sich auf ihre Weise über die Bombastshow lustig gemacht. In ironischer Weise schlüpfte Moderatorin Sarah Dawn Finer in die Rolle einer von einem totalitären Staat bezahlten Fremdenführerin und schwärmte mit verstellter und übertriebener Stimme vor, wie "amazing" der ESC in Baku gewesen sei. Bei Hartrocker Lordi liefen bei der Punktevergabe Hochglanzbilder aus Finnland im Hintergrund, die erstaunlich an die grotesken Postkarten Aserbaidschans erinnerten.