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Finale des Eurovision Song Contest in Baku Wer zeigt Flagge für die Menschenrechte?


Die EBU verbietet politische Statements auf der Bühne des Eurovision Song Contest und droht mit Konsequenzen. Traut sich im Finale trotzdem jemand, Flagge für die Menschenrechte zu zeigen?
Von Jens Maier, Baku

Die Regel der European Broadcasting Union (EBU) ist eindeutig: Politische Äußerungen sind auf der Grand-Prix-Bühne nicht erlaubt. Bei Zuwiderhandlung kann dies mit einer erheblichen Geldstrafe oder im schlimmsten Fall sogar mit der Disqualifikation geahndet werden. Dass sie zu harten Mitteln greifen würde, daran lässt die EBU keinen Zweifel. 2009 hat sie den georgischen Beitrag "We don't want put in" von vornherein aus dem Wettbewerb ausgeschlossen, weil er als Anspielung an Russlands Präsident Putin verstanden werden konnte. Wird sich am Samstagabend beim Finale des Eurovision Song Contest trotzdem jemand trauen, Flagge für die Menschenrechte zu zeigen?

Der norwegische Teilnehmer Tooji hat sich in dieser Woche auf seiner Pressekonferenz vorgewagt. An seiner Hand trug der im Iran geborene Sänger ein grünes Armband zur Unterstützung der Opposition gegen das Mullahregime in seiner ehemaligen Heimat. "Ich finde, dass jedes Land der Welt auf den Werten von Demokratie, Gleichheit vor dem Gesetz und Redefreiheit aufgebaut sein sollte. Es wäre scheinheilig von mir zu sagen, dass dies in Aserbaidschan der Fall ist", lautet Toojis eindeutige Erklärung zur Situation im Austragungsort. Trotzdem wird auch er auf der Bühne unpolitisch bleiben. "Wir Künstler sind nicht dafür zuständig, politische Reformen in Gang zu bringen. Ich bin hier um Musik zu machen", erklärt er.

Teilnehmern droht Disqualifikation

So oder so ähnlich sehen das fast alle Teilnehmer. Viele haben in den vergangenen Tagen in Interviews klar gemacht, dass sie nicht damit einverstanden sind, wie in Aserbaidschan mit Oppositionellen und kritischen Journalisten umgesprungen wird. Doch das Risiko, disqualifiziert zu werden und gar einen mehrjährigen Ausschluss seines Heimatlandes aus dem Wettbewerb auf sich zu nehmen, scheint vielen ein zu hoher Preis. Doch möglicherweise sind es gar nicht die Künstler allein, die in die Pflicht genommen werden könnten, für Menschenrechte einzustehen.

Was wäre, wenn die anwesenden Fans in der Kristallhalle Transparente entrollen, die Regenbogenflagge - das Symbol von allen Homosexuellen - wedeln oder einfach nur T-Shirts, zum Beispiel der Sing-for-Democracy-Bewegung, tragen würden? Würde die EBU solche Bilder zeigen? "Es gibt keine Anweisung der EBU, etwaige Protestplakate oder ähnliches nicht zu zeigen. Aus meiner Kenntnis der handelnden Personen auf dem Übertragungswagen denke ich, dass der ESC genau so behandelt werden wird wie jeder andere Live-Event", sagt Thomas Schreiber, NDR-Unterhaltungschef und Mitglied der EBU-Referenzgruppe. Damit stellt er klar, dass falls es solche Szenen gibt, diese auch live nach Europa ausgestrahlt werden würden.

Fans in der Pflicht?

Ist dies also möglicherweise eine Form des Protests? Sind die Fans in der Pflicht? Klaus Woryna, Vorsitzender des deutschen Fanclubs OGAE, warnt: "Ich empfehle jedem, sich die Rückseite seines Tickets ganz genau durchzulesen. Darauf gibt es in diesem Jahr zum ersten Mal eine Regel, die besagt, dass nur Flaggen der Teilnehmerländer erlaubt sind. Das Mitbringen der Regenbogenfahne oder anderer Transparente ist also gar nicht möglich." Warum und wieso diese Regelung eingeführt wurde, darauf hat sich die EBU auf stern.de-Nachfrage nicht geäußert.

Bereits in den beiden Semifinals war ein ungewöhnlich großes Aufgebot an Sicherheitskräften in der Arena platziert. Angeblich sollen bis zu 1000 der 16.000 Zuschauer Security-Leute in Zivil gewesen seien, die einzeln in den Sitzreihen platziert waren. Was genau ihr Auftrag war und ob das Verhindern von Protestplakaten dazu gehört, ist unklar. "Bitte haben sie Verständnis, dass wir uns zu unserem Sicherheitskonzept nicht äußern können", sagt Jan Ola Sand, Executive Supervisor der EBU. Über den Sinn der vielen Regeln und Verbote, die der Veranstalter des ESC inzwischen aufgestellt hat, wird nach diesem Song Contest ohnehin noch zu reden sein.

Kommentatoren können sich frei zu Menschenrechten äußern

Am wahrscheinlichsten scheint derzeit ein Statement einer der 42 Personen, die in Live-Schaltungen die Punkte vergeben werden. 2009 in Moskau verlas die schwedische Moderatorin die Wertung mit einer Regenbogenkette um den Hals - eine etwaige Strafe der EBU blieb aus. Und auch die Kommentatoren aus den einzelnen Ländern können sich frei zu den Menschenrechten äußern. "Natürlich werde ich darauf eingehen", sagt Peter Urban, der für die ARD das Finale kommentieren wird. Wie bereits in den beiden Halbfinals werde er die Menschenrechtslage in Aserbaidschan kommentieren, sagt er. "Selbstverständlich werde ich auch auf das eingehen, was eventuell in der Halle vor sich geht."

Vielleicht wird es ja auf Andeutungen und Anspielungen ankommen, mit denen die Teilnehmer das knallharte Verbot umgehen können. Frankreich ist das bereits gelungen. Als bei der Vorstellung der sogenannten Big Five, also der Länder, die für das Finale gesetzt sind, der französische Beitrag von Sängerin Anggun gezeigt wurde, waren im Video zwei Soldaten zu sehen, die sich unter einer Gasmaske küssen. Der Ausschnitt hat beim Public Viewing in Baku zu heftigen Reaktionen geführt. Nach Augenzeugenberichten haben mehrere hundert Männer lautstark gebuht, als die Kussszene zu sehen war. Ein Fan hat das so kommentiert: "Hoffentlich findet der Grand Prix im nächsten Jahr wieder in einem normalen Land statt."


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