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Grand-Prix-Vorentscheid: Zu zahm für Europas Musikzirkus

Heute Abend streiten Heinz Rudolf Kunze, Roger Cicero und Monrose um das Ticket zum Eurovision Song Contest in Helsinki. Egal wer gewinnt - über brave Handwerkskunst kommen die deutschen Bewerber nicht hinaus.

Von Carsten Heidböhmer

"Wie sie geh'n und steh'n / Wie sie dich anseh'n / ... Frau'n regieren die Welt": Zu sattem Big-Band-Sound schmettert Swing-Sänger Roger Cicero seine Hommage an das vermeintlich schwache Geschlecht - es ist schließlich Weltfrauentag. Heute findet aber auch der Vorentscheid zum Grand Prix statt. Und Cicero ist einer von drei Bewerbern um das deutsche Ticket nach Helsinki. Was liegt da näher, als sich mit einem Song beim weiblichen Teil des Publikums einzuschmeicheln - denn jede Stimme zählt.

Heinz Rudolf Kunze versucht es da lieber mit einem Lied über den gegenwärtigen Zustand unserer Nation. Kein anderer ist so gut darin, Nachdenklichkeit vorzutäuschen. "Vom Meer bis an den Alpenrand/ ein ausgelassnes Lockerland", singt er. Und dann im Refrain: "Die Welt ist Pop, die Welt ist gut". Natürlich meint er das gar nicht so. Ist doch - zwinker, zwinker - alles nur Spaß, Ironie. Das könnte die Akademiker unter den Zuschauern an die Telefone treiben. Diejenigen, die sich zu gut abgehangenen Rock-Klängen aus der Zeit ihrer Jugend immer wieder ihrer kritischen Intelligenz vergewissern.

Wer soll für Deutschland nach Helsinki fahren?

Zwei nachvollziehbare Strategien, um in Deutschland Stimmen zu sammeln. Doch was macht Herr Cicero am 12. Mai in Helsinki? Dann ist der Weltfrauentag schon lange vergessen. Wird sich Europa dann für eine handwerklich solide Musik begeistern, die ihre Blütezeit vor 70 Jahren hatte?

Und werden sich Studienräte aller Länder spontan für Heinz Rudolf Kunzes nationale Zustandsbeschreibung vereinigen, die im musikalischen Gewand eines Rolling-Stones-Songs der späten 60er Jahre daher kommt?

Wohl kaum.

Bleibt als dritte Möglichkeit immer noch Monrose. Das aus der Casting-Show "Popstars" hervorgegangene Mädchen-Trio hat auf den ersten Blick noch die besten Chancen, europaweit zu bestehen. Mit "Even Heaven Cries" haben die Drei eine solide produzierte R&B-Ballade im Gepäck, wie sie seit den 90er Jahren zum festen Radiorepertoire gehört. Musik, mit der Destiny's Child bereits vor zehn Jahren Welterfolge feierte.

Glatt und professionell

Als einzige der drei Bewerber verfügen sie über eine eigene Choreografie, ihr Bühnenbild ist aufwendig gestaltet, dazu tragen die drei geschmackvolle Kleider. Wer befürchtet hatte, dass Monrose die Erotik-Karte spielen, wird eines Besseren belehrt. Trotz ihres jugendlichen Alters geben sich Monrose durch und durch professionell und gereift.

Gerade darin liegt aber auch das große Manko des Trios. Von ihrem Management zu einem perfekten Produkt designt, verheißen Monrose soviel Aufregung und Abenteuer wie das Nachmittagsprogramm eines Formatradios. Zu wenig, um europaweit zu bestehen.

Schaut man sich die Wettbewerbe der letzten Jahre an, glichen diese eher einem bunten Zirkus, in dem sich die wildeste Kreatur durchsetzte - im vergangenen Jahr gewann mit Lordi sogar ein veritables Monstrum. Daneben wirken die deutschen Bewerber wie zahme Pudel. Die Veranstalter beim NDR könnten im nächsten Jahr ruhig etwas mehr Mut aufbringen. Dass die deutsche Musiklandschaft durchaus aufregende Acts zu bieten hat, beweist Stefan Raab seit Jahren mit seinem Bundesvision Song Contest.