HOME

Stern Logo Eurovision Song Contest

Kommentar: Der NDR löst das Volk auf

Nach dem Debakel beim diesjährigen Eurovision Song Contest glaubt der NDR, den Sündenbock gefunden zu haben: Das Fernsehvolk ist schuld - es hat einfach immer die falschen Künstler ausgewählt. Doch eine Jury wird das Problem nicht beheben.

Von Carsten Heidböhmer

Es ist schon ein Jammer mit dem Grand Prix. Jahr führ Jahr fahren unsere Sänger mit großen Hoffnungen zum Finale des Eurovision Song Contest - und kehren, vom europäischen Publikum abgewatscht, wie geprügelte Hunde heim. Immer wieder hat der für den Gesangswettbewerb zuständige NDR versucht, mit Regeländerungen für mehr Erfolg zu sorgen. Geändert hat es an der deutschen Misere nichts.

Ab 1997 reformierte der für den Wettbewerb zuständige NDR das Konzept des Wettbewerbs, nachdem die beiden Vorjahre desaströs ausgefallen waren: 1995 landeten die deutschen Vertreter Stone & Stone nur auf dem 23. Platz. Ein Jahr später schaffte es der auserwählte Leon gar nicht erst in die Endrunde - das einzige Mal in der Grand-Prix-Geschichte, dass Deutschland im Finale nicht vertreten war.

Bunte Vögel für Europa

Unter der Führung von dem damaligen NDR-Unterhaltungschef Jürgen Meyer-Beer wurde der Grand Prix vom Schlager-Mief befreit. Plattenfirmen wurden in die Auswahl der Künstler einbezogen, und die Zuschauer durften per Telefonvoting ihren Kandidaten unter zehn oder mehr Teilnehmern auswählen. Das brachte bunten Vögeln wie Guildo Horn oder Stefan Raab den Sieg beim nationalen Vorentscheid - und beim Finale einstellige Plätze. Doch mit dem Ende der Spaßgesellschaft funktionierte dieses Prinzip nicht mehr - und nach dem letzten Platz für die "DSDS"-Teilnehmerin Gracia im Jahr 2005 war für Meyer-Beer Schluss. Nachfolger Thomas Schreiber setzte daraufhin auf Klasse statt Masse. Der Zuschauer durfte fortan nur aus drei beziehungsweise fünf Kandidaten auswählen. Besser wurde es dadurch nicht: Es folgten ein 15., dann ein 19. Rang. Und in diesem Mai landeten die No Angels auf dem letzten Platz - punktgleich mit Polen und Großbritannien.

Bei so viel Misserfolg musste dringend ein Sündenbock her. Und der war für den NDR schnell gefunden: Das dumme Fernsehvolk war schuld. Der Sender verfährt nun ganz wie die Regierung in Bertolt Brechts berühmtem Gedicht - und löst einfach das Volk auf. Mit Riesenschritten zurück in die Vergangenheit: Jetzt soll es wieder eine Fachjury richten. Die soll aus anonym eingereichten Vorschlägen den besten auswählen.

Von diesem Verfahren erhofft sich der NDR, Künstler vom Rang eines Herbert Grönemeyer für den Grand Prix zu gewinnen. Doch warum sollte jetzt klappen, was in den 90er Jahren kläglich gescheitert ist? Zudem haben schon in den letzten Jahren erfolgreiche Künstler teilgenommen - die No Angels sind immerhin die erfolgreichste Girlgroup Kontinentaleuropas, und selbst da klappte es nicht. Ein Herbert Grönemeyer schwebt dagegen schon längst über den Sphären, wo er sich einem Sängerwettstreit stellen muss. Was hätte er dabei schon zu gewinnen?

Es wird also alles beim Alten bleiben. Mit einer Ausnahme: Der NDR kann künftig nicht mehr die Zuschauer verantwortlich machen, wenn's auch im kommenden Jahr wieder heißt: Germany - no Points.